Ärzte Zeitung, 05.06.2012

Der Standpunkt zum Ärztemonitor

Kein Beruf für Hedonisten

Hohe Zufriedenheit und Anerkennung - Ärzte gehören zur Elite. Doch das hat seinen Preis: der Job ist kräftezehrend. Der Ruf nach weniger Bürokratie wird daran nichts ändern, meint Helmut Laschet. Höchste Zeit also, dass die Standesvertreter dem Nachwuchs reinen Wein einschenken.

Kein Beruf für Hedonisten

Der Autor ist stellv. Chefredakteur und Ressortleiter Gesundheitspolitik bei der Ärzte Zeitung. Schreiben Sie ihm: helmut.laschet@ springer.com

Neun von zehn Ärzten sind mit ihrer Arbeit zufrieden, 98 Prozent halten ihre Arbeit für nützlich und sinnvoll - das sind Traumwerte, mit denen Ärzte den Kern ihrer Arbeit beurteilen. Ärzte dürfen sich insofern auch als Elite in der Gesellschaft sehen.

Doch das hat einen Preis: eine hohe Beanspruchung und die ständige Sorge, nicht für jeden Patienten ausreichend Zeit mitzubringen. Die Arbeit ist kräftezehrend, und sie birgt Konflikte für das Familienleben.

Nein, der Arztberuf ist nichts für Hedonisten! Wer die Probleme von Patienten ernst nimmt, wird nicht mit der Mentalität eines Finanzbeamten arbeiten können.

Deshalb muss vor der Illusion gewarnt werden, etwas weniger Bürokratie und etwas mehr Kooperation in innovativen Versorgungsformen könnten an den Grundanforderungen des Arztberufs Wesentliches ändern.

Funktionäre sollten deshalb den Weichzeichner beiseite legen und dem Nachwuchs reinen Wein einschenken: Ärzte in der Patientenversorgung brauchen eine Berufung, und sie werden sich durchweg überdurchschnittlich engagieren. Und das wird nie konfliktfrei möglich sein.

Dabei hat sich eines grundlegend geändert, wie ein Vergleich des Ärztemonitors 2012 mit einer Umfrage unter den Delegierten des 100. Ärztetages 1997 zeigt: Das sind die Perspektiven des ärztlichen Nachwuchses in der Patientenversorgung.

Junge Ärzte werden heute hofiert, vor 15 Jahren galten sie als lästige, ja sogar gefährliche Konkurrenz, ein Risiko für die Kollegialität. Abgespeist wurden sie mit einem AiP-Gehalt von weniger als 1000 Euro, in der Weiterbildung oft zu Gastarzt-Tätigkeiten zum Nulltarif erpresst. Auch von "Kollegen".

Der Realitätssinn gebietet es anzuerkennen, dass die Arbeit von Ärzten - trotz mancher Kritik - in einer alternden Gesellschaft von Politik und veröffentlichter Meinung mehr wertgeschätzt wird denn je.

Daraus sollte auch das Selbstvertrauen erwachsen, Herausforderungen anzupacken. Denn eigentlich gibt es kein besseres Kompliment für Ärzte als die Tatsache, dass sie gebraucht werden.

Lesen Sie dazu auch den Bericht:
Hausärzte buckeln am meisten

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Berufspolitik (17546)
Personen
Helmut Laschet (1317)
[06.06.2012, 10:46:50]
Denis Nößler 
Richtig
Per E-Mail erreichte uns folgender Leserbrief:


Sehr geehrter Herr Laschet,

"Doch das hat einen Preis: eine hohe Beanspruchung und die ständige Sorge, nicht für jeden Patienten ausreichend Zeit mitzubringen. Die Arbeit ist kräftezehrend, und sie birgt Konflikte für das Familienleben."

Richtig.
Wir müssen mehr darüber sprechen, was denn wirklich diesen Beruf ausmacht, um wieder zu einem klaren Berufsbild und zu einer deutlichen Beschreibung unseres Alltags zu kommen. Kooperation sowohl fach- als auch sektorenübergreifend ist in Zukunft angesagt. Eine gute Koordinierung der notwendigen Leistungen wird uns enorm entlasten. Statt kleinlicher Streitereien über die Vorteile einer immer größeren Spezialisierung, muss fest gehalten werden, dass wir in Zukunft nicht 10 Spezialisten am Krankenbett eines multimorbiden Patienten benötigen, sondern einige wenige Bezugspersonen, die sich auf den Patienten konzentrieren und nicht zuerst auf die Leitlnie xy des zuständigen Kompetenzzentrums.
Persönlich bin ich davon überzeugt, dass auch die Diskussion um das Honorar für die nachfolgende Generation - selbstverständlich eine ausreichende "Entlohnung" voraus gesetzt- eine geringere Rolle spielt als die Konkretisierung eines Berufsbildes mit allen seinen attraktiven Facetten.
Bei der aktuell rein wirtschaftlichen Focussierung wird dieser Aspekt heute völlig vergessen.

Mit freundlichen Grüßen.
E. Starke
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