Ärzte Zeitung, 14.05.2012

Kommentar zur ÄApprO

Allgemeinmedizin an die Unis!

Von Rebecca Beerheide

Die einen schäumen, die anderen feiern: Die Reaktionen auf den Beschluss des Bundesrates gegen ein Pflichtquartal Allgemeinmedizin im Praktischen Jahr könnten nicht unterschiedlicher sein.

Doch auch wenn bei den Pflichtquartal-Gegnern noch die Sektkorken knallen und der Groll bei den Befürwortern noch nicht verflogen ist - nun ist es wichtig, dass alle Beteiligten schnell zur Sacharbeit zurückkehren.

Zwar haben die Bundesländer dem Pflichtquartal tatsächlich eine Absage erteilt - jedoch nur für den Moment: Die Länder wollen künftig ein genaues Auge darauf haben, was in der Ausbildung an den Medizinfakultäten passiert.

Bisher gibt es an 19 von 36 Fakultäten einen Lehrstuhl für Allgemeinmedizin - die Zeit ist längst reif, an allen Unis Lehrstühle für das Fach einzurichten. Das kostet Geld, das die Länder lockermachen müssen. Mehr Allgemeinmediziner finden sich nur, wenn das Fach in der Lehre verankert ist.

Auch die Standesvertreter sollten die Zeichen der Zeit erkennen: Die Weiterbildung für Allgemeinmediziner muss dringend strukturell verbessert werden. Vorbilder, Modelle und Ideen dafür gibt es genug.

Nur wer für seine Disziplin begeistern kann, wird in Zukunft noch junge Mediziner finden, die allen Widrigkeiten zum Trotz gerne Hausarzt werden wollen.

Lesen Sie dazu auch den Bericht:
Allgemeinmedizin-Pflicht im PJ ist vom Tisch

[14.05.2012, 18:25:47]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Humane Medizin mit zwei Gesichtern
Zugegeben, ein vom Bundesgesetz erzwungenes Pflichtquartal Allgemeinmedizin im Praktischen Jahr hätte etwas von einer "Kinderlandverschickung" gehabt. Aber der zu Grunde liegende diametrale Gegensatz zwischen universitärer bzw. klinischer Hochleistungs- und Intensivmedizin und der "Feld-, Wald- und Wiesenmedizin" hausärztlicher Provenienz führt unbearbeitet und unbehandelt zu immer mehr Verständnislosigkeit, Ignoranz, Arroganz und Konfliktpotential. Die Widersprüche zwischen Herz-Lungen-Transplantationen (HLTX), interventioneller Kardiologie, Onkologie, Nephrologie, Neurochirurgie usw. und eines mit Umcka loabo vorbehandelten Fließschnupfens mit Bronchialkatarrh und Lymphadenitis colli in der allgemeinmedizinischen Praxis eines sozialen Brennpunktes oder einer Landgemeinde könnten größer nicht sein.

Die Missachtung der hausärztlich-internistischen Allgemeinmedizin, die 80 bis 85 Prozent aller Beratungsanlässe lösen und zugleich Lotsenfunktion bzw. Nadelöhr für ambulante/klinische fach- und spezialärztliche Weiterbehandlung darstellen kann, wäre eine Vergeudung ressourcenschonender, ökologisch wie ökonomisch vernünftig umgesetzter Stufendiagnostik und -therapie. Denn in der biografischen Lebenswirklichkeit unserer Patientinnen und Patienten bzw. im ärztlichen Behandlungsalltag zwischen lapidaren Befindlichkeitsstörung und hochdramatischen Krankheiten sind die spezialärztlichen Behandlungen und klinischen Hospitalisationen grundsätzlich Ausnahmesituationen. Die lebenslange, generationenübergreifende, bio-psycho-soziale Begleitung ist das dauerhaft-klassische Metier der hausärztlichen Profession.

Und nur deshalb von mir als Hausarzt mit Leib, Seele, Ecken und Kanten die Forderung, die Allgemeinmedizin in a l l e n Universitäten curricular und mit eigenen Fakultäten professionell zu verankern, damit es wieder Verständigung, Kommunikation, Austausch, Kritik und Selbstkritik zwischen der Humanmedizin in der Fläche u n d in der Spitze geben kann. Dann werden wir uns vor Bewerbern für ein Quartal im Fachbereich Allgemeinmedizin im Praktischen Jahr nicht mehr retten können.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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