Ärzte Zeitung, 10.08.2011

Leichenschau, Formulare und ein volles Wartezimmer

Sein Landkreis gilt formell als überversorgt - doch vor Arbeit kann sich Hausarzt Erich Lickroth kaum retten.

Von Rebecca Beerheide

Leichenschau, Formulare und ein volles Wartezimmer

Seit 1986 ist er der Arzt im Dorf: Erich Lickroth vor seiner Praxis in der Nelkenstraße in Lützelbach.

© Beerheide

LÜTZELBACH. Wer einen Arzt in der Gemeinde Lützelbach im hessischen Odenwald sucht, muss bis auf eine Anhöhe fahren: Direkt neben der kleinen Apotheke in der Nelkenstraße hat seit 1986 der Allgemeinmediziner Erich Lickroth seine Praxis.

Dieser Montagmorgen startete für den Landarzt eher unangenehm - er musste zu einer Leichenschau, eine langjährige Patientin ist in der Nacht gestorben.

Gespräche über Beschwerden und den Fußballverein

Da seine Praxis voll ist, füllt er die nötigen Papiere erst in der Mittagspause aus. "Das ist fast wie eine Diplomarbeit", sagt Lickroth und lacht.

Er ist ein sehr fröhlicher Mensch, zu Scherzen aufgelegt, fragt seine Patienten, wie es der Familie geht oder wie der örtliche Fußballverein am Wochenende gespielt hat.

Fast nahtlos lenkt er das Gespräch auf die akuten Beschwerden, mit denen der Patient in die Praxis gekommen ist.

"Hausarzt ist oft die letzte Auffangstation"

Bei einer Verlängerung einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung fragt er schon mal nach: "Wie hoch ist für Sie der Druck am Arbeitsplatz?" Er kennt jede soziale Situation bei den Unternehmen in der Gegend.

Erzählt ein Patient im Nebensatz, das Sozialamt wolle Erklärungen für die Krankschreibung, lässt er sich schon mal den Namen des Sachbearbeiters geben. "Dann rufe ich dort einmal an, und frage nach." Oder er erklärt in der Sprechstunde die Problematik bei der Rabattierung von Medikamenten.

Diesen Einsatz für seine Patienten hält er für selbstverständlich. "Der Hausarzt will sich ja kümmern. Er ist inzwischen ja oft die letzte Auffangstation."

1300 Patienten im Quartal

Im Quartal versorgt er rund 1300 Patienten. Damit liegt er über dem Schnitt von 876 GKV-Patienten, die statistisch gesehen jeder hessische Hausarzt versorgt.

Zwar gibt es in der 7000-Einwohner-Gemeinde Lützelbach noch eine weitere Ärztin, neue Patienten aus anderen Gemeinden nimmt er nicht mehr an. Formell weist die Statistik den Landkreis Odenwald mit 113 Prozent als überversorgt aus.

Über Arbeit kann sich Lickroth aber nicht beklagen. Gerne würde er Weiterbildungsassistenten einstellen, doch seit vier Jahren konnte er niemanden mehr gewinnen.

"Wir haben überall Anzeigen geschaltet und sind beim Arbeitsamt gemeldet. Jetzt haben wir es so langsam aufgegeben", erzählt seine Frau Ruth, die ganztags in der Praxis mitarbeitet.

Gemeinsam mit zwei Vollzeit-Arzthelferinnen und einigen Teilzeitkräften organisiert sie den Praxisablauf. Kein Patient soll zu lange warten und soll gleichzeitig genug Zeit im Behandlungszimmer haben.

Auch mal am Samtag auf Hausbesuch

Nach den knapp 55 Stunden pro Woche in seiner Praxis fährt Lickroth Hausbesuche, immer am Freitagnachmittag. Was er nicht schafft, wird am Samstagvormittag nachgeholt.

Der Mittwochnachmittag ist für seine Tätigkeit als Vorsitzender der Bezirksärztekammer Darmstadt reserviert. Notdienste muss er seit acht Jahren nicht mehr fahren, sie werden zentral für acht Gemeinden organisiert.

Lickroth macht gerne "Frontmedizin", wie er seine Arbeit mit einem lachenden Auge nennt. Doch wenn er daran denkt, dass er bereits 62 ist und demnächst das Thema Praxisabgabe ansteht, wird Lickroth nachdenklich.

Er hofft darauf, dass die Bürokratie für Hausärzte nicht weiter steigt. Er kann junge Kollegen verstehen, die lieber dort arbeiten wollen, wo sie mehr am Patienten und weniger mit Formularen arbeiten.

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