Ärzte Zeitung, 26.10.2011

Kuno Winn räumt seinen Stuhl

Drei Gesundheitsminister, zahlreiche Gesundheitsreformen und Ärzteproteste: Professor Kuno Winn hat in seiner Amtszeit als Chef des Hartmannbundes viel erlebt. Nach sechs Jahren ist nun Schluss.

Kuno Winn: Von der Verbandsspitze zur Alma mater

Nimmt Abschied von der Spitze des Hartmannbundes: Professor Kuno Winn.

© Hartmannbund

BERLIN (sun). Professor Kuno Winn hat viele Auf und Abs während seiner Zeit als Chef des Hartmannbundes erlebt.

Der ehemalige gesundheitspolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion in Niedersachsen und jetziges FDP-Mitglied war ein politisches Sprachrohr der Ärzte - der weiß, wie man im politischen Berlin Strippen zieht.

Ende Oktober endet die Ära

Doch nun ist Schluss: Er wird den Platz an der Spitze des Verbandes freimachen. Auf der Hauptversammlung Ende Oktober steht sein jetziger Stellvertreter, Dr. Klaus Reinhard, zur Wahl.

Winn ist sich sicher, dass dieser, sollte er von den Vertretern gewählt werden, die Verbandspolitik in seinem Sinne fortführen wird.

Kostenerstattung ganz oben auf der Wunschliste

Es gibt nach wie vor immer noch genug, wofür es sich aus Sicht Winns zu kämpfen lohnt: Die Kostenerstattung steht immer noch ganz oben auf der Wunschliste des Ärzteverbandes. "Dauerhaft wird die Politik nicht darum herum kommen, diese einzuführen", ist sich Winn sicher.

Doch das System der Kostenerstattung ist selbst mit der schwarz-gelben Koalition politisch nicht durchsetzbar. Das Modell ist umstritten und CDU und CSU haben der Forderung eine klare Absage erteilt.

Aus Winns Sicht ist die Kostenerstattung jedoch ein entscheidender Schritt zu mehr Eigenverantwortung und damit auch für eine notwendige "Kostenbegrenzung".

"Noch ist die Zeit nicht reif"

Dabei gehe nicht darum, dass der Patient Vorkasse leiste, sondern Patienten reichten ihre Rechnung bei der Kasse ein und zahlten erst nach Geldeingang. "Noch ist die Zeit aber nicht reif für dieses System", konstatiert Winn.

Das bisherige müsse offenbar leider erst "an die Wand fahren". Die Weichen für die Kostenerstattung seien aber gestellt. Schließlich setze sich die Kassenärztliche Bundesvereinigung für eine Einzelleistungsvergütung ein. Und diese sei die notwendige Voraussetzung für die Kostenerstattung.

Für Einheit der Ärzteschaft eingesetzt

Der 67-Jährige setzte sich während seiner Amtszeit auch für die Einheit der Ärzteschaft ein. Kaum als neuer Hartmannbund-Chef angetreten hatte Winn im November 2005 erst einmal für Aufregung gesorgt: In der Ärzteschaft brodelte es, sie waren unzufrieden mit der Sparpolitik der SPD-Gesundheitsministerin Ulla Schmidt in der großen Koalition.

Daher hatte er gemeinsam mit anderen Verbänden die Ärzteproteste ausgerufen - daraus entstand am Ende die Allianz deutscher Ärzteverbände.

Winn hatte das richtige Bauchgefühl

Aus heutiger Sicht weiß Winn: Er hatte das richtige Bauchgefühl. Damals erforderte die Entscheidung allerdings Mut: "Wie viele wirklich zu den Protesten erscheinen war damals unkalkulierbar", erinnert sich Michael Rauscher, stellvertretender Hauptgeschäftsführer und Sprecher des Verbandes.

Gleich beim ersten Protesttag am 18. Januar 2006 in Berlin kamen etwa 20.000 Ärzte. "Die Ärzte standen sogar bei der eisigen Kälte vor den Türen des Saals", so Rauscher.

Proteste schlugen eine riesige Welle

Mit diesem Erfolg habe man nicht gerechnet, resümiert Winn. Die Proteste haben eine "riesige Welle" geschlagen, deren Wirkung zeige sich bis heute.

Die Politik wisse um die Protestbereitschaft der Ärzte. "Und am Hartmannbund kommt man heute nicht mehr so leicht vorbei", schmunzelt Winn.

Mitliederzuwachs beim Hartmannbund

Der Hartmannbund konnte in den vergangenen Jahren viele junge Mitglieder gewinnen. 20.000 der insgesamt 75.000 vom Verband vertretene Ärzte sind Nachwuchsmediziner. Auch das ist ein Teil von Winns Vermächtnis, auch wenn er das selbst so nicht sagen mag.

Der Verband wirbt gezielt um den Nachwuchs und bietet wichtige Unterstützung während des Studiums und konkrete politische Teilhabe an der Verbandsarbeit.

Winns Zukunft steht im Sinne des medizinischen Nachwuchses: Er hat einen Lehrauftrag an der Fachhochschule Magdeburg- Stendal.

[26.10.2011, 23:45:24]
Dr. Jürgen Schmidt 
Der HB hat vielfache Verdienste
Wer keine berufspolitische Erfahrung hat, unterschätzt den Hartmannbund leicht.

Seine eigentliche Bedeutung, die mit der historischen Leistung der Gründung von KVen eng zusammenhängt und den rechtlosen und fremdbestimmten Ärzte eine wirtschaftliche Überlebenschance geschaffen hat, ist nicht an der Beharrlichkeit zu messen, mit der einige derzeit nicht durchsetzbare Grundforderungen vertreten werden, sondern im Bemühen, die Reihen der Ärzteschaft gegen auseinanderstrebende Kräfte zusammen zu halten.
Wie in manchen anderen fachübergreifenden Verbänden auch, rekrutierten sich aus den Reihen des HB berufspolitisch tätige Ärzte, die weniger durch unintelligente Besserwisserei und die Kunst der Schmähung in den Kommentarspalten der ÄZ aufgefallen sind, als durch harte Kärnerarbeit und kontinuierliche berufspolitische Situationsanalyse. So war es der Hartmannbund, der bereits vor 18 Jahren vor Ärztemangel gewarnt hat und dies detailliert demografisch begründet hatte, als alle Welt nach Zulassungsbeschränkungen rief.

Man kann natürlich fragen, was diese Kollegen sonst erreicht haben, wichtiger ist jedoch - angesichts des übermächtigen politischen Umfeldes - die Betrachtung, was sie verhindert haben.

Als politischer Kampfverband krankt der Hartmannbund seit einigen Jahren an der Uneinigkeit der Ärzte, die Gruppen neutralisieren sich, Nöldner war es, der bereits vor 20 Jahren den strategischen Ausweg suchte, aber davon ist wenig nach außen gedrungen.

Ich bin nicht Mitglied dieses Verbandes und ihm auch nicht verpflichtet. Aber es sollte m.E. mehr Kollegen geben, die den HB gegen provozierende und abschätzige Kommentare in Schutz nehmen. zum Beitrag »
[26.10.2011, 18:23:16]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
"Und täglich grüßt das Murmeltier..."
Mit der vom scheidenden Hartmannbund-Chef Prof. Kuno Winn rezidivierend geforderten Kostenerstattung ist es wie mit Sisyphos' Strafe in der Unterwelt. Wie ein Felsblock wird die Kostenerstattung täglich einen steilen Hang hinaufgerollt. Um, kurz bevor sie das Ende des Hangs erreicht, dem HB wieder zu entgleiten. So dass täglich als Strafe wieder von vorne anfangen werden muss. Seit Beginn meiner ärztlichen Tätigkeit vor jetzt 36 Jahren flüsterten mir berufspolitisch mehr oder weniger erfahrene Kollegen ein, die Kostenerstattung werde quasi über Nacht erreicht, wenn ich nur dem HB beitreten würde.

Mittlerweile ist es ein Mantra für den HB geworden, immer möglichst erfolglose Projekte zu suchen, die dann unter allergrößtem Tamtam eben gerade n i c h t realisiert werden können. Legendär war der HB-Hauptgeschäftsführer Dr. Nöldner, der als Hobby nebenbei noch "Care-Deutschland" vertrat und im Rahmen einer Korruptionsaffäre gehen musste. Der wollte gemeinsam mit dem damals schwergewichtigen Prof. H. Bourmer den damaligen Bundesgesundheitsminister Norbert Blüm gleichsam "verfrühstücken". Was für eine grandiose Fehleinschätzung!

Was die Kostenerstattung als HB-Lieblingsprojekt angeht, ist die aktuelle Situation symptomatisch für das Ganze: Selbst Kollege Philipp Rösler, als Gesundheitsminister mit einer "Kopfpauschale" ebenso grandios wie gezielt gescheitert, weil die gesamte Koalition seine gigantische Umverteilung von Unten nach Oben nicht tragen konnte, hält die Kostenerstattung zu Recht für nicht durchsetzbar. Und in der gesamten CDU/CSU und FDP findet sich niemand, der bei dieser illusionären Verkennung mitmachen würde. Selbstzahlpflicht, Wahltarife u n d Kostenerstattung können aus rechtlichen und verfassungsmäßigen Gründen im Sozialgesetz n i c h t funktionieren (vgl. Editorial Thomas G. Schätzler in 'Der Allgemeinarzt' 32.Jhrg., 18/2010, S. 3, Nov. 2010) und haben deshalb auch nach über 35 Jahren in der GKV keine Chance.

Es ist vergleichbar, was in "Und täglich grüßt das Murmeltier", einer Filmkomödie von 1993, passiert: Bill Murray als "Phil Connors" spielt einen egozentrischen, Selbstwahrnehmungs-gestörten, zynischen TV-Wetteransager, der in einer Zeitschleife fest hängt. Ad multos annos!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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