Ärzte Zeitung, 22.11.2011

Neue Debatte zur Priorisierung in Niedersachsen?

Die KV Niedersachsen stößt eine Debatte über Ranglisten an - Hausärzte haben Bedenken.

Neue Debatte zur Priorisierung?

Mark Barjenbruch von der KV-Niedersachsen.

© KVN

HANNOVER (cben). Die KV Niedersachsen will eine Kampagne für die Priorisierung ärztlicher Leistungen auf den Weg bringen.

"Wir haben die Vertreterversammlung eingebunden und diskutieren mit unseren Berufsverbänden", sagte KVN-Chef Mark Barjenbruch.

Der KV-Vorstand will damit ein Strategieziel verfolgen: "Für begrenzte Vergütung kann es nur begrenzte Leistungen geben", so gleichlautend Barjenbruch und sein Vize, der Hausarzt Dr. Jörg Berling.

Eigenverantwortung der Patienten stärken

Bei der ärztlichen Behandlung sei das Wünschenswerte vom Notwendigen zu trennen und die Eigenverantwortung der Patienten sei zu stärken.

"Idealerweise bekommt man das so hin, dass das derzeitige Geld auch künftig garantiert ist - allerdings für zum Teil andere Leistungen", so Barjenbruch.

Man müsse "im EBM regeln, was genau zum GKV-Leistungskatalog gehört. Wenn eine Kasse mehr bieten will, kann sie das mit Satzungsleistungen tun." Barjenbruch forderte eine "von der Bundesärztekammer begleitete Kampagne, die eine gesellschaftspolitische Diskussion auslöst."

Priorisierung von Leistungen kann zur unterlassenen Hilfeleistung werden, so Jarmatz

Bei Dr. Heinz Jarmatz, Chef des Niedersächsischen Hausärzteverbandes und Mitglied der Vertreterversammlung, trifft das Vorhaben auf gemischte Gefühle. "Eine Reihenfolge oder Abstufung der Leistungen herzustellen, ist eine moralisch schwierige Frage", sagte Jarmatz zur "Ärzte Zeitung".

Hausärzte arbeiteten häufig symptomorientiert und ohne präzise Diagnosen - unter solchen Umständen könne eine Priorisierung von Leistungen auch zur unterlassenen Hilfeleistung werden. Bei klaren Diagnosen könne eine Reihenfolge eine Option sein.

Im Übrigen sei das Thema keinem Hausarzt fremd. "Mit vielen vor allem alten und multimorbiden Patienten haben wir uns auf eine Art einvernehmlicher Priorisierung geeinigt", so Jarmatz.

[22.11.2011, 23:27:38]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Der zweite Schritt vor dem ersten
Wer eine Priorisierungsdebatte oder gar Rationierungsdebatte anstoßen will, sollte sich erst mal kundig machen und eine adäquate Versorgungsforschung initiieren. Denn daran krankt unser GKV-System. Da tun sich Forschungs-, Erkenntnis- und Wissenslücken auf. So lange wir nicht einmal erahnen können, wo Versorgungsmängel oder -überfluss formal u n d inhaltlich bestehen bzw. wie sie regional verteilt sind, können prioritäre Gesundheitsziele wohl formuliert, aber nicht umgesetzt werden. Aber es bleibt auch der ungute Verdacht, dass bei gleichzeitiger Verknappung von Medizinressourcen plötzlich mehr Geld für weniger Leistung generiert werden soll. Eine „Verknappungsforschung“ sozusagen, im Auftrag des medizinisch-industriellen Komplexes?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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