Ärzte Zeitung online, 30.09.2011

Deutsche stürmen Notaufnahmen

Der Andrang in den deutschen Notaufnahmen wächst. Immer mehr Menschen werden dort behandelt - 21 Millionen Patienten waren es im vergangenen Jahr. Immer weniger Landarztpraxen sind ein Grund dafür.

Deutsche stürmen Notaufnahmen

Notaufnahme in Hamburg: Die Zahl der Patienten steigt.

© dpa

GÖTTINGEN (pid). Immer mehr Patienten in Deutschland landen in den Notaufnahmen der Krankenhäuser. Allein im vergangenen Jahr wurden fast 21 Millionen Menschen in einer Notaufnahme behandelt - fast ein Viertel der Bevölkerung.

Obwohl der Bedarf an schneller medizinischer Versorgung immer größer wird, gibt es in Deutschland bislang keine spezielle Facharztausbildung für die Notfallmedizin.

Dies muss sich nach Ansicht der Deutschen Gesellschaft Interdisziplinäre Notfallaufnahme (DGINA) ändern.

In nahezu allen europäischen Ländern sowie in den USA gebe es bereits seit Jahren den Facharzt für Notfallmedizin, sagte die Chefärztin der Notaufnahme der Asklepios Klinik in Hamburg-Altona und DGINA-Präsidentin Dr. Barbara Hogan bei der Jahrestagung ihrer Gesellschaft in Göttingen.

Deutschland hinke dieser Entwicklung hinterher. Um eine optimale Versorgung der Patienten gewährleisten zu können, sei eine stärkere Professionalisierung der Notfallmedizin durch eine fünfjährige Facharztausbildung nötig.

Dass immer mehr Menschen die Notaufnahme aufsuchen, zeigt sich auch in der Göttinger Universitätsmedizin. Dort sei die Zahl der Patienten jährlich um acht Prozent gestiegen, sagte die leitende Oberärztin der Interdisziplinären Notaufnahme, Professor Sabine Blaschke.

Allein im vergangenen Jahr habe man 32.000 Patienten versorgt. Der Zuwachs sei unter anderem darauf zurückzuführen, dass im ländlichen Raum verstärkt Praxen geschlossen und immer mehr Notaufnahmen zentralisiert würden.

Seit diesem Sommer ist auch die Bereitschaftsdienstpraxis Göttinger Ärzte der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen in der Notaufnahme des Klinikums untergebracht.

Eine stärkere Professionalisierung der Notaufnahmen erhöhe nicht nur die Qualität der medizinischen Versorgung, sondern verkürze auch die Wartezeiten für die Patienten, sagte Blaschke.

Da insgesamt gezielter untersucht werde, entstünden zudem deutlich weniger Labor- und Personalkosten.

Die wachsende Bedeutung der Notaufnahmen habe sich auch während der jüngsten EHEC-Krise gezeigt, sagte der Chefarzt der Notaufnahme des Städtischen Klinikums Bogenhausen bei München, Professor Christoph Dodt.

Viele der damaligen Patienten seien zunächst in die Notaufnahme gekommen. Als Schnittstelle zwischen ambulanter und stationärer Versorgung hätten die Notaufnahmen eine wesentliche Rolle bei der Überwachung der Durchfallerkrankungen und der Ermittlung der Patientenzahlen gespielt.

Auch für die Beobachtung anderer Entwicklungen wie beispielsweise einer Häufung bestimmter Vergiftungen oder dem Auftreten von Grippeepidemien könnten die Notaufnahmen als wichtiger "Informationsknotenpunkt" fungieren.

Die Forderung nach einem speziellen Facharzt für Notfallmedizin stößt bei anderen medizinischen Fachgesellschaften beispielsweise der Internisten und Chirurgen allerdings noch auf Widerstand.

Nach Ansicht von Professor Dodt würde indes niemand etwas verlieren. "Nur der Patient gewinnt dazu."

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