Ärzte Zeitung, 13.01.2011

Passgenaue Hilfen für sehr alte Patienten fehlen

Die demografische Entwicklung führt dazu, dass gerade in der Notfallmedizin der Anteil hochbetagter Patienten stark zunehmen wird. Viele Einrichtungen sind darauf aber nicht vorbereitet. Weder Therapieansätze noch Präventionsstrategien oder auch Heilmittelrichtlinien sind auf diese Altersgruppe zugeschnitten.

Von Anja Krüger

Passgenaue Hilfen für sehr alte Patienten fehlen

Überall Barrieren - auch bei der medizinischen Versorgung sehr alter Menschen.

© farmers market / photos.com

KÖLN. Es scheint eine Binsenwahrheit zu sein: Ärzte müssen immer mehr ältere Menschen und Hochbetagte behandeln, und das wird über kurz oder lang die Kosten im Gesundheitswesen steigen lassen. Doch es gibt auch Mediziner, die das ganz anders sehen. "Ich halte die Mär vom exorbitant wachsenden Geriatriesektor für nicht ausreichend belegt", so Dr. Rüdiger Thiesemann, Chefarzt Innere Medizin - Geriatrie an der Fabricius-Klinik in Remscheid.

Hochbetagte werden nach Auffassung des Mediziners oft nicht seniorengerecht behandelt. Die medizinische Versorgung in der letzten Lebensphase ist nach Thiesemanns Überzeugung deshalb oft sehr teuer, weil die Patienten nach den Standards für 50- bis 70-Jährige versorgt werden. "Das verursacht unnötige Kosten", sagte er bei einer MCC-Fachkonferenz zur Geriatrie in Köln.

Das gilt etwa in der Notfallmedizin. Gerade hier wird der Anteil der Hochbetagten rapide wachsen. Denn mit steigendem Alter nimmt die Frequenz der Kontakte zu Notfallmedizinern zu. "Darauf sind die Notaufnahmen aber nicht vorbereitet", sagte Thiesemann. Im Vergleich zu Jüngeren kommen Ältere mit anderen Krankheiten, zu anderen Zeiten, mit weniger Informationen und für Ärzte schwierigeren Befundkonstellationen in die Notaufnahme. Sehr häufig bei Patienten im hohen Alter sind Ohnmachten. Bei Tuberkulose ist die Inzidenz bei Senioren zwei- bis vierfach erhöht. Die drei häufigsten Infektionserkrankungen, wegen derer Ältere hospitalisiert werden, sind Atemwegserkrankungen, Harnwegs- und Hautinfektionen.

Die Mortalität bei mehreren Erkrankungen ist viel höher als bei Jüngeren, bei einer Lungenentzündung ist sie dreifach erhöht, bei einer Nierenbeckenentzündung ist sie fünf- bis zehnmal, bei einer Blinddarmentzündung 15- bis 20-fach höher. Dem würden die aktuellen Versorgungsstrukturen nicht gerecht. Eine Möglichkeit, eine altersgerechte Versorgung zu erreichen, ist nach seiner Auffassung das Einsetzen geriatrischer Teams.

Nicht nur die Therapie, auch die Prävention muss auf die besondere Lage von geriatrischen Patienten ausgerichtet sein. "Wichtig ist nicht nur die Früherkennung von Krebs, sondern sind auch Screening-Verfahren für andere häufig vorkommende Krankheiten", sagte Professor Werner Vogel, ärztlicher Direktor des Evangelischen Krankenhauses Gesundbrunnen und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie. "Alte Menschen haben ein großes Verdrängungspotenzial bei gesundheitlichen Problemen", sagte er. Einen großen Stellenwert müsse die Sekundärprävention haben, etwa um einen zweiten Schlaganfall zu verhindern.

Vogel plädiert dafür, bei Funktionsstörungen bei Hochbetagten zu unterscheiden, ob sie auf das Alter oder eine Krankheit zurückgehen. Leistungsschwäche, Ermüdbarkeit, Schwindel, Vergesslichkeit, Blasenschwäche, Verdauungsstörungen und mangelnder Antrieb sind altersassoziiert. Lähmungen, Gefühlsstörungen, Atemnot, Ödeme, Gewichtsabnahme, Gleichgewichtsstörungen, Stürze, Inkontinenz, Depression und Schmerz gehen dagegen auf Krankheiten zurück.

Das Sozialgesetzbuch kennt keinen eigenen Leistungsbereich für ältere Patienten. Das kann allerdings auch von Vorteil sein. "Wenn wir eine Leistung anerkennen, hat jeder Anspruch darauf, unabhängig vom Alter", sagte Dr. Rainer Hess, Vorsitzender des Gemeinsamen Bundesausschusses, der über die Kostenübernahme von Leistungen durch die Kassen entscheidet. Anders als etwa in Großbritannien haben Patienten unabhängig von ihrem Alter einen umfassenden Anspruch auf das, was die Medizin zu bieten hat. "Wir brauchen im geriatrischen Bereich keinen Katalog", sagte Hess. Es liege in ärztlicher Verantwortung zu entscheiden, ob alles medizinisch Machbare zur Behandlung eines Hochbetagten eingesetzt werden soll oder nicht.

Die Heilmittelrichtlinien sehen ebenfalls keine Besonderheiten für Ältere vor. Gerade für diese Gruppe ist es aber wichtig, dass die Richtlinien dem Fortschritt rasch folgen. Dafür will der Bundesausschuss sorgen. "Wir wollen den Hörhilfekatalog an den Stand der Technik anpassen", kündigte Hess an. Neue Hörgeräte sollen in die Verordnungsfähigkeit aufgenommen werden.

Bei der Übernahme von Pflegekosten wird der Bundesausschuss auf veränderte Lebensgewohnheiten reagieren. Immer mehr Ältere leben in Wohngemeinschaften. "Wir wollen die Aufnahme betreuter Wohnformen in den Leistungskatalog und die Ausweitung der häuslichen Krankenpflege auf Wohnformen von Menschen, die sich zusammentun", sagte der GBA-Chef.

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