Ärzte Zeitung, 24.05.2012

Ärzte, vernetzt Euch!

Vom Deutschen Ärztetag soll ein Aufruf ausgehen für mehr vernetztes Arbeiten von Ärzten. Doch die Botschaft stieß nicht auf einhellige Begeisterung. Denn Kooperationen bergen auch das Risiko neuer Abhängigkeiten für Ärzte, warnten Delegierte.

Von Florian Staeck

Ärzte, vernetzt Euch!

Ein Meer in Gelb: Ärztetagsdelegierte bei der Abstimmung am Dienstag. Nicht immer waren die Voten einmütig.

© Wawarta

NÜRNBERG. Der Deutsche Ärztetag sieht in Kooperation und Vernetzung "das entscheidende Optimierungspotenzial für die ärztliche Versorgung der Zukunft".

Zwar werde die Einzelpraxis kein Auslaufmodell sein, doch das Spektrum möglicher Kooperations- und Berufsausübungsformen werde "deutlich breiter und vielfältiger werden", heißt es in einem Entschließungsantrag, den der Ärztetag am Dienstagnachmittag mit breiter Mehrheit verabschiedet hat.

Mehr Kooperation trage außerdem dazu bei, die Wettbewerbsfähigkeit der niedergelassenen Ärzte zu sichern. Der Ärztetag hat daher Kassenärztliche Vereinigungen, Ärztekammer und Berufsverbände aufgefordert, Ärzte zu beraten und bei Managementaufgaben zu unterstützen.

Gerade die junge Ärztegeneration sei kooperativ, bilde Netze und wünsche zudem eine sektorenübergreifende Patientenversorgung, heißt es im Antrag.

Daher sollten junge Ärzte "aktiv neue Wege ärztlicher Kooperationen mitgestalten", appelliert der Ärztetag an den Nachwuchs.

Doch der Ruf nach Vernetzung und Kooperation war aber nicht einhellig. Die Delegierten forderten in einem Antrag die Bundesärztekammer auf, die Etablierung neuer Kooperationsformen kritisch zu begleiten.

Ärzteverbünde stellten keinen Selbstzweck dar, entscheidend sei vielmehr, ob die Patientenversorgung verbessert werde, hieß es.

John: Netzlastige Diskussion

Mehrere Redner zogen in Zweifel, dass Vernetzung ein Allheilmittel ist, um die Versorgung zukunftsfest zu machen. Die Abhängigkeit von Krankenkassen ist nach Ansicht von Dr. Wolfgang Krombholz, Chef der KV Bayerns, das Grundproblem von Netzen.

Zudem ließen sich Ärztenetze in der Stadt vergleichsweise leicht etablieren - dort aber sei die Sicherstellung, anders als auf dem Land, nicht gefährdet.

Ähnlich kritisch zeigte sich Dr. Burkhard John, KV-Chef in Sachsen-Anhalt. Ihm war die Diskussion zu "netzlastig".

Er verwies dazu auf Filialpraxen, die die KV auf dem platten Land gegründet hat. John äußerte die Hoffnung, dass sich die Körperschaften stärker als bisher als "Managementzentralen" etablieren.

Ganz anders die Position von Berlins Kammerchef Dr. Günther Jonitz: "Netze machen uns stark", rief er in den Saal.

Schlössen sich Ärzte zusammen, könnten sie sich auch als Zuweiser gegen marktstarke Kliniken durchsetzen. Zudem böten Netze Ärzte die Freiheit, selbst die Prioritäten in der Versorgung zu bestimmen.

Salomonisch war angesichts der ambivalenten Stimmung der Delegierten das Fazit von Bayerns Kammer-Chef Dr. Max Kaplan: Ein Modell der Vernetzung allein werde sich mit Sicherheit nicht durchsetzen. Mehr Kooperation sei ein Königsweg, der Ärzten viele Optionen bietet.

Ärztenetze - die "humane Alternative"

Eine nachweisbar höhere Versorgungsqualität, die regional an den Bedarf angepasst ist: Das ist das Ziel des Gesundheitsnetzes "Qualität und Effizienz - QuE", das Netzvorstand Dr. Veit Wambach den Delegierten präsentiert hat. Im Netz sind 67 Praxen mit 112 Ärzten aus dem Norden Nürnbergs organisiert.

QuE hat Verträge unter anderem mit der AOK und der TK geschlossen. Neu ist das Projekt CardioNet Noris für Patienten mit Herzinsuffizienz. Ziel ist es, in Kooperation mit dem Klinikum Nürnberg die Zahl der Klinikeinweisungen zu reduzieren. Dazu soll ein digitales Ärzteportal installiert werden, um die Vernetzung der behandelnden Ärzte zu verbessern.

Der Hausarzt machte sich für Praxisnetze stark, die Initiator und Träger regional integrierter Versorgung sind. In diesen Netzen sieht Wambach zudem eine "humane Alternative" zu Versorgungsangeboten renditeorientierter Unternehmen. Wambach setzte sich dafür ein, nicht nur im Selektiv-, sondern auch im Kollektivvertrag Strukturen zu schaffen, die Kooperationen ermöglichen.

Belegarztsystem: ideale Vernetzung ambulant - stationär

Unter allen kooperativen Versorgungsformen ist das Belegarztsystem das älteste. Zwei Belegärzte - ein Neueinsteiger und ein Senior - berichteten vor dem Ärztetag über Perspektiven.

Dr. Kilian Rödder, der Junior: Nach Abschluss seiner Facharztweiterbildung in der Urologie 2008 stand er vor der Qual der Wahl: eine Uni-Karriere? - Unsicher, zeitraubend. Leitender Oberarzt an einer Klinik?- Ebenfalls keine sichere Perspektive. Wechsel ins Management? - Gutes Einkommen, Gestaltungsmöglichkeit, aber Abschied von der ärztlichen Tätigkeit. Niederlassung als Vertragsarzt? - Er wäre Einzelkämpfer mit beschränktem Tätigkeitsspektrum.

Die Lösung: Einstieg in eine urologische Belegarzt-Praxis in Salzhausen im Süden von Hamburg. Vorteile: wirtschaftliche Sicherheit, vorhandener Patientenstamm in einer etablierten Praxis, Unterstützung durch die Senioren; breites medizinisches Leistungsspektrum ambulant und stationär. Kilian: "Es ist eine breite Tätigkeit in Klinik und Praxis, integrierte Versorgung, Teamarbeit mit Feedback.

Dr. Andreas Schneider, der Senior: Charakterisiert ist die mit drei Urologen besetzte Praxis von Kooperationen mit anderen Krankenhäusern im Belegarzt- oder Konsiliararztsystem. Es existieren Netzwerke mit den in der Region tätigen Vertragsärzten, ferner systematische Zusammenarbeit mit dem Tumorboard am UKE Hamburg und dem Prostata-Ca-Zentrum Lüneburg. Vorteil für Patienten: durchgängige Betreuung ambulant/stationär; kein Arztwechsel, keine Doppeluntersuchungen. Nachteil: Der EBM ist veraltet. (HL)

Lesen Sie dazu auch den Standpunkt:
Kooperation nicht um jeden Preis

[26.05.2012, 10:52:56]
Frank Stratmann 
Gefangen in der Isolation ist niemand
Im Jargon der Berufsstände ist Kooperation erst einmal ein juristischer Begriff und damit ein Konstrukt. Damit wird aus Kooperation ein riesiger Berg und der Arzt zum Ochsen, weil er dort rauf soll.

Ich möchte Ärzten ein neues Wort vorstellen, dass sich um die Aufnahme in den Wortschatz bewirbt, ja sich quasi aufdrängt, nähme ich die Forderungen des 115. Deutschen Ärztetages beim Wort. Coopetition. Zusammenarbeit bei gleichzeitigem Wettbewerb ist ein neuer Anspruch.

Mehr dazu http://p2n.me/JTWxNW zum Beitrag »
[25.05.2012, 00:02:32]
Dr. Jürgen Schmidt 
Wer zu spät kommt ...
Als der BÄK-Vorstand Ende der 90er Jahre aufgefordert wurde, die Vernetzung der niedergelassenen Ärzte und die Verzahnung mit den Kliniken ( nicht mit der Krankenhausgesellschaft, sondern mit den Klinikern) zu fördern, dafür die berufsrechtlichen Voraussetzungen zu schaffen und eine Strukturkommission zu gründen, gab es eine Alle gegen Einen Niederlage. Zwar geschah dies vor dem Hintergrund des an der KBV-VV gerade gescheiterten Vertrages zwischen KBV und Marburger Bund, Weitsicht war aber wohl weniger im Spiel.

Inzwischen sind die Verhältnisse weitaus komplizierter, vor allem ist ein neuer "Player" im Spiele die kommerziell orientierten Klinikkonzerne. Bald werden deren Vertreter auch die Parlamente der Selbstverwaltung besetzen.

Mit proklamatorischen (oder nur deklamatorischen?) Appellen ist es auch auf deutschen Ärztetagen nicht mehr getan. Oder haben diese ohnehin nur Alibifunktion ? zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Gefahr im Vekehr oder alles im grünen Bereich?

Patienten, die Cannabispräparate in Dauermedikation haben, dürfen am Straßenverkehr teilnehmen. Eine wissenschaftliche Debatte über ein erhöhtes Verkehrssicherheitsrisiko wurde noch nicht geführt. mehr »

Frau hat keinen Anspruch auf Schmerzensgeld

Hat eine Frau Anspruch auf Schmerzensgeld, wenn ein Arztfehler zu Impotenz des Mannes führt? Das OLG Hamm verneint – und gibt eine Begründung. mehr »

Tausende Pfleger ergreifen die Flucht

Großbritannien gehen die Pflegekräfte aus: Zu groß ist die Unzufriedenheit mit dem System. Sie zeigt sich zunehmend auch bei Patienten. mehr »