Ärzte Zeitung, 26.06.2012

Deutschlands erster Hausärztebus steht in den Startlöchern

In Niedersachsen könnte es bald rollende Ärzte geben: Ein Pilotprojekt sieht vor, dass Hausärzte in einem speziell ausgestatteten Bus durch unterversorgte Gebiete fahren, um Patienten medizinisch zu versorgen. Das wäre in Deutschland einmalig.

Von Christian Beneker

Im Hausärztebus durch Wolfenbüttels Straßen

Die Initiatoren der "Rollenden Arztpraxis" vor einem Modellfahrzeug (v.l.): Jörg Reyttarowski (AOK), Julius von Ingelheim (Wolfsburg AG, Projekt Region Braunschweig GmbH), Stefan Hofmann (KVN) und Jörg Röhmann (Wolfenbüttels Landrat).

© Köster, KVN

WOLFENBÜTTEL. Bald soll Deutschlands erster Hausärztebus durch unterversorgte Gebiete Niedersachsens fahren.

Die KV Niedersachsen, VW, T-Systems, die AOK Niedersachsen und der Landkreis Wolfenbüttel arbeiten bei dem Projekt zusammen. Allerdings ist das auf drei Jahre angelegte Pilotprojekt noch im Werden, einige Hürden sind noch zu nehmen.

Die Idee: Ein VW-Transporter soll als Arztpraxis mit der Grundausstattung von EKG, Defibrillator und Sono-Gerät plus einschlägiger IT-Ausrüstung zur Übertragung von Daten durch den Landkreis fahren und quasi Hausbesuche machen, auch auf Anforderung der Kollegen aus den Praxen.

Und das während der normalen Praxiszeiten und auch außerhalb der Notdienstzeiten. Möglicherweise könnte er auch in den sieben Dörfern im Kreis, die inzwischen ohne Hausarzt sind, für einen gewissen Zeitraum Station machen.

Kein Wildern in fremden Gärten

Die rollenden Ärzte sollen vor allem alte Patienten versorgen, die kaum mehr den Weg ins nächste Mittelzentrum finden, um zu ihrem Hausarzt zu gehen.

"Wir könnten mit einem Stamm von ein oder zwei Ärzten arbeiten", erklärt Stefan Hofmann, Geschäftsführer der KVN-Bezirksstelle Braunschweig. "Mehr sollten es nicht sein, denn sonst kommt es zu keinem Vertrauensverhältnis zwischen Ärzten und Patienten."

Die Einsatzzeiten sind wohl gewählt. Denn natürlich will kein Kollege Patienten an die rollenden Ärzte verlieren. "Und es soll keine neue Nachfrage geschaffen werden", sagt Hofmann.

Der Bus soll wirklich nur von denen genutzt werden, die ihn auch brauchen. "Wir haben die Ärzte auf einer ersten Infoveranstaltung überzeugen können, dass wir nicht in fremden Gärten räubern", erläutert Hofmann.

Die ersten Interessenten für die "Arztbesatzung" haben sich schon gemeldet, berichtet Hofmann.

Rechtliche Grenzen

Allerdings müsse die Ärztekammer Niedersachsen (ÄKN) zu den mobilen Ärzten ihr Okay geben. Denn rechtens ist die Konstruktion zunächst nicht.

"Laut Paragraf 17, Absatz 4 ist die ärztliche Tätigkeit im Umherziehen berufswidrig", erklärt Carsten Scholz, Justiziar der ÄKN. Zwar dürfen EU-Ärzte in Deutschland im Rahmen der Dienstleistungsfreiheit mobil praktizieren.

Deutsche Kollegen dürfen es hierzulande nicht. Die Ärzte der rollenden Praxis im Kreis Wolfenbüttel müssten also laut Paragraf 32, Absatz 3 dieses Recht beim ÄK-Vorstand beantragen.

Welche Vertragsform die Initiatoren wählen werden, ob Strukturvertrag nach Paragraf 73 a SGB V oder einen IV-Vertrag, ist ebenfalls offen.

Vorbild könnte Lingen in Niedersachsens Nordwesten sein, wo ein Ärztenetz über einen Strukturvertrag einen eigenen Heimarzt angestellt hat. Dort hat das Netz - und keine Praxis - den Kollegen angestellt, weil die zusätzlichen Verordnungen sonst schnell das Budget sprengen würden.

"Vielleicht könnten wir im Kreis Wolfenbüttel für die rollende Praxis eine kleine Genossenschaft gründen", meint Hofmann, "oder der Bus könnte doch als fahrende Zweigpraxis unterwegs sein".

"Zukunfts-Experiment"

Eine weitere Hürde ist die noch unsichere Internetverbindung zwischen Arztmobil und den einzelnen Praxen und Kliniken sowie die Koordination der verschiedenen EDV-Systeme.

Wie etwa die Patientendaten von unterwegs sicher abgefragt und gesendet werden können, untersucht Professor Reinhold Haux vom Institut für medizinische Informatik der Technischen Uni Braunschweig.

Es muss sich noch zeigen, ob das Projekt von den Patienten und den Ärzten angenommen wird. "Der Arztbus ist ein Zukunfts-Experiment" betont Hofmann.

Der Landkreis hat derzeit einen Versorgungsgrad von 90,5 Prozent. "Wenn aber noch mehr Hausärzte fehlen werden, brauchen wir ein Konzept", so Hofmann. "In einzelnen Dörfern sieht es schon schlecht aus."

Die Finanzierung des Projektes scheint das geringere Problem zu sein. So stellt VW das Fahrzeug, die AOK und die KV bezahlen die Ausrüstung, die IT wird von T-Sytems bezahlt, die laufenden Kosten trägt der Landkreis, und die Evaluation bezahlt das Land.

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