Ärzte Zeitung, 20.04.2012

Der Standpunkt

Hobbypraxen unerwünscht

Die Diskussion um die Hobbypraxen zeigt auch: Der Versorgungsumfang ist ein Buch mit sieben Siegeln. Der Pauschalverdacht, alle Praxen, die weniger Scheine abrechnen, verstießen gegen die Zulassungsvoraussetzungen, ist fehl am Platze. Da muss man schon genauer hinsehen, meint Anno Fricke.

Hobbypraxen unerwünscht

Der Autor ist Korrespondent im Hauptstadtbüro der Ärzte Zeitung. Schreiben Sie ihm: anno.fricke@springer.com

Die Anfrage der Grünen-Politikerin Biggi Bender, ob und wie viele Ärzte ihren Beruf in einer "Hobbypraxis" ausüben, ist verdienstvoll. Aus der Antwort der Regierung und den von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung beigesteuerten Daten lässt sich klar herauslesen: Es muss Ärzte geben, die eine Kassenzulassung haben, ihre Praxen aber weniger als die geforderten 20 Wochenstunden für die GKV-Versicherten offen halten.

Die Antwort macht aber auch deutlich, dass der Versorgungsumfang ein Buch mit sieben Siegeln ist. Die für die Zulassungen zuständigen Kassenärztlichen Vereinigungen erheben dazu keine systematischen Informationen. Alle Beteiligten stochern im Nebel.

Der Pauschalverdacht, alle Praxen, die weniger als die durchschnittliche Fallzahl ihrer Bedarfsplanungsgruppe abrechnen, verstießen gegen die Zulassungsvoraussetzungen, ist fehl am Platze. Eine Praxis, die wenige Scheine abrechnet, behandelt vielleicht mit hohem Zeitaufwand schwerstkranke Patienten.

Schon die Therapieausrichtung einer Praxis kann dazu führen, dass weniger Fälle behandelt werden. Operierende Augenärzte sind dafür ein Beispiel. Regionale Besonderheiten können eine Rolle spielen. Die Knappschaftsärzte rechnen an den KVen vorbei direkt mit der Knappschaft ab. Diese Scheine fallen in der KBV-Statistik unter den Tisch.

Für diejenigen Ärzte, die tatsächlich ihren Versorgungsauftrag vernachlässigen und mit einer vollen Zulassung bewusst geringe Scheinzahlen produzieren, kommen die Einschläge näher. Die Bundesregierung will die Bedarfsplanung neu regeln.

Dafür lässt sie derzeit von der Selbstverwaltung eine neue Bedarfsplanungs-Richtlinie ausarbeiten. Die soll den Zulassungsausschüssen Instrumente an die Hand geben, den Versorgungsbeitrag auffälliger Vertragsärzte nach einheitlichen Kriterien rechtssicher zu bewerten.

Das ist im Interesse der überwiegend für die kassenärztliche Versorgung arbeitenden Ärzte. Denn das Verhalten der schwarzen Schafe in der Versorgung drückt auf die Fallzahlen und damit die Höhe der Honorare.

Lesen Sie dazu auch:
Hobbypraxen sorgen für Zwist

Topics
Schlagworte
Berufspolitik (17358)
Organisationen
KBV (6531)
Personen
Biggi Bender (56)
[23.04.2012, 20:46:55]
Dr. Armin Hofmann 
Musik oder Medizin? Die Wahl fällt schwer
Es ist unangebracht, eine ganze Seite einem Arzt/Musiker zu widmen, der weder das Eine noch das Andere richtig beherrscht, mit fast 60 Jahren mehr als 12 Jahre! für eine Facharztausbildung benötigt und von seinen musikalischen Künsten letztlich nicht leben kann. Würden sie sich diesem Arzt vertrauensvoll zuwenden? Zu guter Letzt wird auch noch eine Internetadresse angegeben, um sich für fragwürdige ? Klavierkurse anzumelden. Wenn die Ärztezeitung keine anderen Themen mehr findet als Werbung für gescheiterte Existenzen zu machen, dann werde ich wohl diese Zeitung künftig meiden müssen. zum Beitrag »
[21.04.2012, 18:10:18]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Vogel-Strauß-Politik?
Jetzt rächt sich das weitgehende Fehlen von Versorgungsforschung in Deutschland. Denn nur diese könnte erhellen, wie Quantität, Logistik, Prozess- und Ergebnisqualität in der ambulanten vertragsärztlichen Versorgung unserer GKV-versicherten Patientinnen und Patienten beschaffen sind.

Stattdessen tappen die regionalen, für Vertragsarzt-Zulassungen und den Sicherstellungsauftrag zuständigen Kassenärztlichen Vereinigungen gemeinsam mit der KBV im Dunkeln. Sie können nicht einmal das Ausmaß von hobbymäßigen, nebenberuflichen, durchschnittlich arbeitenden bzw. überdurchschnittlich tätigen Praxen beziffern. Man kann nicht einmal erahnen, wo medizinische Versorgungsmängel oder -überfluss, wo Pflegenotstand oder Ärztemangel sozial, inhaltlich und regional begründet bestehen. Prioritäre Gesundheits-, Versorgungs- und Pflegeziele können weder formuliert noch umgesetzt werden.

So können bei niedriger GKV-Fallzahl und hohem Privatpatientenanteil der zeitliche Aufwand und die medizinische Qualität für jeden einzelnen Kassenpatienten theoretisch hoch sein. Genauso könnten extrem viele GKV-Behandlungsfälle pro einzelnen Vertragsarzt ein Indiz für zu schnelle Abfertigung oder Ringüberweisungen sein. Oder große Behandlungszahlen entstehen in sozialen Brennpunkten, weniger attraktiven dichtbesiedelten Ballungszentren bzw. im ländlichen Raum, weil sich keine weiteren Vertragsärzte niederlassen wollen.

Generalverdacht und Diskriminierung von Ärzten hilft nicht weiter. Aber ein derart improvisiertes, empirisch ungeprüftes und labiles System ist für eine gesicherte ambulante ärztliche Versorgung von 69,9 Millionen GKV-Versicherten, das sind 85,4 Prozent der Gesamtbevölkerung in Deutschland, unprofessionell, indiskutabel und inadäquat. Eine staatlich reglementierte Bedarfsplanung wird kommen, da mögen manche Beteiligte ihren Kopf noch so tief in den Sand stecken.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
 zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Welche Stoffe in Energy-Drinks wirken auf Herz und Kreislauf?

Energy-Drinks haben eine durchschlagende Wirkung: Es kommt zu signifikanten Verlängerungen des QTc-Intervalls, und der systolische Blutdruck ist erhöht. Möglicherweise ist dafür nicht nur das Koffein verantwortlich. mehr »

"GOÄ-Novelle bis Ende 2017 ist sportliches Ziel"

Wann kommt die neue GOÄ? Im Interview mit der "Ärzte Zeitung" verrät GOÄ-Verhandlungsführer Dr. Reinhard genaueres. mehr »

"Harte Hand" schadet dem Schulerfolg

Den Lebenswandel eines Kindes kann ein sehr strenges Elternhaus negativ beeinflussen, belegt eine Studie. mehr »