Ärzte Zeitung online, 09.04.2011

Hausärztetag im Südwesten: Das Reizklima ist passé

Die Konfrontation mit der KV Baden-Württemberg ist Vergangenheit - jetzt zieht man an einem Strang. Das ist die Botschaft des baden-württembergischen Hausärztetags in Stuttgart gewesen.

Von Florian Staeck

Hausärztetag im Südwesten: Das Reizklima ist passé

Im Südwesten weht die Fahne für die hausarztzentrierte Versorgung.

© Jens Hilberger / fotolia.com

STUTTGART. Neue, ungewöhnte Töne gab es am Samstag in der baden-württembergischen Landeshauptstadt.

Der KV-Vorsitzende wird mit Beifall empfangen und klärt gleich das Verhältnis von Selektiv- und Kollektivvertrag: "Was sich selektiv bewährt, ist kollektiv gut", sagte Baden-Württembergs KV-Chef Dr. Norbert Metke bei einem Grußwort zum Auftakt des Landeshausärztetags.

In den vergangenen Jahren war für KV-Vertreter die Luft beim Hausärztetag oft schneidend gewesen. Der andauernde Streit über die Vergütungsbereinigung hatte das Verhältnis von Körperschaft und Verband vergiftet. In diesem Jahr aber wurde der Blick ungehindert nach vorn gerichtet.

Ein Jahr noch, dann kommt die Evaluation

Im Frühjahr 2012 wird die wissenschaftliche Evaluation des AOK-Hausarztvertrags vorliegen, kündigte Professor Ferdinand Gerlach von der Universität Frankfurt an. Er ist zugleich Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM).

Die Auswertung werde sich auf die Themenblöcke Ein- und Überweisungen, Zufriedenheit des Praxisteams und der Patienten, Tätigkeit der VERAH (Versorgungsassistentin in der Hausarztpraxis) und auf die Versorgung von Patienten mit Herzinsuffizienz konzentrieren, erläuterte Gerlach. Vergleichsgröße werden dabei die entsprechenden Parameter in der Regelversorgung sein.

Gerlach, der auch Mitglied des Sachverständigenrats im Gesundheitswesen ist, verteidigte vehement die kontaktunabhängige Pauschale im AOK-Vertrag. Der Vertrag gebe eine Antwort auf die für Deutschland typischen zu häufigen und sehr kurzen Arzt-Patienten-Kontakte.

Ein "Leuchtturm", der die Versorgung steuert

Dagegen bezeichnete er die herkömmliche medizinische Versorgung in Deutschland als "organisierte Verantwortungslosigkeit", da Ärzte systembedingt ein Interesse daran haben müssten, dass ihre Patienten krank bleiben. Baden-Württemberg sei deswegen "ein Leuchtturm der ambulanten Versorgung", sagte Gerlach mit Blick auf den AOK-Vertrag.

Dafür, dass der Vertrag tatsächlich die Versorgung steuert, führte Dr. Christopher Hermann, Vize-Vorstand der AOK Baden-Württemberg, als Beispiel Veränderungen bei der Konsultation von Fachärzten an. So habe im Jahr 2009 in der HzV die Inanspruchnahme von Fachärzten ohne Überweisung um 15 Prozent niedriger gelegen als in der Regelversorgung.

Eklatant höher ist im Hausarztvertrag der Anteil der eingeschriebenen Versicherten, die den jährlichen Check-Up wahrnehmen, nämlich 44 Prozent. In der Regelversorgung gehen nur 22 Prozent der Versicherten zum - zweijährlichen - Check.

Hausärzte als Integrationsmotor - auch in der Pflege

Skeptisch zeigte sich Hermann allerdings, ob "die Politik jemals die Kraft haben wird, ein Primärarztsystem einzuführen". Statt auf diesen "Big Bang" zu warten, werde mit dem Hausarztvertrag Schritt für Schritt die Versorgung neu strukturiert.

Jüngstes Beispiel ist ein Integrationsvertrag, durch den die Zusammenarbeit von Hausärzten in der HzV mit Pflegeheimen verbessert werden soll. Ziel des Vertrags sind Versorgungsnetze, in denen Ärzte und Pflegekräfte sich zusammenschließen.

Damit sollen die Pflege und medizinische Betreuung stärker koordiniert werden. Bislang ist der Vertrag auf 20 Heime in Stuttgart und Esslingen beschränkt. Im kommenden Jahr soll dann nach einer Auswertung über eine mögliche Ausweitung entschieden werden.

Koordinierte Versorgung gegen weiße Versorgungsflecken

Ob mit oder ohne Hausarztverträge - mit Blick auf den Altersdurchschnitt der Hausärzte wird es vermutlich im Jahr 2025 "viele weiße Flecken in der hausärztlichen Versorgung geben", warnte Thomas Reumann, Landrat des Landkreises Reutlingen.

Zwei Drittel der Hausärzte seines Sprengels seien über 50 Jahre alt. Reumann warb für Gesundheitskonferenzen, in denen eine "koordinierte Versorgung mit regionalem Bezug" entwickelt werden müsse. In diesen Gremien könnten auch ungewöhnliche Lösungen erarbeitet werden, machte Reumann in Stuttgart deutlich.

Gebe es beispielsweise bei einer Praxisabgabe durch einen Hausarzt eine zeitliche Vakanz bis zum Start des Nachfolgers, so könne ein "Pool" von Ärzten übergangsweise in die Bresche bringen.

Die KV im Südwesten habe sich in einem solchen Fall bereit erklärt, Ärzten eine zeitlich befristete Zulassung zu erteilen. Dennoch sei heute schon klar: "Wir werden es nicht schaffen, für jeden ausscheidenden Hausarzt einen Nachfolger zu finden", erklärte Reumann.

RegioPraxis BW: Anstellung in Nebenbetriebsstätten

Auch die KV will auf die sich massiv ändernden Rahmenbedingungen gerade mit Blick auf den hohen Anteil an Ärztinnen reagieren, sagte Dr. Johannes Fechner, Vize-KV-Chef in Baden-Württemberg. Das Ergebnis heißt "RegioPraxis BW".

Die Körperschaft plant, diese hausärztlich bestimmten Praxen, in denen auch Ärzte angestellt sein können, noch in diesem Jahr auf den Weg zu bringen. Diese Praxen sollen in Form von Nebenbetriebsstätten auch Raum für die Arbeit von Fachärzten bieten.

Räumlichkeiten und Einrichtung werden den Ärzten dauerhaft gestellt. Das nötige Geld will die KV bei Kassen, Land und Gemeinden einwerben. Nachfrage ist anscheinend im Überfluss vorhanden: An bislang zwei Modellpraxen ist im laufenden Jahr gedacht, 15 Bewerbungen hat die KV schon vorliegen, berichtete Fechner.

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