Ärzte Zeitung, 16.03.2011

KVWL verstolpert Notdienst-Reform

400 Kilometer Rundreise durch Westfalen, um vier Patienten zu besuchen. Der Start in den neu organisierten Notdienst der KV Westfalen-Lippe verlief holprig. Die KV verspricht, die Kinderkrankheiten zu überwinden.

Von Ilse Schlingensiepen

KVWL verstolpert Notdienst-Reform

Rundreise durchs Westfalen-Land: falsche Routen-Planung beim Start des neu organisierten Notdienstes der KV Westfalen-Lippe.

© Vollmert / pixelio

DORTMUND. Bei der Umsetzung der neuen Notfalldienstordnung der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) gab es viel Sand im Getriebe - vor allem die Arztrufzentrale machte Probleme.

Patienten klagten über lange Warteschleifen am Telefon, unverhältnismäßige Wartezeiten auf Hausbesuche, niedergelassene Ärzte ärgerten sich über die mangelhafte Koordination der Fahrdienste und die Zeitungen prangerten das Notdienst-Chaos an.

Zwar haben sich die Wogen inzwischen etwas geglättet, doch die KVWL hat noch eine Menge Arbeit vor sich. "Wir setzen alles daran, die Probleme so schnell wie möglich aus dem Weg zu räumen", sagt der KVWL-Vorsitzende Dr. WolfgangAxel Dryden.

Testanrufe blockierten die Arztrufzentrale

Seit dem 1. Februar stellen in Westfalen-Lippe 67 Notfalldienstpraxen die Patientenversorgung außerhalb der regulären Praxiszeiten sicher. Der Großteil der Praxen hat eine direkte Krankenhausanbindung.

Die Arztrufzentrale in Duisburg koordiniert über eine einheitliche Rufnummer die Fahrdienste der Ärzte. Für die Fahrten zu den Patienten hat die KVWL Verträge mit der Johanniter-Unfall-Hilfe und dem Arbeiter-Samariter-Bund abgeschlossen.

Die Arztrufzentrale, über die auch der Notfalldienst in der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein läuft, hat sich zu Beginn der Neuorganisation als Schwachpunkt erwiesen. Die Mitarbeiter waren mit dem unerwartet hohen Aufkommen in den ersten Tagen des neuen Notfalldienstregimes überfordert.

Um die Anrufe aus Westfalen-Lippe bearbeiten zu können, waren in der Zentrale bei Personal und Leitungen die Kapazität verdoppelt worden. Doch das reichte nicht. Während in Nordrhein die Zahl der Anrufe bei einer Spannbreite von 1900 bis 6800 lag, liefen am ersten Samstag nach der Umstellung in Westfalen-Lippe über 31.000 Gespräche auf.

Für vier Patienten mehr als sechs Stunden unterwegs

Darunter seien viele Informationsanrufe mit Fragen nach der nächsten Anlaufpraxis und auch Kontrollanrufe gewesen, berichtet Dryden. "Kollegen starteten ebenso Testanrufe wie Patienteninitiativen, politische Gruppierungen und natürlich auch Medien." Das Anrufaufkommen habe sich inzwischen wieder normalisiert, sagt er.

Für die Planung und Vermittlung der Hausbesuche waren die Mitarbeiter offensichtlich nicht ausreichend geschult, räumt Dryden ein. Patienten und Ärzte klagten über zu lange Vermittlungszeiten, die Fahrer mussten oft unnötig weite Wege fahren.

Bei ihrem ersten achtstündigen Fahrdienst an einem Sonntag war die Hausärztin Dr. Renate Lechner aus Arnsberg ohne Pause 6,25 Stunden unterwegs, berichtet sie. "Ich habe vier Patienten gesehen, bin dafür knapp 400 Kilometer durch die Gegend gefahren worden." Lechner sagt, sie sei dankbar für die Umsatzgarantie der KVWL über 280 Euro.

Bei dem holprigen Verlauf ihres Notfalldienstes habe sie noch Glück gehabt. "Ich hatte eine nette Fahrerin, der Herr von der Leitstelle war freundlich, alle Patienten waren verständnisvoll - mir gegenüber, nicht der neuen Notfalldienstordnung."

Obwohl die Patienten zum Teil sehr lange auf die Ankunft der Ärztin warten mussten, sei nichts medizinisch Folgenschweres passiert. "Für die Patienten bedeutet das System mit langen Wartezeiten und schlechter Erreichbarkeit der Notrufnummer eine handfeste Qualitätsminderung", sagt Lechner.

Mehr Mitarbeiter, bessere Qualifikation

Aus Ärger über die Unzulänglichkeiten des neuen Systems hatten einzelne Ärzte erwogen, gegen die KVWL zu klagen, sie haben davon aber wieder Abstand genommen.

"Was auch immer der Grund dafür ist, dass Leitungen und die Arztrufzentrale überlastet waren, nicht hinnehmbar ist, wenn Patienten dadurch nicht die notwendige medizinische Leistung zeitgerecht erhielten und vielleicht gefährdet wurden", stellt KVWL-Chef Dryden klar.

Inzwischen seien die Personalkapazitäten weiter aufgestockt, die Mitarbeiter weiter qualifiziert worden. Die Software zur Ortung des Anrufers und des nächstgelegenen Fahrzeugs sei vier Wochen zu spät geliefert worden, jetzt aber installiert.

Der Notfalldienst laufe inzwischen besser, es gebe aber immer noch Probleme. Sie würden nach und nach abgearbeitet, verspricht er. Bei allen unstreitigen Schwierigkeiten könne er aber auch Positives berichten. "Die Notfallpraxen als das zentrale Instrument laufen organisatorisch problemlos."

[16.03.2011, 18:51:49]
Dr. Klaus Lerch 
Organisierter Notfalldienst Westfalen-Lippe
Warum das Rad neu erfinden? Es gibt hervorragend funktionierende Notfalldienste in Hessen z.B. in Bad Nauheim, Lauterbach etc.Diese Dienste sind nicht überdehnt, sodass in einer zumutbaren Zeit ein Hausbesuch sichergestellt werden kann.An diesen Diensten nehmen vor allem externe Kollegen teil, während die Hausärzte bei grossem Andrang oder kurzfristigem Ausfall des eingeteilten Aztes einspringen.Dies hat den Vorteil, dass die Patienten auf einen freundlichen weil ausgeruhten Hausarzt treffen,der nicht durch den anstrengenden "Notfalldienst" nahe am burn out ist.
Einen externen Fahrdienst einzusetzen halte ich für wenig effizient,da es jedes Mal erst zu einer Koppelung mit dem diensthabenden Arzt/Ärztin kommen muss.Ein Navigationsgerät ist erschwinglich, leicht zu bedienen und ist eine grosse Hilfe auch für ortsfremde Kollegen/Kolleginnen.Bei Engpässen von Rettungsfahrzeugen/Notarzt könnte der Kollege des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes wichtige Minuten überbrücken bis der Notarzt eintrifft, das bedeutet aber, dass er unverzüglich aufbrechen kann ohne auf den Fahrer zu warten.
Der Ärztliche Beretschaftsdienst wird zunehmend an Krankenhäusern angesiedelt.Dort gibt es oft die Notaufnahme.Wie soll sich denn ein Patient noch dazu in einer Stresssituation auskennen bei der Unterscheidung Ärztlicher Notfalldienst, Notarzt und Notfallaufnahme?!!
Ich plädiere für den Begriff Hausärztlicher Notfalldienst der jede Verwechslung ausschliesst; so wie es einen Zahnärztlichen Notfalldienst oder einen Augenärztlichen Notfalldienst gibt.Teilnehmen sollten nur hausärztlich tätige Ärzte.Auch der gutwillige fortbildungsbestrebte Kollege kann nur bedingt den Dienst guten Gewissens ausfüllen. Es ist für den Arzt als auch für den Patienten eine Zumutung wenn ein excellenter Spezialist in seinem Fach im Bereitschaftsdienst verheizt wird. Da zunehmend amerikanische Verhältnisse auch in Deutschland zu beobachten sind muss auch an juristische Konsequenzen gedacht werden.
M.E. liegt bereits ein Übernahmeverschulden vor, wenn ein Radiologe oder Psychiater sich KV-bedingt " anmasst " allgemeinmedizinisch als " Feuerwehr "für den/die Hausärzte tätig zu werden.
Die Ortskenntnis einer Leitstelle setze ich sehr hoch an.Warum sollten
die Anrufe nicht darüber gehen anstatt in Duisburg aufzulaufen?
Was ich nicht akzeptieren kann, sind feste Sprechzeiten.Sollen sich die Patienten und stellvertretend die Angehörigen bei Beschwerden hinhalten lassen oder gleich den Notarzt rufen?!!
Der Ansatz Notdienstbezirke zusammen zu legen,damit die betroffenen Ärzte/Ärztinnen nicht über Gebühr strapaziert werden, ist richtig.Die Frage ist nur wie gross ist noch vertretbar.Eine noch festzulegende Zeit bis zum Eintreffen wie beim Rettungsdienst wäre sinnvoll.
Der Kollege Schätzler weist mit Recht auch auf das Dilemma mit den Notdienstapotheken hin ,die meiner Erfahrung nach manchmal nicht ein mal im Notdienstbezik selbst, sondern sich ausserhalb befinden können.
Der rezeptausstellende Kollege fühlt sich dann auch hier in der Verantwortung obwohl es eigentlich nicht seine Sache ist.

Hier muss dringend nachgebessert werden.An der fehlenden Software alleine liegt es nicht.

Mit freundlichen kollgialen Grüssen

Dr.med. Klaus Lerch Arzt für Allgemeinmedizin/Notfallmedizin Twistetal zum Beitrag »
[16.03.2011, 16:02:06]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Schilda lässt immer noch grüßen!
Es ist noch keine zwei Monate her, da gab es die prägnante Rufnummer 19292, um den ärztlichen Notdienst w o h n o r t n a h zu erreichen. Die neue Duisburger Zentrale (im Bereich KV-Nordrhein) kostet erstmal Telefongebühren (nicht unerheblich vom Mobiltelefon) im Festnetz und diese addieren sich.

Die Gespräche auf den über 120 Telefonleitungen dauern nämlich endlos, weil sich dort keiner im neuen Bereich KV-Westfalen-Lippe auskennt. Denn in beiden NRW-KV-Bereichen wohnen 17 bis 18 Millionen Menschen. Wer z. B. als Patient aus dem Ortsteil "Grafschaft" in "Schmallenberg" anruft und zum "Kloster Grafschaft" möchte, wird erst mal nicht in Nordrhein-Westfalen verortet. Dann wird an seinem Verstand gezweifelt, ob denn ein Kloster die rechte Hilfestellung bieten könne? Die über 100 Km entfernten Duisburger Telefonzentralenmitabeiter/-innen wissen nicht, dass es ein Krankenhaus dieses Namens gibt. Das kleinräumige geografische Verständnis fehlt bei einer realitätsfremden Zentrale am Rhein. Patienten irren mit Umwegen durch riesige, neue westfälisch-lippesche Notdienstbezirke, verlieren Zeit bei der Suche nach Notdienstapotheken am entgegen gesetzten Ende der ärztlichen Primärversorgung. Koordinationen von Hausbesuchsfahrten gelingen trotz Navi, Map 24 und offensichtlich brüchigem, neuen EDV-System nicht nach dem Prinzip der direkten, schnellen Verbindung, da die notwendige Landeskunde fehlt. Deshalb werden nicht nur die o. g. Kollegin noch viele hundert Kilometer unsinnigerweise pro Einsatz fahren müssen.

Tröstlich ist nur, dass die zentrale Rufnummer später bundeseinheitlich in 116117 geändert werden soll, wenn die Bevölkerung gerade beginnt, sich die jetzige teure 0180 5044100 einprägen zu können.

Freundliche, kollegiale Grüße, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund zum Beitrag »

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