Ärzte Zeitung, 28.04.2011

Interview

Ulrich Clever: "Die Kammer sollte mehr Mitsprache haben"

Der neue baden-württembergische Kammerpräsident Ulrich Clever fordert ein Mitentscheidungsrecht der Kammer bei der Bedarfsplanung. Er sieht die schwache Wahlbeteiligung als Bürde und Herausforderung zugleich.

Dr. Ulrich Clever

"Die Kammer sollte mehr Mitsprache haben"

© LÄK Baden-Württemberg/Schmidt

Aktuelle Position: Präsident der Landesärztekammer Baden-Württemberg (LÄK).

Ausbildung: Studium der Medizin in Freiburg, London und Pittsburgh. Weiterbildung zum Frauenarzt u.a. in Straßburg.

Karriere: seit 1991 niedergelassen, seit 2003 Delegierter der LÄK und Vorstandsmitglied.

Ärzte Zeitung: Im Vorfeld der Wahl haben Sie damit geworben, Sie hätten den "Facharzt für Berufspolitik" schon gemacht. Hat sich diese Qualifikation für das Präsidentenamt als ausreichend erwiesen?

Dr. Ulrich Clever: Ich denke schon. Aber vom Vize zum Präsidenten der Ärztekammer ist es nochmal ein großer Schritt, der Arbeitsaufwand ist deutlich größer. Es mangelt mir nicht an Herausforderungen.

Ärzte Zeitung: Sie hatten gefordert, die Stimme der Kammer müsse unüberhörbar sein. Konnten Sie dafür in den ersten Wochen schon Weichen stellen?

Clever: Ich habe mir vorgenommen, die Landesärztekammer auf Landes- und Bundesebene deutlicher hörbar zu machen als bisher. Ich denke, dass wir vor allem bei der Besetzung von Gremien auf Bundesebene hier einen Schritt vorwärts gemacht haben. Vor allem wurde bei der BÄK registriert, dass im Vorstand nun ein dritter niedergelassener Kollege vertreten ist.

Ärzte Zeitung: Die Wahlbeteiligung bei der Kammerwahl rangiert je nach Bezirk von 36 bis 44 Prozent. Können Sie damit zufrieden sein?

Clever: Nein, auf keinen Fall. Die Diagnose ist, dass wir uns als Kammer zu wenig gezeigt haben. Deshalb möchte ich meine Arbeit auch ausdrücklich in vier Jahren an einer hoffentlich dann höheren Wahlbeteiligung messen lassen. Die bessere Darstellung der Kammer in der Öffentlichkeit als Sachwalter aller Ärzte ist unser Kernziel.

Ärzte Zeitung: Sie haben betont, die Kammer verfüge über ein hohes Identifikationspotenzial auf Seiten der Ärzte. Die Wahlbeteiligung ist dafür aber kein Beleg.

Clever: Das ist richtig. Darum habe ich schon in den ersten Wochen auch einige Arztgruppen angesprochen und besucht, die bisher nicht im Mittelpunkt gestanden haben. Arbeitsmediziner, Palliativärzte oder Kollegen, die in der Menschenrechtsarbeit aktiv sind.

Ich hoffe vor allem, dass es beim Deutschen Ärztetag in Kiel gelingt, die Position der Ärzteschaft in der Sterbebegleitung deutlich zu machen. Ich höre beispielsweise viele Stimmen, die den jüngsten Vorschlägen der BÄK zur Änderung der Berufsordnung beim ärztlich begleiteten Suizid nicht folgen wollen. Das wird die breite Öffentlichkeit mit großer Aufmerksamkeit verfolgen.

Ärzte Zeitung: Sollte die Kammer ein allgemeinpolitisches Mandat haben oder sich nur zu Themen äußern, die direkt ihre Kompetenzen betreffen?

Clever: Nehmen Sie als Beispiel das geplante Versorgungsgesetz. Die Kammer sollte auch bei der Bedarfsplanung eine Mitsprache haben. Ich könnte mir vorstellen, dass ein künftiger Landesausschuss neben Kassen und KV nicht nur die Kommunen einbindet, sondern auch die Kammer.

Dort können wir gerade mit Blick auf das Thema Weiterbildung wichtige Beiträge leisten. Unser Ziel sollte dabei nicht nur ein Mitberatungs-, sondern ein Mitentscheidungsrecht sein.

Ärzte Zeitung: In den vergangenen Jahren sind gerade solche Verbände erfolgreich gewesen, die einen Ausschnitt der Ärzteschaft repräsentieren und deren Interessen vertreten. Bleibt in dieser Verbändelandschaft noch Platz für eine Institution, die zwischen den Ärztegruppen moderieren muss?

Clever: Gerade deshalb brauchen wir eine moderierende Instanz wie die Kammer! Ob Mitglied des Marburger Bundes oder des Hausärzteverbandes: Alle diese Ärzte sind Mitglied der Kammer. Nur die Kammer vertritt die Interessen aller Ärzte.

Ärzte Zeitung: Nun hat die Kammer nicht nur Freunde….

Clever: …völlig richtig. Deshalb ist die Gestaltung der Zukunftsfähigkeit der Selbstverwaltung auch eine unserer wichtigsten Aufgaben. Wir müssen beispielsweise Medizinstudenten auf dem Weg zur Approbation bereits vermitteln, dass eine Selbstverwaltung besser ist als der Staatskommissar. Ich werde daher mit den Kollegen des Präsidiums alle 47 Kreisvereine im Land besuchen.

Ärzte Zeitung: Ihr jüngster Kollege im elfköpfigen Präsidium ist 51 Jahre alt, der älteste 68. Waren keine jüngeren Kollegen ministrabel?

Clever: Wir haben es mit einem Strukturproblem der Ehrenamtlichkeit zu tun. Je enger die finanzielle Situation in Klinik und Praxis ist, desto schwieriger ist es, jüngere Ärzte zu finden - gerade in den "oberen Etagen" der Selbstverwaltung.

Dennoch bin ich ein ausgesprochener Verfechter des Ehrenamts, denn die Hauptamtlichkeit hat nicht nur Vorteile. Es ist wichtig, dass in der Selbstverwaltung tätige Ärzte noch mit einem Fuß in Klinik oder Praxis stehen.

Ärzte Zeitung: Wie teilen Sie sich die Arbeit mit Ihrem Vize, dem Anästhesiologen Dr. Josef Ungemach (66)?

Clever: Es gibt keine Tabuzonen oder abgesteckte Themen, die nur der Präsident oder sein Vize bearbeiten. Wir tauschen uns eng aus und arbeiten gut zusammen.

Die Fragen stellte Florian Staeck.

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