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Ärzte Zeitung online, 04.08.2011

Barmer fordert von Hausarztverträgen "Qualitätssprung"

Die Barmer GEK will stärker in der medizinischen Versorgung mitmischen - vor allem mit Hausarztverträgen. Die KV Bayerns kritisiert das Vorhaben: "Bisher versorgen noch immer Ärzte die Patienten und nicht die Kassen."

Von Jürgen Stoschek

Barmer fordert von Hausarztverträgen "Qualitätssprung"

Barmer GEK-Chef Schlenker würde am liebsten mit den KVen verhandeln.

© Metodi Popow / imago

DEGGENDORF. Die Barmer GEK ist nach Angaben ihres stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden Dr. Rolf-Ulrich Schlenker ein "großer Befürworter von Hausarztverträgen".

Hausarztverträge sollten aber auch eine qualitative Verbesserung der Versorgung bringen, meinte Schlenker beim Barmer GEK Forum 2011 an der Hochschule Deggendorf.

Deshalb sei er "augenblicklich nicht geneigt", Verträge abzuschließen, die sich lediglich auf die Verkürzung von Wartezeiten oder auf das Angebot von Samstagssprechstunden beschränken, sagte Schlenker. Ein Vertrag müsse sich rechnen und sollte einen "qualitativen Sprung" darstellen.

Intensivere Zusammenarbeit mit Ärztenetzen gewünscht

Problematisch sei, dass den Kassen gesetzlich vorgeschrieben werde, mit welchem Partner ein Hausarztvertrag geschlossen werden soll, erklärte der Kassen-Vize bei der Fachtagung, an der etwa 150 Experten aus dem Gesundheitswesen, der Politik und der Wirtschaft teilnahmen.

"Wir würden am liebsten mit den Kassenärztlichen Vereinigungen verhandeln", sagte Schlenker. Darüber hinaus wünsche er sich auch eine intensivere Zusammenarbeit mit Ärztenetzen, um auf diesem Weg neue Versorgungsformen zu erproben. Allerdings habe die Barmer GEK für populationsbezogene Versorgungsverträge nicht genügend Marktanteil, räumte Schlenker ein.

Die Barmer GEK widme sich traditionell intensiv der Versorgungsforschung, erläuterte Schlenker. Aus den Erkenntnissen dieser Forschung seien zahlreiche Versorgungsprogramme entwickelt worden, etwa bei Rücken- oder bei Herz-Kreislauferkrankungen, beim psychiatrischen Fallmanagement sowie bei der Versorgung älterer Menschen.

Mit rund 230 Verträgen zur Integrierten Versorgung sei die Barmer GEK auf dem richtigen Weg, erklärte Schlenker.

KVB kritisiert Kassen

Kritisch äußerte sich der Vorstandsvorsitzende der KV Bayerns (KVB), Dr. Wolfgang Krombholz. "Bisher versorgen noch immer Ärzte die Patienten und nicht die Kassen", kommentierte Krombholz den Anspruch der Kasse, die Versorgung zu steuern.

Versorgungssteuerung sei Alltag in jeder Praxis und in jedem Krankenhaus. Aus seiner Sicht könne es auch nicht primär darum gehen, "ob sich ein Vertrag rechnet", sagte Krombholz. "Entscheidend ist, was die Patienten davon haben."

Um die medizinische Versorgung in den Regionen erhalten zu können, biete das geplante Versorgungsstrukturgesetz gute Ansätze, erklärte Michael Höhenberger aus dem Bayerischen Gesundheitsministerium.

Mit der Regionalisierung der Bedarfsplanung sei so etwas wie eine "kleine Föderalismusreform" gelungen, sagte der Ministerialdirektor. Auch in Zukunft werde in Bayern die ärztliche Versorgung auf dem Land dasselbe Gewicht haben wie in Ballungsräumen.

[05.08.2011, 08:16:25]
Dr. jens wasserberg 
legalisierter Rechtsbruch
Ein rechtskräftig verabschiedestes Deutsches Gesetz besagt, dass die Kassen Hausarztverträge abschließen müssen. Dieses Gesetz wird von fast allen Kaassen mit Duldung der Politik gebrochen. Ein Angestellter einer körperschaftlichen Organisation wie der Krankenkassen darf öffentlich erklären, dass er sich über dieses Gesetz einfach hinwegsetzt und nur dann diese einzuhalten gedenkt, wenn er für seine Kasse dadurch Gewinne erzielen kann.
Es ist obendrein schon bemerkenswert, dass ein medizinischer Laie ohne Ausbildung auf diesem Sektor denjenigen Vorschriften zu machen sich bemüht, die diesen Beruf erlernt haben. Am Ende des Tages dürfte jedem Patienten klar sein, dass im Krankheitsfalle die Qualität der Behandlung besser von einem Arzt denn einem Verwaltungsangestellten beurteilt werden sollte.

Wenn die BEK freie Wahl propagiert, dann sollte sie sich nicht wundern, wenn demnächst die Mangelware Arzt dann auch die Kasse nach Qualität selektiert ...  zum Beitrag »
[04.08.2011, 19:12:09]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
"Qualitätssprung" im gesundheitspolitischen Diskurs?
Da wird der stellvertretende Vorstandsvorsitzenden der Barmer GEK, Dr. Rolf-Ulrich Schlenker, vorgeschickt, um den "Qualitätssprung" bei den Hausärzten bzw. den HzV-Verträgen einzufordern. Und sogar die KV Bayern muss energisch widersprechen. Auf welchem Mond lebt denn der Vorstand der Barmer GEK? Wir Hausärztinnen und Hausärzte vergeben bei Akutfällen taggleich Termine, wir rücken zum Notfall-Hausbesuch am selben Tag aus. Wir lösen 80 bis 90 Prozent aller medizinischen Probleme der Ratsuchenden in unseren Praxen.

Von den GKV-Kassen multimedial hausgemachte Probleme sind doch jenseits aller Versorgungsforschung:
1. Zu den Öffnungszeiten der Vertragsarztpraxen können viele Versicherte plan-und ziellos beliebig oft Haus- und Facharztpraxen stürmen, um in "All-You-can-eat"-Mentalität bzw. "Flatrate"-Manier Gesundheits- und Krankheitsdienstleistungen abzugreifen.
2. Gleiches gilt für Notfall- und Nachtdienste, ambulante und stationäre Krankenhausvollversorgung.
3. Bei der Inanspruchnahme von psychotherapeutischen und/oder sonstigen psychosozialen Hilfen (Soziotherapie) zeichnet sich Ähnliches ab.

Probleme medizinischer Versorgung, praktizierter Humanmedizin, überbordender Bürokratie, Ärztemangel in ländlichen Regionen, Pauschalierung, Budgetierung, Regressierung schränken fundierte Untersuchung, Diagnose, differenzierte Therapie, Heilung, Linderung, Tröstung und Palliation immer mehr ein. Die Kassen, die unsere Patienten gar nicht versorgen sondern nur verwalten, fühlen sich ermutigt, Haus- und Fachärzte in ihrer spezifisch ärztlichen Tätigkeit zu reglementieren, die oft nur als ärztlicher Notnagel die medizinisch, sozialpsychologisch und kulturell auseinander driftenden gesellschaftlichen Widersprüche zusammenhalten müssen.

Wer niemals in die Welt der Bettpfannen, Bremsspuren, Urinflaschen und Schnabeltassen eingetaucht ist, kann sich zwar in seiner Parallelwelt ein Stethoskop mit dem Reflexhammer an die Wand nageln. Aber ist damit noch lange kein Garant fürs Management der Gesundheits- und Krankheitsversorgung in unserem Land.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM (z. Zt. Bergen aan Zee)
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