Ärzte Zeitung, 24.03.2011

Kinderkrankheiten fordern die Erwachsenenmedizin heraus

Dem medizinischen Fortschritt sei Dank, erreichen immer mehr Kinder mit chronischen Erkrankungen das Erwachsenenalter. Doch was ein Segen ist, stellt die Medizin auch vor ganz neue Herausforderungen.

Von Sunna Gieseke

Erwachsenenmedizin ist noch nicht auf Kinderkrankheiten vorbereitet

DGKJ-Präsident Zepp: In der Erwachsenenmedizin fehlt oft die Erfahrungen mit Kindererkrankungen.

© Michael Jarmusch / med update

BERLIN. Der medizinische Fortschritt ist ein Segen - ohne Frage. Jedoch stellt er die Medizin auch vor neue Herausforderungen.

Noch vor einer Generation starb die Mehrzahl der Kinder und Jugendlichen an ihren schweren chronischen Erkrankungen - wie zum Beispiel Mukoviszidose - noch vor ihrem 18. Lebensjahr.

Durch die Erfolge der modernen Pädiatrie erreichen inzwischen mehr als 85 Prozent der Betroffenen das Erwachsenenalter.

"Die Patienten wachsen dann eigentlich aus dem Aufgabenfeld des Kinder- und Jugendarztes heraus", sagte der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), Professor Fred Zepp anlässlich eines Symposiums der Bundesärztekammer in Berlin.

Dann müssten die Patienten mit ihren speziellen Gesundheitsproblemen in die Erwachsenenmedizin übergeleitet werden. In der Medizin wird dieser Prozess "Transition" genannt.

"Aber genau an dieser Schnittstelle gibt es nach wie vor Probleme", so Zepp. Oft habe die Erwachsenenmedizin noch nicht genügend Erfahrungen mit den ursprünglichen "Kindererkrankungen" und stehe vor neuen medizinischen Betreuungsaufgaben.

Die universitäre Ausbildung und die fachärztliche Weiterbildung habe die Ärzte bisher nicht genügend auf die Herausforderungen vorbereitet. Viele medizinische Aspekte der Krankheitsverläufe im Erwachsenenalter seien nicht ausreichend erforscht.

Hinzu kämen zudem psychosoziale Versorgungsaufgaben, die über die rein ärztliche Betreuung hinausgehen. Auch die Gesellschaft müsse sich auf die chronisch erkrankten jungen Erwachsenen besser vorbereiten.

"Was bedeutet es zum Beispiel als junger Erwachsener mit einer solchen Erkrankung zu leben? Wir brauchen in jedem Fall mehr Versorgungsforschung", betonte Zepp.

Die betroffenen Patienten benötigen neben einem Arzt zum Teil auch Physiotherapeuten, Ernährungsberater oder Psychotherapeuten. "Wenn diese Patienten aufgrund der Erfolge der Kinder- und Jugendmedizin erwachsen werden, hört dieser umfassende Versorgungsbedarf selbstverständlich nicht auf", so Zepp.

Das müsse von Hausärzten, Internisten, Neurologen oder auch Chirurgen berücksichtigt werden. Allerdings gebe es keine flächendeckenden Versorgungsstrukturen, sondern Modellversuche wie zum Beispiel in München, Hannover oder Berlin. "Diese Modelle müssten dringend ausgebaut werden, um eine Versorgung der Patienten - idealerweise wohnortnah - zu gewährleisten", so Zepp.

Die DGKJ plädiert für eine noch engere Zusammenarbeit von Kinder- und Erwachsenenmedizin: Kinderärzte hätten Spezialwissen über die Erkrankungen, das sie weitergeben müssten. Allerdings hätten sie weniger Erfahrungen damit, wie sich die Erkrankungen auf die erwachsen gewordenen chronisch Erkrankten auswirkten.

Es sei wichtig, Strukturen zu schaffen, mit denen ein Übergang von chronisch kranken Jugendlichen n die Erwachsenenmedizin leichter und vor allem strukturiert geschehen kann.

"Idealerweise geschieht das nicht zufällig, sondern gemeinsam mit Pädiater und Erwachsenenärzten". Zusammen sollte man den Erkrankungsverlauf besprechen und den Therapieplan diskutieren.

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