Ihre Meinung ist gefragt: Machen Sie bei unserer Online-Umfrage mit!

Ärzte Zeitung, 30.11.2011

Selbstverwaltung soll sich an eigene Nase fassen

Schleswig-Holsteins Kammerpräsident sieht beim Ärztemangel vor allem die Selbstverwaltung in der Pflicht.

Von Dirk Schnack

Nur mit dem Finger auf Politiker zeigen, ist zu einfach

Immer mehr Ärzte - das ist keine Lösung: Franz-Joseph Bartmann.

© ÄKSH

BAD SEGEBERG. Immer mehr Ärzte - das ist keine Lösung für die steigende Nachfrage nach medizinischen Leistungen. Die Selbstverwaltung muss mit neuen Organisationsformen reagieren.

Dies forderte Schleswig-Holsteins Kammerpräsident Dr. Franz-Joseph Bartmann bei der jüngsten Kammerversammlung, in der er sich mit der Forderung nach mehr Ärzten auseinander setzte.

"Wer das als Konsequenz fordert, sollte sich auch und rechtzeitig überlegen, dass das Budget nicht entsprechend der gewünschten zusätzlichen Arztzahl steigen wird. Das bedeutet implizit: reduzierte Belastung auf der einen führt zwangsläufig zu einer reduzierten Bezahlung und Gewinnerwartung auf der anderen Seite", sagte Bartmann.

Telemedizin und virtuelle Zentren

Ohnehin hält Bartmann die häufigen Verweise auf angeblich zu wenige Ärzte für nicht hilfreich. Er erinnerte an die im europäischen Vergleich hohe Arztdichte in Deutschland.

Für Ideen und Antworten auf die steigende Nachfrage nach medizinischen Leistungen sind nach seiner Ansicht in erster Linie die ärztlichen Organisationen gefordert: "Wenn wir nicht bessere Lösungen anbieten als die Politik, haben wir unseren Auftrag als Selbstverwaltung verfehlt."

Bartmann ist sich bewusst, dass dieser Weg für Ärzte unbequem werden kann und erwartet von ärztlichen Organisationen, dass sie Ängste und Widerstände unter den Kollegen abbauen.

Konkret schlägt er vor, dass die ärztliche Arbeitskraft durch arbeitsteiligere Kooperationsformen rationeller eingesetzt wird.

Dies könne auch in virtuellen Zentren durch den verstärkten Einsatz von Telemedizin geschehen, sagte Bartmann auf Nachfrage der "Ärzte Zeitung".

Praxis-Aufkauf ein probates Mittel

Verständnis zeigte der Kammerpräsident aus dem Norden für die Ärztegeneration, die ihre Praxen in den kommenden Jahren abgeben will und dabei auf immer geringeres Interesse stößt - dies ist unter Praxisinhabern in Schleswig-Holstein derzeit eines der am meisten diskutierten Probleme.

Eine der wichtigsten Fragen in dieser Diskussion ist für Bartmann die nach der Entschädigung für einen Arzt, der viel Geld in eine heute nicht mehr veräußerbare Praxis investiert hat.

Bartmann: "Es ist schließlich nicht seine Schuld und war für ihn nicht vorhersehbar, dass gesellschaftliche Entwicklungen seine vor Jahrzehnten gehegten Erwartungen in einen Teil seiner Altersvorsorge nicht mehr rechtfertigen würden."

Bartmann sieht auch in dieser Frage die ärztliche Selbstverwaltung gefordert. Durch den Aufkauf von Praxen könnten KVen die Versorgung gezielt in Zentren lenken, die die Arbeitsabläufe effektiver gestalten.

Eine "Enteignung", wie derzeit vom BDI kritisiert, sieht er darin nicht, weil abgebende Ärzte auf diese Weise noch einen Kaufpreis erzielen könnten. Und es ist für ihn die bessere Alternative als die pure Aufgabe einer Praxis, die zugleich der Nachbarpraxis einen nicht mehr zu bewältigenden Patientenandrang bescheren würde.

[30.11.2011, 17:11:13]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
"Die schärfsten Kritiker der Elche - sind selber welche"
Herr Kollege und SH-Kammerpräsident Dr. Franz-Joseph Bartmann, mit Verlaub, "immer mehr Ärzte - das ist keine Lösung" kommt aus berufenem Munde. Dann könnten Sie sich ja gleich selbst abschaffen!

Dies trotz oder wegen der "steigenden Nachfrage nach medizinischen Leistungen" zu behaupten, entbehrt nicht eines gewissen "chaotisch- undisziplinierten Denkens" in der Medizin. Nur zum Innehalten, es gibt
1. einen demografischen Faktor (Überalterung)
2. eine zunehmende Multimorbidität und Anspruchshaltung
3. eine Weiterentwicklung des Medizinisch-Industiellen Komplexes
4. einen wissenschaftlichen Fortschritt in Grundlagenforschung, Medizin, Pharmazie, Rehabilitation und Palliation
5. medizinrechtlich begründete Forderungen nach Absicherung, Dokumentation, Evaluation und Verifikation (z.B. Zweitmeinungen)
6. evidence-based medicine und Leitlinienarchitektur für anamnestische, diagnostische und therapeutische Entscheidungsfindungen.

Und dann erinnern Sie hilflos an die hohe Arztdichte in Deutschland, obwohl Sie gerade als Kammerpräsident wissen, dass immer w e n i g e r Ärzte/Ärztinnen in der medizinischen Patientenversorgung arbeiten wollen oder können. Dass die ergebnislose Suche nach Praxisnachfolgern auf dem Land, in sozialen Brennpunkten und Randbezirken mit der erbärmlichen Vernachlässigung dieser Standorte durch KVen und ÄKn zu tun hat. Dass a l l e jemals Approbierten mitgezählt werden, die in den Kammerbezirken je gemeldet wurden. Und dass immer mehr Ärzte gerade aus Ihrem Kammerbezirk nach Skandinavien abwandern!

Wenn dann von "Telemedizin" und "neuen Kooperationsformen" à la MVZ und Rationalisierung ärztlicher "Manpower" die Rede ist, haben Sie offensichtlich das Wichtigste vergessen: Unsere Patientinnen und Patienten, die individualisierte Medizin erwarten und nicht Fließbandabfertigungen bekommen sollen. Auch den Fokus auf Versäumnisse in der Gesundheitsökonomie zu lenken, lässt auf ein gestörtes Selbstverständnis unserer Profession schließen: Angewandte Volks- und Betriebswirtschaftslehre hat n i c h t s mit ärztlicher, professioneller K e r n kompetenz zu tun.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z.Zt. Kaprun/A)

 zum Beitrag »
[30.11.2011, 10:54:18]
Dr. Jürgen Schmidt 
Späte Einsichten
Der folgende Satz war vor 25 Jahren, als die Ärzteschaft noch (begrenzt) handlungsfähig war, durchaus richtig:
"Wenn wir nicht bessere Lösungen anbieten als die Politik, haben wir unseren Auftrag als Selbstverwaltung verfehlt."

Unter den heutigen Bedingungen der Überregulierung, des staatlichen Dirigismus und der bürokratischen Einengung ärztlichen Handelns wirkt der Satz wie eine Selbstbezichtigung.

In der Tata hat die Ärzteschaft Ihren rechtzeitigen Auftritt in der Gesundheitsökonomie versäumt und sich mit mancher Argumentation (Ärztemangel: Leistungsmengen) diskreditiert, aber auch mit der sektoralen Trennung der Versorgung und einem rigorosen Umbau der Versorgung zu einer "hausarztzentrierten Medizin", die nicht funktioniert, weil sich der Nachwuchs versagt und das Weiterbildungskonzept einfach nicht akzeptiert wird.

Insofern mögen sich die Ärztekammern an die eigene Nase fassen und vorsorgliche Schuldzuweisungen an andere ärztliche Organisationen wie den folgenden Satz vermeiden:

"Bartmann ist sich bewusst, dass dieser Weg für Ärzte unbequem werden kann und erwartet von ärztlichen Organisationen, dass sie Ängste und Widerstände unter den Kollegen abbauen."

"Konkret schlägt er vor, dass die ärztliche Arbeitskraft durch arbeitsteiligere Kooperationsformen rationeller eingesetzt wird."

Wenn es sich hier nicht nur um einen wohlfeilen Allgemeinplatz handeln soll, sondern um eine Kritik an den bisherigen Strukturen, ergeben sich äußerst weitgehende Konsequenzen. Die Einzelpraxis oder kleine Gruppenpraxis wäre demnach kein Zukunftsmodell. Das trifft die Mentalität der meisten niedergelassenen Ärzte ins Mark.

Aber Bartmann lenkt sogleich von den Konsequenzen ab:

"Dies könne auch in virtuellen Zentren durch den verstärkten Einsatz von Telemedizin geschehen"

Na denn ...


 zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Werden europäische Männer immer unfruchtbarer?

Männern haben immer weniger Spermien. Direkte Rückschlüsse auf Fruchtbarkeit erlaubt das nicht – es könnte aber nur die Spitze eines Eisbergs gesundheitlicher Probleme sein. mehr »

Psychotherapie soll künftig Unifach werden

Ein einheitliches Berufsbild, Studium an der Uni. Die Psychotherapeutenausbildung steht vor umwälzenden Veränderungen. Kritiker vermissen beim Entwurf aber Konkretes zum Thema Weiterbildung. mehr »

Ist die menschliche Entwicklung am Ende?

Über Hunderttausende von Jahren ist der Mensch zu dem geworden, was er heute ist. Und nun? Ein Grimme-Preisträger fragt sich, ob Unsterblichkeit erstrebenswert ist und wohin uns die Evolution führen wird - oder kann der Mensch sie austricksen? mehr »