Ärzte Zeitung, 15.04.2012

Hintergrund

Gesundheit ist Patienten immer mehr wert

Dass die Kosten im Gesundheitswesen steigen, wird den Ärzten Vorteile bringen, glauben Wirtschaftsforscher. Sie sehen große Potenziale für Niedergelassene.

Von Dirk Schnack

Patienten greifen für Gesundheit immer tiefer in die Tasche

Für IGeL, Medical Wellness oder Anti-Aging werden die Patienten künftig noch mehr Geld ausgeben, prognostizieren Wirtschaftsforscher.

© R. Emprechtinger / fotolia.com

Für die Grundversorgung, die von der gesetzlichen Krankenkasse finanziert wird, gibt es eine erste Anlaufstelle. Alle anderen Gesundheitsangebote werden dann privat bezahlt.

Das ist eine Perspektive, die nach Ansicht von Professor Thomas Straubhaar für die Zukunft des deutschen Gesundheitswesens realistisch ist.

Die Zweite: Wer auf dem Land wohnt, wird zwar noch einen Hausarzt in der Nähe finden, die komplette spezialärztliche Versorgung aber wird in entfernteren Zentren stattfinden.

Weitreichende Änderungen prognostiziert

Bei der Vorstellung einer Studie, die sein Hamburgisches Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) gemeinsam mit der Berenberg Bank erstellt hat, ließ Straubhaar keinen Zweifel daran aufkommen, dass sich auch die Deutschen auf weitreichende Änderungen am gewohnten Gesundheitssystem einstellen müssen.

Dabei reihte sich Straubhaar aber nicht in die Riege der Schwarzmaler ein, vielmehr betonte er die mit diesem Wandel verbundenen Chancen. Das betrifft auch die steigenden Ausgaben, für die der Staat eigentlich kein Geld hat.

"Der Kostenanstieg führt zu mehr gesunden Lebensjahren. Wofür sonst soll der Staat Geld ausgeben", verwies Straubhaar auf die positiven Effekte der Gesundheitsausgaben.

Zugleich macht die Studie aber deutlich, dass der Staat beziehungsweise die gesetzliche Krankenversicherung allein damit überfordert wäre, alle Bedürfnisse des Gesundheitssektors zu finanzieren.

Dass Investitionen in die Gesundheit sinnvoll sind, ist für viele Menschen längst unstrittig - und sie handeln auch danach. Mit privaten Ausgaben sorgen sie dafür, dass die Wachstumsraten im Gesundheitsmarkt deutlich über dem des durchschnittlichen Wirtschaftswachstums liegen.

Schneeballeffekt erwartet

Straubhaar erwartet in den kommenden Jahren einen Schneeballeffekt: die zunehmende Nachfrage nach Gesundheitsleistungen erzeugt Investitionsbedarf, das investierte Geld führt zu mehr Innovationen, die den Anbietern Rendite bringen.

Diese Rendite wiederum lockt neue Investoren an. In Zentren wie Hamburg mit der hohen Dichte an Medizintechnikunternehmen sieht Straubhaar gute Voraussetzungen für eine besonders dynamische Entwicklung.

Dass dies keine Wunschvorstellung ist, lässt sich bereits am Anlageverhalten von Investoren ablesen, wie die Studie zeigt:

Aktien haben zur Portfoliostabilisierung beigetragen: Der Stoxx Europe 600 Health Care Index hat seit den turbulenten Börsenphasen der Jahrtausendwende um rund zehn Prozent zugelegt, während der umfassende, branchenübergreifende Stoxx 50-Index um 50 Prozent fiel. Zugleich schwankte der Gesundheitsindex weniger stark.

In Deutschland sind mehr als 50 Investmentfonds mit dem Schwerpunkt Gesundheitssektor zum Vertrieb zugelassen, das verwaltete Fondsvermögen liegt bei 5,5 Milliarden Euro. Neben regionalen Fonds gibt es auch Themeninvestments, etwa zu Pharma, Generika oder Biotechnologie.

In Deutschland sind über 1000 Stiftungen im medizinischen Bereich und im öffentlichen Gesundheitswesen tätig. Viele von ihnen betreiben Kliniken und Altenheime. Einige davon bieten auch Geldanlagen mit Rendite - Mission Related Investments. Die Geldanlage erfolgt nach Kriterien, die dem Förderzweck der Stiftung entsprechen. Im Gegensatz dazu wird bei Program Related Investments das Kapital nur nominal erhalten - ohne Renditechancen.

Ärzte können vom Wachstum des Marktes profitieren

Laut Cornelia Koller können sich Anbieter auf ein deutliches Wachstum des zweiten Gesundheitsmarktes einstellen.

Während niedergelassene Ärzte auf IGeL abstellen, sieht die Volkswirtin der Berenberg Bank einen klaren Trend zu Medical Wellness und Anti-Aging, aber auch zu Functional Food und zum altersgerechten Wohnen.

"Der zweite Gesundheitsmarkt ist mit 26 Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben zurzeit noch relativ klein, wächst aber schnell und dürfte angesichts einer steigenden Gesundheitspräferenz und Rationierung der gesetzlichen Leistungen weitere Wachstumsimpulse erhalten", sagte Koller.

Mit dieser Entwicklung wird nach Einschätzung der Experten auch der Anspruch der Gesellschaft an die Effizienz der eingesetzten Mittel wachsen.

Nach Ansicht Straubhaars müssen sich Anbieter und Wissenschaftler auf die Frage einstellen: "Wie viel Geld muss ich einsetzen, um ein weiteres Lebensjahr gesund verbringen zu können?"

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