Ärzte Zeitung online, 07.03.2011

Kommentar

Hobbyärzte schönen die Statistik

Von Helmut Laschet

Auf einen beachtenswerten Aspekt für die Beurteilung von Versorgungslücken hat der Vorsitzende des Hausärzteverbandes, Ulrich Weigeldt, Ende letzter Woche hingewiesen: Allein in Baden-Württemberg habe jeder fünfte Hausarzt über ein Jahr lang kein einziges Kassenrezept ausgestellt.

Die Frage ist: Was machen diese Kollegen eigentlich? Psychotherapie? Balintgruppen? IGeL? Jedenfalls behandeln sie keine Patienten mit Diabetes, Infektionen, Herzkreislauf-Krankheiten oder Stoffwechselstörungen, keine Menschen mit Depressionen oder Demenz. Wohl auch keine, die aus stationärer Behandlung entlassen worden sind.

Zwar ist es jedermanns Recht, nach seiner Façon selig zu werden - Vertragsärzte haben aber auch einen öffentlich-rechtlichen Auftrag. Zumindest KVen und Kassen wären danach verpflichtet, in ihren Statistiken und Bedarfsplanungen nur jene Ärzte mitzuzählen, die ihrem umfassenden Versorgungsauftrag gerecht werden.

Würde man Hobbypraxen, Rosinenpicker und Nischen-Doktoren aus der Ärztestatistik bereinigen, ergäbe sich für die Beurteilung der Versorgungslage möglicherweise ein anderes, ernsteres Bild von der Versorgungslage, als die Kassen sich dies malen und der Öffentlichkeit weismachen. Schließlich könnte auch besser beurteilt werden, was Ärzte verdienen, die in der Versorgung voll und ganz ihren Mann stehen.

[08.03.2011, 08:51:53]
Helmut Karsch 
Ist ein Arzt nur dann ein Arzt, im Sinne der Versorgung, wenn er verodnet?
Zunächst wäre es einmal interessant zu wissen, woher Herr Dr. Weigeldt seine Informationen bezieht. Bekanntermaßen wickelt die HÄVG die Abrechnung der Hausarztverträge über die ARZ Haan AG(Apothekenrechnenzentrum) ab. Die Frage die sich hierzu ergibt ist, ob es über diese Schnittstelle eine Dateneinsicht gibt hinsichtlich des Verordnungverhaltens der Ärzteschaft. Ob es datenschutzrechtliche Verletzungen gibt ist die darauf folgende Frage.
Ein weitere Frage ergibt sich, ob in der Folge dieser Argumentation, jeder Hausarzt der kein Sonographiegerät hat nicht "fahrlässig" handelt im Sinne der "fehlenden Diagnostik". Vielleicht reicht aber auch seine Erfahrung und er braucht diese technischen Mittel nicht. Gut zu wissen ist, dass diese deklaratorischen "Hobbyärzte" damit ja überflüssig sind und die Versorgung auch ohne sie klappt. Damit stimmt ja die These der AOK Baden-Würtemberg, man käme tendenziell mit 50% der vorhandenen Hausärzte aus.
Welchen Nutzen diese Behauptung als Interessentvertreter der Hausärzte hat wird sich noch weisen.  zum Beitrag »
[08.03.2011, 08:16:39]
Dr. Jürgen Schmidt 
Auch die Instrumentalisierung von Statistiken will gelernt sein !
Den Zweifeln und Fragen des Autors dieses bemerkenswerten Artikels kann abgeholfen werden.

Das Faktum geschönter Statistiken durch Hobbypraxen ist - besonders im Bereich gering technisierter Praxen mit folglich auch geringen Kosten, d.h. überwiegend auf dem Hausarztsektor - nämlich schon seit längerer Zeit bekannt und nicht erst durch das Zählen von Kassenrezepten aufgedeckt worden.

Dort nämlich, wo die Ärztekammern über gesicherte Angaben zum Einkommen verfügen, weil diese wegen des Kammerbeitrages vom Steuerberater testiert oder entsprechend nachgewiesen werden müssen, ergibt sich ein sehr aufschlussreiches und differenzierbares Bild. Denn mit diesen Daten kann man Honorarverteilungskurven von Arztgruppen erstellen, die Auskünfte über den Median-, Mittelwert, Abweichungen etc ergeben.
Regelmäßig stößt man dabei auf zwei Gruppen, die von der Idealform einer Gauß'schen Verteilung abweichen: Die Gruppe mit sehr hohem und einen Gruppenanteil von oft 20 % mit sehr niedrigem Einkommen, Hobbypraxen nämlich, auch Auslaufpraxen von älteren Kollegen.
Gegenüber der Erhebung durch das Zählen von Kassenrezepten, hat diese Methode den Vorteil, über die Erfassung der zusätzlichen Erlöse aus Privatbehandlung die gesamte strukturelle Funktion für die Versorgung abzubilden.

Doch was lernen wir daraus ?
Die tatsächliche hausärztliche Versorgung ruht auf weniger Schultern als gedacht und das Durchschnittseinkommen des beruflich voll tätigen Hausarztes ist deutlich höher als der Mittel- und der Medianwert, den wir offiziell kennen.
Selbstverständlich ist es auch möglich, das Lebensalter der Kollegen in Beziehung zum Einkommen zu setzen und die Behauptung von unmittelbar bevor stehendem Hausärztemangel verifizieren oder falsifizieren zu können. Grund genug übrigens, dass dieser statistische Giftschrank meist geschlossen bleibt.

Herr Weigelt hätte sich als ehemaliger stellvertretender Kammerchef mit diesen Fakten besser vertraut machen sollen, bevor er versucht, diese zu instrumentailisieren.

Das Einkommen von Fachärzten liegt übrigens zu einem großen Teil unter dem der Hausärzte, zumal dann, wenn die Facharztpraxen nicht an der absoluten Kapazitätsgrenze arbeiten.
Wenn Gefährdungen der Versorgung durch Unterfinanzierung diskutiert werden, sollten auch diese Fakten einbezogen werden.

Fazit: Auch kluge, altgediente politische Redakteure gehen gelegentlich Hinweisen auf den Leim, deren eigentliche Aussage eine ganz andere ist, als der Informant nahe legen möchte. zum Beitrag »

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