Ärzte Zeitung, 18.04.2012

Scheuen sich Kassenärzte vor Kassenpatienten?

Tausende Ärzte mit Kassenzulassung behandeln offenbar deutlich weniger Kassenpatienten als ihre Kollegen. Teilweise unterschreiten sie sogar die "magischen" 20 Stunden Wochenarbeitszeit für GKV-Versicherte. Die Empörung ist groß, auch die KVen geraten in die Kritik.

Neue Diskussion um Wartezeiten

Warten beim Doktor: Bei manchem niedergelassenen Arzt dauert es etwas länger.

© Klaro

BERLIN (dpa). Die zögerliche Behandlung von Kassenpatienten bei tausenden Kassenärzten in Deutschland sorgt für Empörung bei den gesetzlichen Krankenkassen.

Besonders viele Internisten, Neurologen, Radiologen und Chirurgen behandeln weit weniger Kassenpatienten als der Durchschnitt ihrer Fachgruppe. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen hervor.

Patientenvertretern ist seit langem ein Dorn im Auge, dass viele Kassenärzte verstärkt lukrative Privatpatienten behandeln.

Der Sprecher des GKV-Spitzenverbands, Florian Lanz, sagte: "Das ist ein wirklich starkes Stück, wenn sich Ärzte nicht im vorgesehenen Umfang um kranke Menschen kümmern und dadurch Wartezeiten entstehen."

Die Grünen-Gesundheitsexpertin Birgitt Bender, deren Fraktion die Anfrage gestellt hatte, warf der Bundesregierung und den Kassenärztlichen Vereinigungen vor, die Einhaltung der Vorgaben für die Kassenärzte nicht genügend zu überprüfen.

Aus der Übersicht geht hervor, dass vor allem in Westdeutschland in den meisten Regionen mehr als jeder fünfte Internist, Neurologe, Radiologe und Chirurg weniger als ein Viertel der Behandlungen aufweist als der Durchschnitt der Arztgruppe.

Bei den Hausärzten gibt es in Bayern, Berlin und Hamburg mit jeweils mehr als neun Prozent am meisten Fachvertreter mit so einer geringen Behandlungszahl von Kassenpatienten.

[20.04.2012, 13:26:36]
Dr. Birgit Bauer 
Scheu vor Kassenpatienten??
Herr Lanz sollte sich im Gegenzug fragen lassen, wann die GKV-en ärztliche Leistung gedenken adäquat entlohnen zu wollen ??
Würde er auch um 30% nachweislich unterfinanzierte Entlohnung akzeptieren?
Aber er hat ja das Glück einen Job zu haben wo keiner nach Leistung und Geleistetem fragt, er erhält sein Geld egal ob er es verdient hat.
Das eigentlich Schlimme ist , dass unsre sogenannte ärztliche Selbstverwaltung solchen irrsinnigen Darstellungen nichts entgegensetzt.
M.f.G. B.Bauer
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[19.04.2012, 17:17:03]
Dr. Uwe Lorenz 
Mit dem provozierten Ergebnis nicht zufrieden?
Herr Lanz, es ist doch immer das Gleiche. Meine Vorschreiber haben in allen Punkten Recht und zusammengefasst kann man nur sagen: "Die Spielregeln bestimmen das Ergebnis!"
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[19.04.2012, 12:55:27]
Dr. Frank Schlüter 
Das starke Stück des Herrn Lanz
Der Sprecher des GKV-Spitzenverbands, Florian Lanz, sagte: "Das ist ein wirklich starkes Stück, wenn sich Ärzte nicht im vorgesehenen Umfang um kranke Menschen kümmern und dadurch Wartezeiten entstehen."
Nunja, Ärzte, die "sich nicht um kranke Menschen kümmern", na so was, da muss man sich ja regelrecht empören!
Ein wirklich Starkes Stück ist es, wenn ein Kassenfunktionär unwidersprochen so polarisierende und und unsachliche, ja auch verletztende Äußerungen tätigen darf. Aber der Mann erhält ja offenbar Geld für sein Tun. (Das macht es natürlich nicht besser). zum Beitrag »
[19.04.2012, 09:42:02]
Dr. Dejan Boskovic 
Das ist Folge der Budgetierung! Hebt die Budgetierung auf!
Wer kann es Kollegen verübeln, die Ihr Geschäftsmodell auf Privatpatienten ausrichten. Ich nicht, da Sie auch ein höheres Risiko in Kauf nehmen, indem Sie sich in teueren Gegenden der Innenstadt niederlassen.Diese Art von Zweiklassenmedizin ist Folge der Budgetierung und nicht Ursache.Als mein Vater in Frankfurt Gallus siene Praxis 1974 eröffnete brauchte er gar keine Privatpatienten.
Das Gesetz zur Einschränkung der Ausdehnung der Ärztlichen Tätigkeit von Frau Ulla Schmidt hat die Situation noch verschärft. Ärzte die mehr Patienten der GKV behandeln müssen belohnt werden und nicht bestraft. Wer weniger als der Fachgruppendurchschnitt behandelt sollte auch wesentlich weniger bekommen. Unser System funktioniert pervertiert. zum Beitrag »
[18.04.2012, 22:01:32]
Dr. Uwe Brinkmann 
Wer zu 3/4 Privatpatienten behandelt ist ganz sicher nicht scharf auf Kassenpatienten , oder er ist einfach Teilzeitkollege/in.
Welch eine merkwürdige Statistik. Ob die GKV-Spitznverbände nicht froh sein sollten, daß z.B. ältere Kollegen und fast halbzeitig (aber über 50%) tätige Ärztinnen noch an der Versorgung teilnehmen?
Und auch froh sein sollten, wie Dr. Schneider kommentiert , darüber , daß die Durchschnittsfallzahlen damit sinken, was durch die Fallzahlabstaffelung und Budgets die Allgemeinheit zu billiger Behandlung kommen läßt.
Als wenn Ärzte , die nur noch zu einem Viertel Kassenpatienten haben, überhaupt daran interessiert wären, für Chipkarte zu arbeiten.
Aber halt: So dumm sind die Herren von der GKV gar nicht!
Wenn sie nämlich den nur noch zu einem Viertel Kassenpatienten behandelnden Ärzten dieses untersagen, passiert folgendes:
Zunächst steigt der Fallzahldurchschnitt. Nur: die Kassen müssen dann Neu-Niederlasungen anstreben , um die Lücken wieder zu schließen, die dann auch noch Ärzte mit vollen Fallzahlen sind. Und damit schließt sich wieder der Kreis der Argumentation: Da die Mehr-Fälle vom konstanten Gesundheitsfonds beglichen werden müssen, kostet es die Kassen und die Bürger keinen Cent mehr - nur die noch mehr Ärzte kriegen wieder noch mehr Patienten zum noch niedrigeren Chipkartenpreis.
Und die GKV streicht höhere Verwaltungskosten für mehr Patientenfälle ein.
Nur findet mal die Ärzte, die sich noch in dieses System niederlassen wollen !

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[18.04.2012, 17:21:13]
Dr. Michael Schneider 
So ist es gewollt!
Sehr interessanter Beitrag. Bitte stellen Sie doch auch den Link zur Original-Antwort der Bundesregierung ins Netz. Als Chirurgen auf dem Land werkeln wir bei über 200% der Durchschnittspraxis mit entsprechender Abstaffelung am Honorar herum, während andere Kollegen in der Nähe nicht einmal 50% einer Durchschnittspraxis reinlassen. Für die Kassen ist das prima, denn wir behandeln viele Patienten ja praktisch kostenlos. Außerdem sorgen ja diese Kleinpraxen dafür, dass die durchschnittliche Fallzahl niedrig bleibt. Alles im Interesse der Kassen, damit die Honorare nicht steigen. Die Entrüstung des GKV-Spitzenverbandes kann man im Lichte dieser Erkenntnisse sicher besser einordnen. zum Beitrag »

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