Ärzte Zeitung, 16.11.2011

Berliner Hausärzte wollen weg von Pauschalen

Einzelvergütung oder Pauschale - Was ist besser?

Hausärzte in der KV Berlin halten wenig davon, weitere Pauschalen für ihre Leistungen einzuführen. Diese bildeten nicht das Leistungsspektrum breit aufgestellter Kollegen ab. Auf Linie des Bundesverbandes liegen sie nicht.

Von Angela Mißlbeck

BERLIN. Hausärzte in Berlin fordern eine verstärkte Einzelleistungsvergütung. Den Trend zu einer zunehmenden Pauschalierung der Vergütung sehen sie skeptisch.

Der beratende Fachausschuss Hausärzte in der KV Berlin hat nun beschlossen, sich verstärkt für eine Einzelleistungsvergütung im hausärztlichen Kapitel einzusetzen.

Das berichtete Ausschussmitglied Mathias Coordt in der Vertreterversammlung der KV Berlin.

Gegen die Richtung der Bundesebene

Die Hausärzte in der Berliner KV lehnen damit auch Pläne auf Bundesebene ab, im Rahmen einer Reform des Einheitlichen Bewertungsmaßstabs (EBM) eine weitere Pauschalierung der Hausarzt-Vergütung voranzutreiben.

Diese Pläne hat KV-Vize Dr. Uwe Kraffel in der VV vorgestellt. Unter anderem ist seinen Angaben nach angedacht, die Versichertenpauschale abzusenken, fünf statt drei Altersklassen einzuführen und neben dem Chronikerzuschlag weitere Zuschläge für bestimmte Morbiditäten zu schaffen.

Zudem werde für Neupatienten ein Anamnesezuschlag gefordert.

Kritik an Südwest-Vorschlägen

Diese Vorschläge, die dem Vernehmen nach auf die Vorstellungen von verbandlich organisierten Hausärzten aus Baden-Württemberg zurückgehen, trafen bei den Hausärzten in der KV Berlin auf Kritik.

Der Allgemeinmediziner Dr. Frank Lose nannte sie "kontraproduktiv". Der Hausarzt-Internist Dr. Burkhard Matthes übte Kritik an der Chronikerpauschale.

Sie sei "nicht durchdacht". Matthes: "Wir haben dafür plädiert, dass der Arzt das bezahlt bekommt, was er an Leistung erbringt, und nicht den Status des Patienten."

Chroniker-Pauschale wirklich geeignet?

Hausärzte sollten in der Heterogenität vergütet werden, in der sie sich aufstellen, begründete er den Beschluss des Fachausschusses.

Berlins Hausärzteverbandschefs Dr. Wolfgang Kreischer gab zu bedenken, dass chronisch Kranke Mehraufwand in der Praxis verursachten.

Doch Hausarzt-Internist Matthias Coordt stellte in Frage, ob die Chronikerpauschale das geeignete Instrument ist, um den Aufwand abzubilden.

Hausärzte sollen Beschluss in den Verband tragen

Eine Kontaktpauschale ist ein "viel besseres, eleganteres und leistungsgerechteres Instrument, die tatsächliche Arbeit darzustellen", erwiderte Coordt auf den Einwurf Kreischers.

KV-Vize Dr. Uwe Kraffel forderte die Hausärzte auf, das klare Votum des Ausschusses auch in den Verband hineinzuspiegeln.

Der übe viel Druck in der KBV aus, damit seine Vorstellungen bei der nächsten EBM-Reform umgesetzt werden.

[17.11.2011, 17:05:29]
Dr. Jürgen Schmidt 
Ungelöste Konflikte haben ein langes Leben, gesundheitspolitische ein noch längeres !
Im Hintergrund des honorarpolitischen Dissenses steht die von vorne herein vorhandene und wegen fehlender Akzeptanz der WBO zum Allgemeinarzt weiter zunehmende Inhomogenität der Hausärzte.

Konkurrenz macht vorzugsweise in der Großstadt ein breites Leistungsspektrum als Wettberwerbsparameter wünschenswert. Das wiederum erhöht die Kosten tendenziell stärker, als den Umsatz.

Einzelleistungsvergütung statt Pauschalierung macht aber nur Sinn, wenn sich einzelne Kollegen leistungs- und vergütungsrelevant stärker vom Durchschnitt abheben. Gerade das ist aber weder in der Spitze des Hausarztlagers, noch gesundheitspolitisch erwünscht (obwohl man das Reiz- und Stichwort Apparatemedizin seit einiger Zeit seltener hört). Von Anfang an war die Nivellierung und das Schleifen des internistischen Status ja gerade das Ziel der zahlenmäßig dominierenden Gruppe der Allgemeinärzte, von denen bei Einführung des § 73 SGBV nur die wenigsten eine strukturierte Weiterbildung durchlaufen hatten, gleichwohl aber ihr Gehege einforderten und auch bekamen.

Die neuerlichen Auseinandersetzungen signalisieren die Spannungen im inhomogenen Hausarztlager, die zum Auseinanderbrechen führen müssen, wenn man nicht die Weiterbildung und damit auch die Strukturen überplant und an die Notwendigkeit anpasst, in der Hausarztmedizin zu 80 % internistische Erkrankungen zu versorgen. Mit der Einführung einer modularen WBO und in kooperativen Strukturen wird die Weiterbildung für die Basisversorgung in Zukunft nicht mehr mit der einmal bestandenen Facharztprüfung abgeschlossen sein. Der immer schon vorhandene Drang vieler Allgemeinärzte, Qualifikation nachzuholen und das Leistungsspektrum zu erweitern, wird dann die Inhomogenität verstärken.

Jahrzehntealte Problematiken, die nie ausreichend berücksichtigt, bzw. politisch und - schlimmer noch - fachgruppenpolitisch auf dem kleinsten Nenner geregelt wurden, werfen erneut und in Zukunft verschärft die Frage auf, ob anstelle der strikten und antiquierten Trennung in Haus- und Fachärzte nicht die kooperativen Strukturen stärker gefördert und in der Gebührenordnung abgebildet werden sollten.

Aber geben wir uns keinen falschen Hoffnungen hin, Fehler in der Gesundheitspolitik, ob nun von Ärzten oder Politikern intendiert, haben ein langes Leben ! zum Beitrag »

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