Ärzte Zeitung, 27.02.2012

Landarzt - vom ersten Semester an

20 Erstsemester an der Universität in Halle/Saale bereiten sich derzeit in der Klasse Allgemeinmedizin auf ihren künftigen Beruf als Hausarzt vor. Die Nachfrage war so groß, dass die Fakultät nur jeden zweiten Bewerber annehmen konnte.

Von Petra Zieler

Lernziel Landarzt - ab dem ersten Semester

Dr. Andreas Klement, Gesundheitswissenschaftlerin Kristin Bretschneider, Psychologe Matthias Ömler, Dr. Ute Schnell, Soziologin Dr. Susanne Grundke (von links).

© zie

HALLE. Das Echo war unerwartet groß, als im Wintersemester 2011/2012 erstmals eine Klasse Allgemeinmedizin für Erstsemestler der Medizinischen Fakultät in Halle angeboten worden ist. "Wir hatten doppelt so viele Bewerber wie Kapazitäten", sagt Sektionsleiter und Hausarzt Dr. Andreas Klement.

20 ausgewählte Studierende nutzen seither das fakultative Angebot, sich während des gesamten Studiums auf ihre spätere Arbeit als Haus- oder Landarzt vorzubereiten.

"Unser Rezept gegen Nachwuchsmangel verspricht Erfolg", zeigt sich Klement sicher. Schon sehr früh könnten Studenten die Faszination des Hausarztberufes "hautnah" erleben.

Regulär werden Studierende das erste Mal im achten Semester mit der Allgemeinmedizin konfrontiert. "Dann", so Klement, "haben sich viele von ihnen bereits festgelegt."

Aus dem anfänglichen Gedanken sei schließlich ein Konzept geworden. Geschrieben haben es die Hausärzte selbst - sie setzen es auch selber um.

Zu den neun Lehrenden der Sektion Allgemeinmedizin gehören fünf praktizierende Hausärzte und darüber hinaus Psychologen, Sprechwissenschaftler, Soziologen.

Unterstützt werden sie von etwa 100 Lehrbeauftragten in und um Halle. Allesamt Hausärzte, in deren Praxen die Allgemeinmediziner in spe ihre Praktika absolvieren können.

"Während der gesamten Studienzeit betreut ein Mentor jeweils einen Studierenden", erklärt Dr. Ute Schnell, Hausärztin in Bad Dürrenberg, wissenschaftliche Mitarbeiterin und stellvertretende Sektionsleiterin. "Wenn wir Nachwuchs wollen, dann müssen wir ihn selbst ausbilden."

Schnell: "Das ist bei den Hausärzten nicht anders als bei den Handwerkern. Guten Nachwuchs serviert niemand auf dem Tablett." Nicht von ungefähr prange in der Mitte des Logos der Klasse Allgemeinmedizin ein Känguru: Auch Haus- und speziell Landärzte könnten mit gutem Nachwuchs größere Sprünge machen.

Früchte in elf Jahren ernten

"Mir macht die Arbeit mit jungen Leuten genauso Spaß wie die in der Praxis", erklärt die Hausärztin ihr 60-Stunden-Wochen-Engagement.

"Theorie und Praxis verbinden sich auf gute Weise. Das eine bereichert das andere", so Ute Schnell, die die Vorlesungen Allgemeinmedizin im Regelstudiengang verantwortet.

In ihrer Praxis bietet sie wöchentlich 35 Stunden Sprechstunden an und behandelt pro Quartal rund 1300 Patienten. Die auf der Praxis fußende Wissensvermittlung kommt gut an und verfehlt ihre Wirkung nicht.

Immerhin geben nach Befragungen 40 Prozent der Hallenser Medizinstudenten an, sich auf hausärztliche Weiterbildungsstellen bewerben zu wollen. Im Bundesdurchschnitt sind halb so viele.

Hervorgegangen ist die Sektion Allgemeinmedizin aus einer Stiftungsprofessur, die vor einigen Jahren auf Initiative der KV Sachsen-Anhalt gegründet worden war. Beide Landesuniversitäten vereinte daraufhin ein gemeinsamer Lehrstuhl, der nun auf die Magdeburger Uni übergegangen ist.

"Wir haben uns danach bemüht, das Angebot für angehende Hausärzte dennoch zu forcieren", so Klement. Vorbilder waren unter anderem Angebote der Universitäten in Pennsylvania in den USA.

Die Erfahrung dort: Jeder dritte Landarzt ist aus dem Förderprogramm hervorgegangen. Anders als in Pennsylvania, wo ein Prozent der angehenden Mediziner auf diese Weise gefördert werden, können in Halle zehn Prozent der Studierenden das Wahlfach Allgemeinmedizin nutzen. Das lässt hoffen.

"Wir werden erste Früchte frühestens in elf Jahren ernten können. Aber selbst der längste Weg beginnt mit dem ersten Schritt", sagt Klement, der in einer allgemeinmedizinischen Gemeinschaftspraxis in Dresden arbeitet.

Jeweils anderthalb Tage in der Woche ist er an der Universität Halle. Das Angebot basiere auf vier Säulen, erläutert er: "Dem frühen Kontakt zu den Patienten und zur praktischen Arbeit; dem Training hausärztlicher Fertigkeiten; der persönlichen Betreuung durch einen Mentor und schließlich dem festen Gruppenzusammenhang."

Lehren und Lernen in der Gruppe bei spezifischer Einzelförderung - mit Glück kann sich daraus vielleicht das Team einer späteren Gemeinschaftspraxis ergeben.

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