Ärzte Zeitung online, 20.07.2011

Montgomery: "Bestrafung bringt Ärzte nicht aufs Land"

Gesundheitsminister Bahr will mehr Ärzte für das flache Land begeistern. Dafür nimmt er viel Geld in die Hand - und holte sich jüngst eine Abfuhr des Finanzministers. In Ballungsgebieten müsse im Gegenzug gespart werden. Für Ärztepräsident Montgomery ein Unding.

Montgomery: "Bestrafung bringt Ärzte nicht aufs Land"

Montgomery: Ärzte in Ballungsgebieten nicht bestrafen.

© Frank Schischefsky

ULM (eb/dpa). Der Präsident der Bundesärztekammer, Dr. Frank Ulrich Montgomery, hat erneut den Vorschlag zu Honorarabschlägen in Ballungsräumen kritisiert.

"Durch eine Bestrafung der Ärzte in den Ballungsgebieten bekomme ich keinen auf das flache Land", sagte Montgomery der in Ulm erscheinenden "Südwest Presse".

Für ihn ist das "gesamte System" unterfinanziert. Daher mache es keinen Sinn, zu sagen: "Wir müssen den einen etwas wegnehmen, um die unterversorgten Gebiete zu finanzieren."

Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) hatte jüngst den Entwurf des Versorgungsgesetzes kritisiert. Darin hat sein Kabinettskollege und Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) Zuschläge für Ärzte in unterversorgten Regionen vorgesehen.

Schäuble forderte im Gegenzug Abschläge, die mindestens so hoch ausfallen, dass die Mehrkosten kompensiert werden. Montgomery hatte Schäubles Vorstoß damals scharf kritisiert. Der Finanzminister müsse aufpassen, dass er nicht zum Allesblockierer werde, sagte er.

Gesundheitsminister Bahr hatte später seinen Gesetzentwurf präzisiert. Demnach sollen die Mehrkosten für Ärzte auf dem Land rund 200 Millionen Euro kosten.

Auch in Grundsätzliches investieren

Der BÄK-Präsident forderte nun, neue Anreize müssten "viel weiter" gesetzt werden. "Es geht auch um Kommunal- und Infrastrukturpolitik", sagte er. "So bekommt man einen Arzt leichter aufs Land, wenn man ihm Praxisräume zur Verfügung stellt."

Als weiteres Beispiel nannte Montgomery Gemeindeschwestern, die die Ärzte bei ihrer Arbeit unterstützen könnten. Und: "Ein Arbeitsplatz für den Partner ist genau so wichtig wie eine anständige Schulausbildung der Kinder."

Montgomery stimmte die Versicherten zugleich auf höhere Beiträge ein. "Die Hauptgründe für höhere Ausgaben sind der medizinische Fortschritt und die steigende Zahl älterer Patienten", sagte er dem Blatt.

"Deswegen werden wir im heutigen System zwangsläufig zu höheren Kassenbeiträgen kommen, und darüber müssen wir uns langfristig Gedanken machen."

"Absurde Diskussion" über Beitragssenkungen

Montgomery kritisierte, dass momentan eher über Beitragssenkungen der Krankenkassen diskutiert wird. "Diese Diskussion ist absurd und nur kurzfristigen politischen Landgewinnen geschuldet."

Konjunktur und Arbeitslosenzahlen entwickelten sich zwar besser als erwartet. "Wir wissen, wie schnell sich das ändern kann", sagte Montgomery aber. "Dann wäre es klug, wenn es Reserven gäbe, um nicht hektisch reagieren zu müssen."

Über eine Senkung des Beitragssatzes von derzeit 15,5 Prozent wird angesichts der Milliardenreserve des Gesundheitsfonds debattiert, aus dem die gesetzlichen Kassen ihr Geld bekommen. Ende des Jahres dürfte die Reserve zwei Milliarden Euro betragen, die nicht bereits verplant oder vorgeschrieben sind.

Verlorene Kaufkraft bei den Ärzten aufholen

Bei den Honoraren der niedergelassenen Ärzte sieht der Ärztepräsident erheblichen Nachholbedarf. Die Ärzteschaft habe in den letzten 30 Jahren bis zu 50 Prozent an Kaufkraft verloren. "Das gilt es, zu einem Teil aufzuholen."

Zudem müssten unnötige Bürokratie abgebaut und bessere Arbeitszeiten und -bedingungen geschaffen werden.

"Wenn die Menschen merken, dass die Ärzte unzufrieden sind, werden sie die Entscheidungen der Politik hinterfragen." Doch zunächst setze er auf "vernünftige Gespräche mit der Politik".

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