Ärzte Zeitung, 06.10.2011

Grüne: Aufgaben unter Ärzten, Pflegern und Co. neu verteilen

Die Grünen wollen die Gesundheitsversorgung radikal ändern. Die Bundestagsfraktion stellte einen Antrag mit dem Ziel, dass die Aufgaben zwischen den Ärzten und anderen Gesundheitsberufen neu aufgeteilt werden. Eine konkrete Forderung: Pflegekräfte sollen ein MVZ leiten dürfen.

Grüne: Aufgaben für Ärzte, Pfleger und Co. neu verteilen

Die Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen will die Primärversorgung radikal neu zuschneiden.

© dpa

BERLIN (fst). Die grüne Bundestagsfraktion fordert die Koalition auf, den Entwurf für das Versorgungsgesetz zurückzuziehen und schlägt Eckpunkte für die Neuformulierung vor.

In dem Antrag "Wirksame Strukturreformen für eine patientenorientierte Gesundheitsversorgung" werfen die Grünen der Regierung "Reformversagen" vor: Nicht die Bedürfnisse der Patienten, sondern die "finanziellen Interessen einzelner Leistungserbringer" stünden bei dem Gesetz im Vordergrund.

Teamorientierte Zusammenarbeit soll familienfreundlichere Arbeitszeiten sorgen

Einer der Kernpunkte der Grünen ist die Aufwertung der Primärversorgung, die "in ihrer Rolle als Lotse der Versorgung gestärkt" werden solle. Diese müsse mit einer veränderten Aufgabenverteilung zwischen den Gesundheitsberufen einhergeben.

Durch teamorientierte Zusammenarbeit sollen auch "flexiblere, familienfreundliche Arbeitszeiten" möglich werden.

Dabei betonen die Grünen, gute Primärversorgung - das Wort "Hausarzt" wird in dem Zusammenhang nicht erwähnt - gehe "weit über die in Deutschland bislang praktizierten Hausarztmodelle hinaus".

Nötig sei dafür auch ein verändertes Honorarsystem, das die "Funktionen der Primärversorgung wie Team-, Präventions- und Steuerungsleistungen besonders berücksichtigt".

Verordnugnskompetenz für Angehörige nichtärztlicher Gesundheitsberufe

Brisant aus Ärztesicht ist vor allem die Ankündigung, die Grünen strebten nicht nur eine Delegation ärztlicher Aufgaben, sondern eine "grundsätzliche Neuformulierung heilkundlicher Aufgaben innerhalb der ärztlichen und nichtärztlichen Gesundheitsberufe an".

Dabei denken die Grünen an Modellregionen, in denen Angehörige nichtärztlicher Gesundheitsberufe auch die Verordnungskompetenz für bestimmte Leistungen erhalten sollen.

Patientenorganisationen sollen Träger eines MVZ sein können

Auf der Antrags-Agenda stehen außerdem vernetzte Versorgungsformen, vor allem im Sinne regionaler Versorgungsverbünde. Mittel für solche neuen Versorgungsmodelle könnten aus einem "Innovationsfonds" kommen, in den GKV und PKV gleichermaßen einzahlen sollen.

Für Aufregung dürfte auch der Vorschlag sorgen, dass die Möglichkeiten zur Gründung eines MVZ stark erweitert werden sollen. Auch "Ärztenetze, Gesundheitsverbünde, Kommunen und Patientenorganisationen" sollen Träger einer solchen Einrichtung werden können.

Explizit soll die Leitung eines MVZ nicht nur Ärzten, sondern auch "Psychotherapeuten und qualifizierten Pflegekräften" erlaubt werden.

Mit wirksamen Anreizen eine Unter- und Überversorgung vermeiden

Schließlich spricht sich die Grünen-Fraktion für "wirksame Anreize" aus, um Fehl-, Unter- und Überversorgung zu vermeiden. Daher sollte die bestehende Möglichkeit beibehalten werden, Honorarzu- und -abschläge bei Unter- und Überversorgung in Regionen festzulegen. Schwarz-Gelb möchte diese seit 2007 bestehende Regelung wieder streichen.

KVen sollten dazu verpflichtet werden, in überversorgten Gebieten "regelhaft überzählige Arztsitze" aufzukaufen und stillzulegen, heißt es.

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Berufspolitik (17099)
[08.10.2011, 20:45:02]
Dr. Rares Pintea 
Medizinstudium
Medizinstudium, Weiterbildung, Fortbildung, Spezialisierung etc. sind dazu da, um die Gesundheit zu schützen. Das heutige System bittet den Bürgern ein gesundes und langes Leben und die Hoffnung auf Steigerung durch Innovation. Sehe nicht wie das durch die Gedanken der Grünen verbessert, ja erhalten werden soll.  zum Beitrag »
[08.10.2011, 13:40:26]
Dr. Vartan Ter-Akopow 
Unqualifizierte, geradezu naive Ansichten
Diese Doktrin angenommen und diesen Vorschlägen folgend könnte ich doch glatt (als Nebenjob?) als passionierter Gleitschirmflieger den Steuerknüppel eines A380 übernehmen !! Bin ja schließlich erfahrener Pilot mit jahrzenterlangen Flugpraxis !!
Was für Blauäugigkeit ...........  zum Beitrag »
[07.10.2011, 13:28:03]
Dr. Jürgen Schmidt 
Den Dialog suchen
Mit derartigen Vorschlägen musste man rechnen - wenngleich der undifferenzierte Katalog der Fraktion der Grünen überrascht - als man sich entschloss, das Thema Ärztemangel zu einem vorrangigen berufspolitischen Kampfinstrument zu machen. Nun werden wir logischerweise mit möglichen Kompensationen konfrontiert.

Warum nun die Ärzte einen zukünftigen Club von Pflegekräften oder Patientenverbünden etc als MVZ-Gründer mehr fürchten sollen, als die vorhandenen von Klinikkonzernen gegründeten MVZ's, erschließt sich
nicht.

Dass nun gerade die Grünen Schützenhilfe für fachfremde Gründungen leisten wollen und damit die Bundesratsmehrheit gegen den Gesetzesentwurf unterstützen, der die MVZ's von nichtärztlicher Bevormundung frei halten will, widerspricht allerdings der emanzipatorischen Grundhaltung dieser Partei.

Es wäre jedoch falsch, den Dialog wegen dieses monströsen gesundheitspolitischen Vorstoßes auszuschlagen.
Mehr noch, dass ein solcher völlig unausgegorener Fraktionsantrag zustande kam, deutet auf erhebliche berufspolitische Versäumnisse von KBV und BÄK hin.
Andererseits sitzen in vielen Landesparlamenten sehr vernünftige ideologisch nicht gebundene Vertreter der Grünen. Auch mit denen sollten unsere Standesorganisationen stärker den Kontakt suchen. zum Beitrag »
[07.10.2011, 11:46:11]
Angelika Franz 
Hochgefährlich und standeswidrig
Kein Arzt dürfte in einem solchen MVZ arbeiten, denn er müßte sich ansonsten medizinischen Weisungen von Nicht-Ärzten beugen, was gefährlich und standeswidrig ist.
Es geht offensichtlich um weitere Sparmaßnahmen zu Lasten von Patienten und Ärzten. zum Beitrag »
[07.10.2011, 10:00:30]
Prof. Dr. Winfried Krafft 
Die Vorschläge der Ahnungslosen
was sind Leistungserbringer ?? alle Dienstleister mit gelernten , ungelernten Berufen oder besser Jobs . Da die Grünen den Unterschied zu einem akademischen Beruf und Leistungserbringern nicht kennen, können derartige Vorschläge gemacht werden, die von Unkenntnis strotzen.
Ich denke dabei an die Realisierung der Vorstellung medizinische Fachkräfte für Narkosen einzusetzen, was mit dem Tod des Patienten endete ., Nur weiter so!!, dann haben die Gerichte noch mehr zu tun. Es ist erstaunlich wie wenig vom Beruf des Arztes wirklich bekannt ist. zum Beitrag »

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