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Ärzte Zeitung, 24.09.2012

Psychosen

Psychotherapeuten oft überfordert

Die Leitlinien sind klar: Bei Patienten mit schweren Psychosen ist die Psychotherapie ein Muss. Die Versorgungspraxis sieht anders aus - es hakt an mehreren Stellen.

DÜSSELDORF (iss). Bei der psychotherapeutischen Versorgung von Menschen mit schweren oder chronischen psychiatrischen Erkrankungen klafft eine große Lücke zwischen Theorie und Praxis.

"Es gibt einen erheblichen Wissenszuwachs zu Erkrankungen und Behandlungsmöglichkeiten, der aber in der Versorgungspraxis nicht ankommt", sagte Achim Dochat, Leitender Psychologe bei der Bergischen Diakonie in Wuppertal, bei einer Veranstaltung anlässlich des zehnjährigen Bestehens der Psychotherapeutenkammer Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf.

"Nur etwa fünf Prozent der Patienten mit schweren und chronischen Psychoseerkrankungen erhalten psychotherapeutische Behandlung", sagte er.

Das sei eine überraschend geringe Zahl, die sich in den vergangenen Jahren nicht wesentlich verändert habe. "Dieser Befund muss uns wachrütteln", betonte er.

Zum einen stehe er in Gegensatz zum Stand der Wissenschaft und zu fachlichen Empfehlungen. Zum anderen gebe er dem alten Vorwurf Nahrung, dass sich die Psychotherapeuten nicht um die Patienten mit schwierigen Erkrankungen kümmern.

Die leitliniengerechte Behandlung schließe die Psychotherapie mit ein, sagte Dochat. "Die Leitlinien zur Schizophreniebehandlung empfehlen Psychotherapie in allen Stadien der Behandlung."

Schwierige, unzuverlässige Klientel

Der Psychologe nannte mehrere Gründe für die geringe Rolle der Psychotherapie in der Psychosenbehandlung, darunter die geringen Kapazitäten und der nach wie vor bestehende Vorbehalt, dass die Therapieform kontraindiziert sei.

"Die Psychotherapie-Richtlinien behandeln Psychosen eher als Randgebiet mit spezifisch zu begründender Indikation", sagte er.

Hinzu kommt: "Nicht alle Psychotherapeuten sind bereit und kompetent zur Psychosenbehandlung." Sie scheuten die erschwerte Antragstellung und die eventuell schwierige und langwierige, terminlich eher unzuverlässige Klientel.

Zudem schafften es viele Patienten nicht, die Hürden auf dem Weg zu einer Psychotherapie zu überwinden.

Ein weiterer Faktor sei, dass schwer und chronisch psychisch Kranke vor allem durch Angebote der Gemeindepsychiatrie Unterstützung erhielten. "Die sehen in der Regel keine Psychotherapie vor."

Zur Verbesserung der Situation fordert Dochat den Ausbau der Behandlungskapazitäten in der Psychotherapie, ein größeres Engagement und eine bessere Qualifizierung der Psychotherapeuten sowie eine Erweiterung der Psychotherapie-Richtlinien.

Außerdem hält er es für notwendig, die Psychotherapie als integralen Bestandteil in den ambulanten gemeindepsychiatrischen Versorgungsnetzen zu verankern.

[26.09.2012, 00:56:12]
Dipl.-Psych. Wolfgang Ebers 
Klinik,Psychiater,Psychotherapeut, Wohnheim - oft ein NO GO !
Die ambulante Psychotherapie der an Psychosen erkrankten Menschen liegt schon lange im Argen. Dies liegt m.E. zum einen daran, daß bereits in Kliniken eine psychotherapeutische Betreuung (idealerweise schon die ambulante)
> oft selten bis nie initiiert wird
>sich schon die Entlassung zu einem niedergelassen Psychiater o. Nervenarzt als Problem für den Patienten gestaltet und meist wg. der Med.-Veränderung bzw. fehlender Absprache der behandelnden Ärzte usw. die Basis für,auch mit krankheitsbedingte, fehlende Compliance gelegt wird.
> häufige und zuverlässige Patientenkontakte eben eher selten sind
und damit die Unsicherheit des Therapeuten über die ablaufende Dynamik extrem erhöhen
>Psychotherapeuten nicht faul sind, nur weil sie nicht alle an Psychose erkrankten Patienten übernehmen können.
>Die patientengerechte Kommunikation zwischen Psychotherapeuten und Psychiater schwierig ist
> Keine Eingriffsmöglichkeiten (Überweisung/Einweisung in die Klinik) des Psychologischen Psychotherapeuten bei vermuteter Selbst-/Fremdgefahr nicht da sind, selbst wenn jahrelange psychiatrische Erfahrung vorliegt, zumal die Zuverlässigkeit hinsichtlich "Verträgen" und "Versprechen" (ja ich gehe zum Psychiater) bei Prodromi schwierig bis nicht einzuschätzen ist.
>ambulante Psychiatertermine akut noch schwieriger zu kriegen sind als Psychotherapietermine
>MVZ-Ärzte hinsichtlich der problematischen Kommunikation dieser Krankheitsbilder noch weniger Zeit haben als die Einzelpraxis
vor allem dann, wenn der Patient als "austherapiert" gilt.
>es ärztlichen wie psychologischen Psychotherapeuten nicht selten an ausreichender Psychiatrieerfahrung mangelt und
>bei Fragestellungen zur Entlassung aus der Klinik hinsichtlich Prognose nicht hinzugezogen werden
>Multimorbidität (Drogen,Nikotin,Med. etc.) ein zusätzliches Problem ist.
>Psychologische, aber auch ärztliche Psychotherapeuten von der psychiatrischen Weiterbildung und Entwicklung (neue Behandlgs.-methoden/Medikationen/Interaktionen von Med. etc. (durch die Pharmafirmen) ausgeschlossen sind und deshalb vor allem
>psychologische wie ärztliche Psychotherapeuten nicht einsehen, daß sie bei derartigen Umfeldproblemen und sowieso extrem schlechter Honorierung (wobei die schwere der Erkankung noch nicht berücksichtigt ist) Risiken allein übernehmen sollen.
>Vor allem für die Nachsorge: Häuser für betreutes Wohnen, teilstat. Langzeiteinrichtungen etc. rechnen sich wohl nicht und sind von den Kassen/Kreisen zu schlecht bezahlt um kompetentes Personal anzustellen.
Warum hinsichtlich dieser Patientengruppe mit schweren psychischen Erkrankungen wenig bis keine ambulanten Gruppen gibt ist nach obigen Ausführungen wohl obsolet.
Da überlässt die Gesellschaft diese Patienten, insb. die jugendlichen und jungen Erwachsenen, doch lieber den sozialpsychiatrischen Diensten, deren eh schon überlasteten Mitarbeiter die Gruppen dann an Sozialpädagogigstudenten weiterreichen, die dann nicht selten raten Neuroleptika abzusetzen.
Es finden sich gute Ansätze zur Behandlung von Psychosen bei: Luc Ciompi, Benedetti, Mentzos Stavros (um nur einige zu nennen) und entsprechender verhaltenstherapeutische Ansätze Brandstätter et. al. und insb. für medical compliance - wenn es auch ältere Autoren sind sind sie nicht unbedingt schlecht ...

Mit koll. Grüßen

Dipl.-Psych.
PP und KJP
W.Ebers
Stegaurach



 zum Beitrag »
[25.09.2012, 10:30:12]
Prof. Dr. Alfred Drees 
Psychosen Therapie
Eine pezielle Therapie für Psycosen finden sie in beiliegender Aebeit.
Ihr Alfred Drees


Das prismatische Zeitalter

Es wird Zeit, Theorien vorzustellen, mit denen sich unsere Welt humaner und toleranter entfalten läßt. Prismatische Gespräche öffnen eines dieser Möglichkeiten.

Prismatisch und intuitiv gewonnene deutungsfreie Phantasien ermöglichen Leidenszustände von Patienten sowie empathisch bedingte Überforderungen von Therapeuten, Pflegenden und Beratern zu verringern. Darüberhinaus öffnen prismatisch und intuitiv erweiternde Wahr-nehmungsprozesse unsere soziale, religiöse und kulturelle Vielfalt. Der Begriff Prisma entspricht dem Sonnenlicht, das die Vielfalt seiner Farben prismatisch entfaltet

Die Intuition läßt sich beschreiben als ein Produkt aus resonant und empathisch ange¬regten Gefühlen, Stimmungen und Imaginationen. Sie entspricht unserer kulturellen Vielfalt und gehört zur Grundbefind¬lichkeit des Menschen. Sie beinhaltet die Fähigkeit einen ganzheit-lichen Bezug zur Welt herzustellen. Hierbei werden Empfindungen, Befindlichkeiten und Stimmungen als Spiege¬lung einer Situation bzw. eines Gesprächspartners verstanden. Intui-tive Phantasien lassen sich als schöpferische Eigenleistung und gleichzeitig als resonant erlebte und aus¬gestaltete Erlebensdimension einer Situation bzw. eines Gesprächspartners verstehen. Die Formen intuitiver Phantasien sind dabei über¬wiegend bildhaft und narrativ. Sie können sich spiele¬risch entfalten, da sie befreit sind von Begründung und Ursachen zen-trierten Denkprozessen und Deutungen. Übertragungshypothesen der Psychoanalyse können hierbei zurücktreten. Verwandt erscheinen Buddhistische Vorstellungen von einem Gott-freiem Nirwana, sowie von dem „Nicht-Ich“ und dem „Wir-ich-Erleben“ ebenso wie spirituelle Entspannungsübungen.

Generell werden Intuitionen verstanden als Ahnungen über das Wesen des jeweils anderen. Völkerkund¬ler belegen, daß die ursprüngliche Kommunikation von intuitiv-ana¬logen Ge-sprächs¬formen getragen wurde. Im Vergleich hierzu werden in intuitiv orientierten Ge-sprächen körperlich-sinnliche Empfindungen mobilisiert und mit Hilfe intuitiver Einfühlung soziokulturelle Identitätsbereiche im Gesprächspartner wachgerufen.

Am Beginn der prismatisch-intuitiven Neuorientierung standen Therapieversuche mit psycho-tischen und psychosomatischen Patienten sowie vor allem Versuche, Gesprächsblockaden in der Sterbeszene aufzulösen. Die angstvollen Fragen und Haltungen sterbender Patienten und die damit verknüpfte Rat- und Sprachlosigkeit bei Angehörigen, Ärzten und Pflegenden erforderte erweiternde Kommunikationsformen. Ich erlebte erstaunt die phantasievollen Gespräche von Hospizhelfern, mit der sie depressive und Angstfixierungen aufzulösen vermochten.

Nachdem ich Patienten ihre Wahnvorstellungen als kreative Gestaltungsfähigkeit zu erklären suchte und damit ihre Leidenszustände als eine individualisierende Verarbeitungsform intuitiv wahrgenommener unbewusster Chaotik, konnten sie ihre psychotischen Symptome zurücklassen. Auf diesem Weg ließen sich schließlich auch neurotische und psycho-somatische Leidenzustände entlasten. Ich lernte, dass ein Zurücklassen von Bindungs- und Entscheidumgszwängen keine Beeinträchtigung von familiären, beruflichen, religiösen oder politischen Einstellungen beinhaltet. Ich gewann hier Einsichten in die Identitätsvielfalt sowie in die Erweiterung unserer Möglichkeitsräume. Ich wählte für den Facettenreichtum den Begriff der prismatischen Vielfalt. Er enthält sozialpsychologische Vorstellungen zur Identitätsvielfalt. Friedrich Schiller beschrieb 1759 in Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen „die poetische Prismatik als eine vielfältige Brechung der Unendlichkeit“.
In prismatisch-intuitiven Trainings- und Weiterbildungsgruppen sowie in prismatisch-intuiti-ver Supervisionen gewinnen tiefenpsychologische und systemische sowie Gestalt- und Fami-lientherapien erweiterte Behandlungskompetenzen. Ich konnte in zahlreichen Veröffentlich-ungen intuitive und prismatische Anwendungsbeispiele mit psychotischen, neurotischen, Gewalttraumatisierten und psychosomatischen Patienten vorstellen. Konflikte und Ge-sprächsblockaden in Familien, in der Aus- und Weiterbildung sowie in burn-out-Situationen ließen sich intuitiv verstehen und auflösen.

Freuds Vorstellungen beherrschten die Psychologie des 20-ten Jahrhunderts. Im Mittelpunkt der therapeutischen Praxis standen die Aufarbeitung unbewusster Triebe sowie Übertra-gungs-Phänomene. Inzwischen gibt es eine Vielzahl von Veröffentlichungen, in denen soziale Dimensionen in der Psychoanalyse aufleuchten.

Hirnphysiologische Forschungen belegen, dass unsere Wahrnehmungen und Entscheidungen von unbewussten Programmierungen getragen werden. P. Watzlawick hat in zahlreichen Bü-chern unsere Rationalität, mit philosophischen Einsichten aus der Antike, relativiert. Er hat zahlreiche Therapien mit Hinweisen auf die metaphorische Kompetenz der rechten Hirnhälfte beschrieben. Seine hypnotischen und Versenkungsstrategien konnte die Prismatik jedoch nicht übernehmen. Die intuitive Prismatik entfaltet sich in hellwachen und humorvollen Ge-sprächen.

Unser Blick reicht jedoch weiter zurück, bis in den Anfang der Menschheitsgeschichte, in der der Einzelne noch mit einem kollektiven Ich ausgerüstet war. Der daran anschließende reli-giöse und spirituelle Zusammenhalt wurde durch familiäre Bindungsfixierungen erweitert. Schließlich beherrschten individualisierende Ich-Vorstellungen das Erlebens- und Handlungs-gefüge im Abendland. Sie fanden ihren Ausdruck in einer Ich-zentrierten und Machtorien-tierten Finanzpolitik. Das Abendland eroberte mit dieser Einstellung die Weltherrschaft.

Prismatisch und intuitiv kann es gelingen, inhumane Ich-Vorstellungen zu überwinden und die farbige Vielfalt unserer Welt als einen erweiterten Möglichkeitsraum zu verstehen. Getra-gen von bindungsfreien Gefühlen sowie von kreativen und humanen Einstellungen erweitern wir damit unsere Toleranz und die Akzeptanz zu anderen Kulturen und Lebenseinstellungen. Sie führen zu einer Reduktion von Geiz und Maßlosigkeit. Die Sozialphilosophie lehrt uns, dass unser Ich aus einer Vielzahl von Identitäten besteht. Unsere Einsichten in soziale und kulturelle Bindungen mit ihren identitätsstiftenden Mythen enthalten entlastende Vergleiche.

Beziehungsgebundene Gefühle
bestimmen unsere haltgebenden Identitätsgefühle. Sie bilden die Basis von Vertrauen, Liebe und Aggressionen. Gleichzeitig sind sie jedoch Ursache von Leidenszuständen, Konflikten, Lernhemmungen, Gesprächsblockaden und Burn-out-Symptomen. Unsere Selbstvorstellun-gen werden von unbewussten soziokulturellen Einbindungen bestimmt. Wir können diese Einsicht jedoch nur schwer akzeptieren. Mit prismatischen Gesprächen gelingt es, diese Probleme zu verstehen und aufzulösen. Damit gewinnen wir humane Einstellungen mit mehr Toleranz, Akzeptanzbereitschaft und Humor und damit eine erweiterte Gesprächskompetenz. Auch die Ausdrucksvielfalt der modernen Kunst enthält diese Orientierung.

In prismatischen Psychotherapien erlebe ich nicht selten, dass Patientinnen über abwertende Äußerungen ihres Partners klagen. Hierbei schildern sie, wie sie ihre emotionale Gestimmt-heit erleben und sich abgewertet fühlen. Ihre emotionale Wahrnehmung findet Ausdruck in ihrem intuitiven Bauchgefühl mit dem sie eine rationale Verarbeitung abzuwehren suchen. Prismatisch-intuitive Therapien ermöglichen Entlastungen durch die Entfaltung einer ganz-heitlichen Wahrnehmungskompetenz.
Prismatische Selbstgespräche
ermöglichen Patienten ihre Belastungen aufzulösen, indem sie sich von quälenden Erinne-rungen und von der ständigen Suche nach dem warum ihrer Probleme, ihrer Schmerzzuständen sowie ihrer Angstgefühle befreien. Sie können dabei trainieren, mit ihrem gesunden Ich humor-voll auf ihr belastetes Ich zu schauen. Das gelingt, wenn sie für ihren quälenden Erlebens-bereich einen Namen suchen, dem sie die Vielfalt ihrer Belastungsstörungen zuschreiben und dem sie z.B. vermitteln: „Hallo Heini, bist du mal wieder da“. Diese Ich-Kompetenz ermöglicht es, den belastenden Ich-Bereich akzeptierend zu speichern.

Die Suche nach einem Namen, der die Vielfalt der weitgehend unbewussten Quellen der Lei-denszustände in sich vereint, ist am Beginn schwierig, da Patienten und Therapeuten in der Regel die Beschwerden als medizinisch erklärbar einordnen. In dem abzuwertendem Namen sind jedoch nicht nur die unbewussten Programmierungen familiärer Konflikte und die daraus resultierende Beziehungsprobleme enthalten sondern auch die ganze Vielfalt unbewusster völkischer, politischer und religiöser Prägungen.

Meine Erfahrungen in der Vermittlung dieser Trainingsmethode zeigten mir, dass ich die vielfältigen Möglichkeiten von unbewussten Prägungen mit den Patienten vorher besprechen sollte. Einige fühlen sich bereits entlastet, wenn sie diese Vielfalt mit mir diskutierten, wäh-rend andere sich anfangs schwer tun, die seit vielen Jahren sie beherrschenden Ich-Vor-stellungen, zurückzulassen. Bei diesen Patienten bedarf es eines häufigen Trainings, bis sie schrittweise die entlastende Integrationsfunktion erleben können. Das betrifft vor allem mehr-jährige Leidenszustände und psychotische Blockaden.

Prismatisch-intuitive Entlastungsgespräche
ermöglichen Patienten, ihre Gefühle und rationalen Selbstvorstellungen zu integrieren und damit ihre Ich-Kompetenz zu erweitern. Im Vergleich mit tiefenpsychologischen Vorstel-lungen, nach denen der Therapeut in der Übertragung einen Beziehungspartner spielt, sucht der Therapeut prismatisch und intuitiv seine Empfindungen und seine metaphorischen Phan-tasien deutungsfrei als Resonanz-Phänomene zu vermitteln. Prismatische Entlastungen konnte ich seit den 70er Jahren in Weiterbildungszentren für Ärzte, Pflegekräfte, Psychologen und Pädagogen sowie in psychotherapeutischen Tätigkeiten erproben. Hier entwickelte sich die Vorstellung, dass Krankheitssymptome und Konfliktspannungen nur einen Teil unseres Ichs besetzen. Der belastete Ichbereich kann zurückgelassen werden, wenn wir erproben, kranke Ich-Bereiche mit unseren gesunden Ich zu betrachten.

Die prismatische Gruppenarbeit
wurde zur erfolgreichsten Arbeitsmethode der Prismatik. Ich konnte bereits in den 70er Jah-ren, in zahlreichen Abteilungen der Medizinischen Hochschule Hannover, in Stationsge-sprächen und Supervisionen sowie in Ausbildungs- und Trainingsgruppen für Medizinstu-denten ihre entlastende Funktion und ihre psychotherapeutische Qualität vermit¬teln. In der Psychiatrie gelang es, die Prismatik auch in Patientengruppen anzuwenden. In Teamgesprä-chen gelang es die belastenden hierarchischen Strukturen einer Station und später einer Abteilung, zurückzulassen und damit das Arbeitsklima entscheident zu verbessern. Diese Anwendungsvielfalt konnte ich in zahlreichen europäischen Ländern weiter entfalten sowie auch in der USA, in Indien, China und Australien erproben. Ich nannte diese Gruppen für viele Jahre prismatische Balintgruppen. In der Nordrheinischen Akademie für ärztliche Fort- und Weiterbildung gelang es mir, in mehr als 20 Jahren, eine große Anzahl von Ärzten aller Fachrichtungen für prismatisch intuitive Patientengespräche zu motivieren.


Die Psychiatrie als Geburtstätte der Prismatik
Im Jahr 1970 wurde die Prismatik in die psychiatrische Klinik der Medizinischen Hochschu-le Hannover entwickelt. Es wurden Wege nach einer humanen Psychiatrie gesucht, um part-nerschaftliche Gespräche mit Patienten entfalten zu können. Das beinhaltete u. a. den Abbau von hierarchischen Strukturen und die Erprobung von psychosozialen Behandlungs- und Be-treuungsformen. Es wurde eine innovatorisch-partnerschaftliche Gesprächskultur entwickelt, die eine Erweiterung unserer Ich-Kompetenz ermöglichte.

Eine akute Psychose im Aufnahmegespräch kann zeigen, dass in Situationen, in denen ein Pati¬ent noch nicht in der Lage zu sein scheint, ein geordnetes Gespräch zu führen und seinen augen¬blicklichen Zustand zu schildern, der Therapeut, sinnlich-resonant und Phantasie orien-tiert, die Gesprächsblockaden aufzulösen vermag.

Ein 24jähriger Wohnheimpatient kommt in einem akut psychotischen Zu¬stand mit angst¬voll-auti¬stischer Abwehr zur Auf¬nahme. Der Therapeut kann im Erstkontakt den starren Blick des Patien¬ten nur schwer aushalten. Er versucht sich auf den Pati¬enten einzu¬stellen. Er fühlt sich unsicher, wie schwimmend oder schwe¬bend, ohne Halt und sagt ihm: “Es ist mir, als ob irgend etwas in mir, wie wild hin und her jagt. In ihm entsteht das Bild ei¬nes Scheibenwischers, der gegen die Re¬genma¬sse auf der Frontscheibe eines Autos ankämpft“ Er schildert dem Patienten seine Empfindungen und seine Phantasie und bringt die¬ses Bild in ein Halt gebendes Ge¬sprächsange¬bot. "Also, eigenartig, ich habe das Ge¬fühl, wir zwei sitzen gemeinsam in einem Auto. Es regnet in Strömen. Die Scheibenwischer ra¬sen wie wild über die Scheiben. Das Auto steht jedoch sicher. Wir sind an die Seite ge¬fahren, aber die aufblitzenden Lich¬ter des Gegenverkehrs wirken weiterhin beängsti¬gend."

Hier¬nach entkrampft sich der Blick und die Haltung des Patien¬ten und er fragt überrascht: „Woher wissen Sie, dass ich zu Haus eine Auto¬sammlung habe?“ Er beginnt dann stoc¬kend zu er¬zählen, dass er viele kleine Autos und Auto¬bilder im Wohnheim in seinem Zimmer habe. Eigentlich habe er jedoch Angst um sein Ka¬ninchen, das er im Garten halte. Er wolle doch gern im Zoo oder im Zirkus Tier¬wärter werden, am liebsten für Löwen. Daraufhin werden aktuelle Gewaltprobleme sowie sozialpsychiatrische Probleme in der Gemeinde besprochen. Die Stim-mung wird jetzt wär¬mend ver¬trau¬ens¬voll. Die stationäre Behandlung konnte nach zwei Wochen abgeschlossen werden. Ein weiteres Beispiel:

Eine 52 jährige Lehrerin, seit 4 Jahren wegen psychotischer Schübe pensioniert, ruft mich verzweifelt an. Das Chaos würde erneut in ihr toben. Es drohe sie zu zerreißen. Sie müsse unbedingt mit mir sprechen. Ich akzeptiere und sage ihr, obwohl es bereits spät abends ist, sie möge sofort kommen. Ich hatte die Patientin längere Zeit nicht gesehen und freute mich auf das Wiedersehen. Die Patientin berichtete, daß sie am Steißbein enorme Verspannungen fühle und daß hier ihre Lebenskräfte gebündelt sein müssten. Die Massage in diesem Bereich habe dann tatsächlich enorme Kräfte in ihr freigesetzt. Sie habe sich wie schwebend erlebt. Am Abend seien dann jedoch enorme Ängste in ihr wach geworden. Es sei so, als würden Schlangen durch ihren Körper kriechen. Und auch hier fühle sie Schlangen. Eine Schlange sei aus ihrem After herausgekommen und krieche auf ihrer Wirbelsäule nach oben.

Ich fühle mich bei dieser Schilderung erstaunlich entspannt, locker und neugierig wie beim Erzählen eines Märchens. Ich bitte die Patientin schließlich die Schlange genauer zu beschrei-ben. Sie schildert mir dann im Einzelnen, die sei schlank und grün. Sie beschreibt mir welch ein grün sowie die Form und die Konsistenz der Schuppen. Ich befrage sie nach der Größe des Kopfes und die Farbe der Augen. „Ja, und die schwarzen Augen, welch einen Ausdruck haben sie?“ Die Patientin antwortet erstaunt: „Eigenartig, die schauen mich hilflos und erstaunt an.“ Ich schildere daraufhin der Patientin welch eine Vorstellung sie in mir ausgelöst habe. Ich würde mich erstaunlicherweise damit beschäftigen, ob Schlangen furzen könnten, ja, wirklich, ob sie furzen können. Ich würde mich dabei fragen, wie Ausscheidungen von Schlangen aussehen, dick oder dünn, hell oder dunkel? Können Schlangen überhaupt furzen? Wir sehen uns beide erstaunt an. Sie lehnt sich in ihrem Sessel zurück und sagt nach einer längeren Pause: „Mein Gott, wenn man all die Mächtigen auf der Toilette sehen könnte und die Schlangen kriechend auf der Erde sich entleeren, dann verlören die ihre unheimlichen Kräfte.“
Ich wollte mit diesem Beispiel zeigen, wie eine psychotische Krise entschärft werden kann und wie sie, von chaotischen Ängsten befreit, Möglichkeiten eröffnet, blockierte Probleme anzusprechen. Detailliert sollten dabei Farben und Strukturen sowie den Hintergrund und die Stimmung des Bildes in Worten ausgemalt werden. Eigenartig, diese furzende Schlange sei wohl ihre Rettung gewesen. Sie kann dabei befreit auflachen. Sie möchte einige Probleme, die dadurch in ihr wach geworden seien besprechen. Wir suchen dann gemeinsam die verzwickte Wunsch-Angst-Beziehung zu ihrem ehemaligen Schuldirektor, vor Ausbruch ihrer Psychose, zu verstehen und damit verbunden, ihre Unfähigkeit Gefühle zu orten. Sie habe das damals alles nicht auf einen Nenner bringen können: ihre Wünsche nach Akzeptanz, die beschämende Ablehnung, ihr pädagogisches Engagement und ihre Außenseiterrolle.

Prismatische Gespräche mit neurotischen Patienten
Neurotische Patienten sind fixiert in ihren Identitätsbereichen. Die prismatische Therapie führt nach nur wenigen Behandlungsstunden zur Entlastung. Mit zwei Beispielen schildere ich die Funktion deutungsfreier Phantasien bei der Auflösung von bindungsfixierten Angstzuständen sowie von Selbstwertkrisen.

Eine 38 jährige Angstpatientin schildert detailliert, welch ein liebevoller und ständig hilfs-bereiter Mensch Ihr Vater sei. Er rufe sie jeden Tag an und käme sofort, wenn sie Hilfe brauche. Ich bestätige der Patientin, dass ich verstanden habe, was für einen liebevollen Vater sie habe. Gleichzeitig hätte ich mich jedoch, während ihres Berichts, völlig verspannt im Sessel gefühlt. Ich möchte ihr eine Phantasie schildern. Drei abgeschnittene Finger lägen auf einem Küchen-tisch. Man sähe jedoch kein Blut. Danach beschreibe ich detailliert eine dampfende Kaffeetasse auf dem Tisch und die bäuerliche Kücheneinrichtung und den mächtigen Holztisch. Durch die kleinen Fenster fiele helles Sonnenlicht.
Die Patientin unterbricht mich lachend mit folgender Bemerkung: Die abgeschnittenen Finger hätten sie sofort an ihren Vater erinnert, der von ihrer frühen Kindheit bis zu ihrem 11. oder 12. Lebensjahr immer wieder ihre Fingernägel abgebissen habe. Das hätte manchmal schon sehr wehgetan, aber geblutet habe das nie, wie meine drei abgeschnittenen Finger auf dem Kü-chentisch.
Es gelang danach, über den „fingerbeißenden Vater“, verdrängte und vergessene Familien-probleme, Kriegsereignisse und aggressive Einfälle bei der Patientin wachzurufen und die angstneurotisch fixierte Familienharmonie zu verringern. Hiernach gelang es der Patientin, die vorher angstvoll abgewehrte Beziehung zu Ihrem Ehemann zu vertiefen und eine beruflich stabilisierte Haltung zu gewinnen. Ein anderes Beispiel:
Eine 37 jährige Patientin befindet sich in einem depressiven Selbstwert-Konflikt. Sie kämpft um ihren 12 jährigen Sohn und leidet unter der ständigen Kritik ihres Partners. Ich fühle mich bei ihrem Bericht wie erstarrt und phantasiere die Statue einer hübschen Frau, die ständig kuckuck ruft. Kuckuck-orientiert, diskutieren wir entlastende Erziehungsvorstellungen und Ich-erweiternde Einstellungen. Ich rate ihr, mit Ihrem Kuckuck zu reden. Bereits in der folgenden Behandlungsstunde fragt mich die Patientin, ob ich hexen könne. Sie fühle sich wie befreit. Sie könne jetzt mit Ihrem Sohn entspannter reden und mit ihrem Partner selbstbewusster diskutieren. Ihre Antriebsstörung sei jedoch noch immer vorherrschend. Sie habe geglaubt, dass ihr familiärer Konflikt die Ursache sei. Wir konnten jetzt ihr Burn-out-Syn-drom näher besprechen und ihre Antriebsstörung als Ergebnis der Überforderung am Arbeitsplatz, der Dis-kriminierung durch Kollegen sowie als Abwertung durch den Vorgesetzten verstehen. Die Patientin konnte nach 6 prismatischen Behandlungsstunden entspannt ihre Arbeit wieder auf-nehmen.

Psychosomatische Beschwerden
lassen sich u.a. als Entlastung familiärer Konflikte verstehen. Hierbei ermöglicht die Ver-schiebung von Gefühlen in den körperlichen Bereich bei einem Familienmitglied die Familie zu entlasten. Der Betroffene hat damit seine Identität in sein Leiden verschoben. Der Patient wird gebeten, seinen Schmerzbereich fantasievoll auszumalen und den fantasierten Gegen-stand in der Hand detailliert zu beschreiben um ihn dann wegzuwerfen, zu entlasten.

Ein Patient berichtet über erhebliche Magenbeschwerden, die sich erneut eingestellt hätten, nach dem seine Mutter wieder verstärkt in sein Leben eingegriffen habe. Auf meine Bitte schildert der Patient jetzt detailliert die Quali¬tät und den Aus¬tragungsort seiner Beschwerden. Auf seinem Magen liege etwas wie ein kalter, ekeliger grüngrauer Stein mit rauher, glitschiger Oberfläche, der unter dem Rippenbogen nach oben drücken würde. Der Patient berichtet, dass seine Ma-genbeschwerden weniger ge¬worden seien, nachdem er auf meinem Wunsch hin, den ekeligen Stein auf einer Wiese abgelagert habe.

Nachdem sich auch bei mir ein unangenehmer Magendruck eingestellt hat, gewinne ich intuitiv das Bild einer Kirche. Ich forme in mir das Bild einer kleinen Wallfahrtskirche und schildere dem Patienten detailliert meine Stimmung, die Landschaft, eine kleine Anhöhe und eine breite Wiese auf der ein Prozessionszug mit schwarz gekleideten Nonnen und einem Priester im weißen Kleid zur Kirche emporsteigt. Es sei sonnig und Herbst.

Der Patient: Er sei wirklich erstaunt, wie ich zu meiner Phantasie gekommen sei. Er habe vor etwa 4 Jahren auch unter erheblichen Magenbeschwerden gelitten. Aber damals habe seine Mutter überhaupt keinen Anteil daran gehabt. Er wolle über die Zusammenhänge ein anderes Mal sprechen. Wichtig sei ihm, dass er damals über eine Ordensschwester zu einer kleinen Wallfahrtskirche gekommen sei und eine Wallfahrt mitgemacht habe. Diese Kirche, in der Nähe von Koblenz, sei so gewesen, wie ich sie geschildert hätte. Auf Nachfrage schildert er schließlich, dass er dort seine Beschwerden verloren habe. Er habe seinen Glauben wohl in der letzten Zeit vernachlässigt. Vielleicht solle er erneut eine Wallfahrtskirche besuchen, die von dem gleichen Orden unterhalten werde. In den nachfolgenden Stunden lassen sich seine religiösen und Selbstwertzweifel ansprechen und bildsprachlich anreichern. Die Magen-beschwerden tauchen in den anschließenden Behandlungsstunden nicht mehr auf.

Gewalttraumatisierte Patienten Die Menschheitsgeschichte ist überwiegend von Macht und Gewalt geprägt. Doch Psychotherapeuten tun sich noch schwer, mit den Opfern der Folter. Die deutsche Psychiatrie nähert sich erst in den letzten Jahren mit zaghaften Schritten ihren Verbrechen in der Nazi-Zeit. Zweihunderttausend ihrer Patienten ließ sie in dieser Zeit er¬morden. In der Bundesrepublik Deutschland ist das Gewicht der Nazi-Zeit, die als schuld¬haft erlebt und abgewehrt wird, und die eine unverkrampfte Einstellung zu Folterop¬fern er¬schwert, vorläufig noch wie eine Grabplatte, die alles unter sich verschließt. Weltweit stehen heut-zutage Krieg, Gewalt und Folter gegen Andersdenkende, Andersglau¬bende, Andersfarbige auf der Tagesordnung. Auf einer Tagung der Inter¬nationalen Gesell¬schaft für Sozialpsychiatrie in New Delhi im November 1992 konnte ich mit Kollegen vor allem aus Indien und aus südamerikanischen Ländern Erfahrungen austauschen. Hier konnte ich vermitteln, wie der zunehmenden Zahl von Gewaltopfern therapeutisch zu helfen sei. Ich konnte die prismatische Arbeitsmethode vorstellen, mit der es gelingt, kreative Resourcen zu mobilisieren und damit Patienten, Therapeuten, Pflegende und Berater entlastende Gespräche zu ermöglichen. Die entlastende Funktion der prismatischen Behandlung Gewalt-traumatisierter Patienten hätte mich viele Jahre intensiv beschäftigt. Ich lernte hierbei, wie mit dieser Methode vor allem praetraumatische Gefühle der Patienten sich wieder einstellen und wie damit entlastet, gesunde Resourcen mobilisiert werden können. In diesen Gesprächen ließ sich häufig verblüfft erleben, wie rasch, dank der Bereitschaft sinnlich-resonant zu kommunizieren, die Befreiung aus Leidens-fixierten Zuständen ermöglicht wird.

In Israel konnte ich prismatische Gruppen mit Enkeln von Kz-Opfern entfalten. Verblüfft erlebte ich, dass in ihren Familien über das Leiden der Großeltern nie gesprochen wurde. Deren Ängste seien jedoch an die Enkel weitervermittelt worden. In Kuwait konnte ich auf einer prismatischen Gruppentagung mit moslemischen Seelsorgern und Sozialarbeitern die grausamen Erlebnisse von Kriegsopfern aufarbeiten und hierbei u.a. einen überforderten Sozialtherapeuten von seinem Leiden befreien. Er hatte es von einer von ihm betreuten Frau übernommen, die erleben musste, wie vor ihren Augen, zwei Familienmitglieder, mit einem Beil erschlagen wurden.

In meiner klinischen Tätigkeit in Duisburg, waren es vor allem kurdische Patienten, die in der Türkei gefoltert worden waren und die seit Monaten unter ausgeprägten Leidenszuständen zu mir in die Klinik kamen. Ein Beispiel:

Die 27jährige kurdische Patientin ist seit 6 Monaten in Deutschland. In der zweiten Stunde meiner prismatischen Behandlung berichtet sie von der Folter eines 10jährigen Mitgefangenen, die sie miterleben musste und nicht vergessen könne. Ich bitte sie um eine detaillierte Be-schreibung einer Folterszene. Nach ihrer Detailschilderung konnte ich meine Phantasieeinfälle einbringen. Wir hatten vereinbart, dass wir heute mit freien Phantasien ihre Foltererlebnisse besprechen würden. Die Patientin sitzt bei ihrem Bericht total verspannt in ihrem Sessel. Ich schildere ihr, dass ich nach der anfänglichen Überforderung durch ihren Bericht prismatisch auf die sinnliche und Phantasieebene umschalten würde. Tatsächlich fühlte ich mich entspannt und schildere, dass ich eine herrliche Hügellandschaft erleben würde. Weiße Schwäne zögen darüber hinweg. Ein blauer Himmel. Es sei vielleicht Hochsommer. Eigenartige Bäume an den Hängen. Auf dem Höhenweg eines Hügels gingen Menschen spazieren. Darauf unterbricht mich die Patienten mit einer erstaunlich veränderten Stimme und Haltung mit dem Satz, das sei ja wirklich toll, das sei ja wie ihre Heimat. Sie beschreibt jetzt im Detail, woher sie komme, dass ihr Dorf in einer Hügellandschaft liege und dass sie zum Einkaufen mit ihrer Schwester immer über einen Hügel, wie den, den ich geschildert hätte, zum Nachbardorf gegangen sei.

Ich war überrascht von ihrer Stimme und ihrer Stimmungsänderung sowie über die detail-lierten Schilderungen, in der sie jetzt von ihren Eltern und ihrer Kindheit berichten konnte. Ihre Traumafixierung konnte nach 5 prismatisch orientierten Sitzungen aufgelöst werden, in denen wir u.a. detailliert sozialpolitische Konflikte in der Türkei diskutierten. Ich konnte mich der abschließenden Einladung zu ihrer Hochzeit nicht entziehen. Meine Therapie von gefol-terten Flüchtlingen in der Duisburger Klinik wurde zunehmend von der Öffentlichkeit wahr-genommen. Nachfolgend eine Zeitungsnotiz:

Ruhe ist falsche Bürgerpflicht: Der Gewalt von Rechts auf den Zahl gefühlt
Ein Pressebericht aus der WAZ 15.12.92
„Er ist ein Querdenker. Prof. Dr. Alfred Drees, Leiter der Psychia¬trischen Klinik am Bertha-Krankenhaus in Rheinhausen, hat sich dem Thema: "Folter-Opfer-Therapeuten" verschrieben. Die jüngste Herausforderung, entstanden durch das Wiederaufbrechen der Gewalt von rechts in Deutschland, spiegelt sich in seinen Referaten wider: kürzlich vor der internationalen Gesellschaft für Sozialpsychiatrie in New Delhi, am vergangenen Wochenende vor dem Afro-asiatischen Institut in Wien. Flagge zeigte die Rheinhauser Psychiatrie unter dem Dach der Städtischen Kliniken schon früh. Bereits im Oktober 1991 demonstrierten Patienten, Angehörige und Mitarbeiter der Klinik in einem Zug durch die Stadt gegen Fremdenfeindlichkeit. Drees: "Das wirft auch ein Licht auf die Toleranzoffenheit der Duisburger Stadtverwaltung. Der begrüßenswerten Lautstärke und der großen Zahl der Teilnehmer bei den derzeitigen Demon-strationen gegen die noch weitgehend verdrängte Geschichte der Nazizeit auf¬zuarbeiten". Als nicht zu unterschätzende Kraft in diesem Spiel sieht Drees die Existenz der an Stammtischen und Urlaubsorten zu beobachtenden Deutschtümelei. Ursache dafür seien nicht nur die Denkschemata der im Nationalsozialismus groß gewordenen Eltern, sondern auch die zahlreichen Bekundungen der Parteien von rechts bis ins linke Lager hinein: "Sie gaben in den letzten Jahren zahlreiche Bekundungen zu deutschen Werten gegen Ausländer von sich". Als ein Beispiel führt Drees die Verweigerung des Wahlrechtes für Ausländer an, die bereits seit über 20 Jahren hier leben, wohnen und arbeiten und berührt damit auch Herzstücke aktueller Duisburger Tagespolitik in Rat und Ausländerbeirat. "Ruhe ist jetzt nicht die erste Bürgerpflicht", sagt der Psychiater. Um die tief im Deutschen sitzende "Autoritätsgläu-bigkeit" und die Ausländern als vorbildhaft entgegengehaltenen Werte wie Sauberkeit, Wahrheit oder Pünktlichkeit auf ein verträgliches Maß zu bringen, bedürfe es noch viel Arbeit.“

3 Tage nach dem Zeitungsinterview erhielt ich folgende Karte
„Absender: 24 Deutsche, die solche Typen wie Sie und Konsorten für unser Land und un¬sere Heimat für gefährlicher halten als Nazis. Sie müssen ausgerottet werden, vor allem: Sie können nicht zusammenreden, was nicht zusam¬men gehört und Gott sei Dank (nicht Allah), dass es noch soviel „Deutschtümelei“ gibt, wie Sie „Volksverräter“ es betiteln. Und Gott sei zigmal gedankt, dass wir uns unsere Freunde, deutsche Freunde, noch selber „wählen“ können. Sie sind ein Mensch, wo ich Angst vor habe. Wenn Sie Bruckhausen, Rheinhausen und Oberhausen ken-nen...Wissen sie, was es da für Schmutz und Gestank gibt. Überall wo Scheiß-Asylanten und Türken u.a. Volksschädlinge hausen - es ist deprimierend und grausam. „Ruhe ist falsche Bürger-pflicht“! Es wird alles zitiert. Der WAZ muss ich den Vorwurf machen - dass sie für diesen Quatsch soviel Platz „geopfert“ hat, den ein Irrer von sich gegeben hat. Denn „er“ ist ja richtig am Platz in Rheinhausen. Wo er hingehört, in die Psychiatrie...ein armer Irrer.“

Diese Vorstellungen entsprechen leider auch heute noch entsprechenden Einstellungen bei einem, wenn auch kleinem Anteil der deutschen Bevölkerung.

Die Sterbeszene
Sterbende und krebskranke Patienten finden in unserer Gesellschaft nur unzureichend Ge-sprächspartner. Auch Psychotherapeuten tun sich noch schwer mit dem Trauma des "sterben müssen". Dieses Trauma zu überwinden, gelingt im Rahmen prismatischer Gespräche, mit deren Hilfe Facetten gelebten Lebens wieder erinnert werden und den Patienten „erwachsenes Sterben“ ermöglicht wird. Hierüber lassen sich blockierte Gespräche zwischen Patienten, Angehörigen, Therapeuten und Helfern in der Sterbeszene entlasten.

Ich konnte Mitarbeitern und freiwilligen Helfern in einem Hospiz in Lindau am Bodensee, das ich inzwischen seit 23 Jahren betreue, prismatisch-intuitive Gesprächskompetenz ver-mitteln. Im Rahmen der „Lindauer Psychotherapie Wochen“, lernte ich 1986 eine engagierte Gruppe Lindauer Bürger kennen, die Alleinsterbenden in Lindauer Krankenhäusern Besu¬che und Ge¬spräche anboten. Ich erlebte hierbei das große Engagement aber auch die Über-forderung dieser freiwilligen Helfer. Sie hatten nicht selten zu leiden unter den ver¬einsamt dahinsie¬chenden Pati¬enten und dabei gleichzeitig unter dem Unmut einiger Pfle¬gekräfte, die sich gestört fühlten, durch das Einmischen in ihre klinische Arbeit.

Ich hatte den Hospiz Helfern Gruppengespräche angeboten, in denen sie lernen könnten, sinn¬lich und Phanta¬sie orientiert mit Sterbenden und deren Angehörigen zu sprechen. Die Teil-neh¬mer erlebten vom Beginn an eine enorme Entlastung vor allem von den sie überfor¬dern-den Übertragungsgefühlen in diesen Gesprächen. Die freiwilligen Helfer in Lindau waren anfangs überwiegend Frauen. Sie kamen aus allen Gesellschaftsschichten. Sie begannen im Rahmen eines ökumenischen Gebets¬kreises und entfalteten unter der unerschrockenen und hartnäckigen Leitung von Frau Dornier, ein weltlich offenes, mitmenschlich und religiös getragenes Engagement, das mir Erstaunen und höchsten Re¬spekt abforderte.

Eine Prismengruppe mit freiwilligen Helfern:
Eine Teilnehmerin berichtete über ihre Gespräche mit einer krebskranken älteren Frau im Fi¬nal¬sta¬dium. Ihr bitterer Kommentar: "Die ist nur ins Krankenhaus ge¬bracht wor¬den, um dort zu kre¬pie¬ren". Die Vortragende schilderte dann ihre Schuldgefühle. Sie wisse nicht, wie sie den Kon¬takt wie¬der aufnehmen solle. Sie habe vorher eine gute Be¬ziehung zu der Frau gehabt. Sie habe sie regelmä¬ßig zu Hause be¬sucht und ge¬meinsam mit ihr Kaf¬fee ge¬trunken. Jetzt, bei der Verschlim¬me¬rung des Lei¬dens, habe man die Patientin unsinni¬ger¬weise noch einer medizini¬schen Inten¬sivthe¬rapie unterwor¬fen. Die Aggres¬sionen ge¬gen im Vor¬dergrund ihres Erle¬bens. Die Gruppen¬mitglieder reagie¬ren nach die¬sem Be¬richt mit zahlreichen körperlichen Mißem-pfindungen:

"Mir liegt ein schwerer Stein auf dem Magen..." „es ist so, als ob mein Bauch quillt und quillt, aus¬einandertreibt..." „...nagende, fressende Kopfschmerzen..." „ich kann nicht rich¬tig durchat¬men..." „die Brust ist wie zugeschnürt". Das erste Vorstel¬lungsbild zu die¬ser beengenden Stim¬mungsphase schildert eine Patientin, die sich wie unbeweglich in ei¬nem Zimmer eingesperrt er¬lebt: "Halbdun¬kel...keine Fenster...keine Türen...kalt, keine Kontu¬ren zu sehen, keine Hoff¬nung" „Ich kann mich nicht fühlen. Ich kann mich nicht be¬wegen." Ich selbst war überrascht von der Fülle der Körper¬mißempfindungen, am Be¬ginn der Sitzung. Die Vortragende schildert dann die deso¬late Situation der Krebspati¬en¬tin, die wie apathisch bewegungslos in ihrem Bett an Schläuchen fest¬gehalten werde und nicht aufste¬hen könne. Sie sei erstaunt über die kör¬perlichen Beschwerden der einzelnen Gruppenmitglieder. Diese Beschwerden entsprä¬chen genau den Schmerzen der Patientin.

Hiernach wird eine zweite Stimmungsphase in der Gruppe eingeleitet durch ein Grup¬penmit¬glied, das über Luftnot und Brustenge klagt. Im Vorder¬grund steht bei dieser Betreuerin ein verzweifeltes Gefühl, das in einer grie¬chi¬schen Land¬schaft seinen Aus¬druck fände, in der ein Ein¬zelner tieftraurig, alleingelas¬sen keine Bezie¬hung zur Welt aufzunehmen vermag.

In der Gruppe werden jetzt aggressiv ge¬tönte Bilder frei: flammend brennende Land¬schaf¬ten, Explo¬sionen, blitzende Messer. Bei einigen tritt quälende Müdigkeit auf. An¬dere ver-su¬chen mit Ratschlä¬gen und Erklärungen Halt in der Gruppe zu finden. Die Vor¬tra¬gende erinnert sich an är¬gerlich und hilflos machende Si¬tuatio¬nen mit der Patientin. Hierüber habe sie jedoch verstan¬den, wie notwen¬dig die regelmäßige Aussprache sei. Hiernach tritt nach ei¬ner länge¬ren Pause, eine deutli¬che Stim¬mungsänderung in Form ei¬ner tragen¬den, zum Teil weihevollen Stim¬mung ein. Die körperlichen Mißempfindungen sind völlig ab¬geklungen. Eine Teilnehme¬rin hatte den Duft der umgeben¬den Natur wahr¬nehmen können. Sie fühlte sich jetzt völlig ge¬löst, entspannt und in der Gruppe wieder eingebun¬den. Eine Teilnehmerin schildert, daß sie ge¬betet habe und daß ihr das die Kraft gegeben habe, ähnliche Situationen bes¬ser durchzu¬stehen. Die Stimmungsbil¬der und Empfindun¬gen kreisen abschließend um ent¬spannte und schwebend leichte Gefühle, weiße Wolken, die über eine er¬habene Land¬schaft kreisen, ein Floß, das auf ei¬nem breiten Strom still dahingleitet.

Im abschließenden Gespräch über die Erlebnisse, Stimmungen und Gefühle in der Gruppe wurde verstanden, welche Gefühlsvielfalt in der Beziehung zwi¬schen der vor¬tra¬genden Teil¬nehmerin und ihrer Krebspatientin enthalten ist und daß erst nach dem Zu¬las¬sen der einzel¬nen Facetten dieser quälenden Gefühlsmischung aus Angst, Trauer, und Ag¬gressio¬nen auch tragende Gefühle und Aspekte des "Sterben-Las¬sen-Könnens" Raum ge¬win¬nen und sich da-rüber nicht selten mit reli¬giösen Vorstel¬lun¬gen verbinden.

Die Teilnahme von Angehörigen sterbender Patienten an der Lindauer prismatischen Hospiz-gruppe zeigte sich als besonders hilfreich. Ausgeprägte Beziehungsprobleme zwischen Ange-hörigen blockieren nicht selten den Prozess des Abschiednehmens. Sie werden zur Quelle von quälend erlebten einsamen Sterben sowie von länger anhaltenden Schuldgefühlen bei den Angehörigen. Ein Beispiel:

Die 36 jährige Tochter einer sterbenden Patientin berichtete in der Gruppe, dass sie seit vielen Jahren sich bemüht habe, mehr Selbständigkeit von ihrer Mutter zu erhalten. Sie be¬richtet dann detailliert von ihren Versuchen ihr eigenes Leben mit ihrem Partner zu ge¬stalten. Die Mutter habe sie jedoch so an sich gebunden, so dass sie erst sehr spät eine Partner¬schaft einzugehen vermochte. Sie berichtet von zaghaften und kämpferischen Auseinan¬dersetzungen mit der Mutter. Aber jetzt sei sie wie gelähmt. Sie könne nur noch hilflos weinen, wenn sie ihre Mutter sterben sehe. In der Gruppe wird daraufhin eine Vielzahl von bildhaften Vorstellungen wach, die anfangs von körperlichen Verspannungen und ärgerlichen, gehetzten und einsamen Stim-mungen getragen wurde, die sich in der zweiten Runde in ein harmonisches und friedliches Gestimmtsein entfaltete.
Besonders angesprochen fühlte sich die Tochter der sterbenden Patientin von dem Bild, das dem Märchen „Sterntaler“ nachempfunden wurde. In der ersten Runde war es dem Mädchen nicht möglich, die silbernen Flocken, die vom Himmel fielen, aufzufangen, da es keine Hände hatte. In der zweiten Runde konnte sie sich jedoch tanzend so einschwingen, dass sie ihren Rock unter die fallenden silbernen Sternchen ausfaltete. Hiernach konnte sie entlastet die Mutter im Sterbeprozess begleiten
Prismatische Entlastung in der Schule
Die zunehmende Diskussion um Inhalte, Arbeitsformen und Reformen im heutigen Schul-betrieb haben mich motiviert auf prismatische Arbeitsmethoden zurückzugreifen, mit denen ich bereits vor 30 Jahren in Schulen sowie in der Lehrerfortbildung experimentieren konnte. Die vielfach dokumentierte Überlastung des Lehrpersonals und die zunehmende burn-out-Symptomatik sowie die dadurch bedingte vergleichsweise frühe Pensionierung konnte ich in meinen Therapien mit besonders engagierten LehrerInnen registrieren. Ich möchte als Kurz-beispiel eine Kommunikationsform für den Unterricht vorstellen, mit der es gelang störende und belastende Spannungen im Unterricht aufzulösen und die Lehrerin zu entlasten.

Ein 15jähriger Schüler, eine in der Klasse dominante Alphafigur, suchte immer wieder mit ausgeprägten Störungen seine Lehrerin unter Druck zu setzen. In einer Literaturstunde wirft er bei der Besprechung eines Textes von Nietzsche eine Cola-Flasche durch den Raum. Die Lehrerin, die bislang von diesen Attacken sehr genervt war, sucht an Hand meines Super-visionsvorschlags, zu dem Schüler, eine veränderte Einstellung. Sie wendet sich ihm erwar-tungsvoll zu und sucht mit ihm und der ganzen Klasse die lärmende Wurfunterbrechung als eine bisher nicht angesprochene erweiternde Dimension von Nietzsches Texte zu verstehen. Diese Intervention wird von dem Schüler und der ganzen Klasse als humorvolle und entlastende Unterbrechung und Akzeptanz verstanden. Die Lehrerin fand hierüber ihre Kompetenz zurück.

Diese prismatisch orientierte Unterrichtsmethode ermöglicht es Schülern, ihre jeweilige Be-findlichkeit im Unterricht zu äußern, ohne dass gewohnte Korrekturen oder emotional be-dingte Blockaden den Verlauf des Unterrichts und die kreativen Möglichkeiten der Schüler beeinträchtigen. In einer Berufsfachschule in Hannover wurde diese Arbeitsmethode bereits Ende der 70er Jahre erprobt. Hier ließen sich Gruppenspannungen erfolgreich reduzieren, sinnlich-resonante Kommunikationsprozesse im Rahmen prismatischer Phantasiearbeit ent-falten und damit entlastende Neuorientierungen für den Unterricht gewinnen.

Beziehungsbefreite Gefühle öffnen sich für ganzheitliches Erleben. Gewalt, emotionale Span-nungen und Lernhemmungen auf dem Boden einengender Wiederholungsrituale sowie Rol-len- und Cliquen-Fixierungen lassen sich hiermit transformieren. Sie öffnen dem Schüler potentielle Freiräume und damit individuelle Entfaltungsmöglichkeiten. Sie geben ihm Ein-sichten in die Durchlässigkeit von Inhalten und Theorien, von Personen- und Rollenmustern. Dem Lehrer öffnen sich in diesen sinnlich-metaphorischen Lernprozessen pädagogische Frei-räume, in denen er nicht länger Subjekt und Objekt infantiler Beziehungswünsche spielen muss. Er gewinnt damit die Chance, längerfristig kreativ, offen, arbeitsfreudig und gesund zu bleiben.

Eine prismatische Balintgruppe mit Ärzten in Duisburg.
Ein Landarzt berichtet in der Gruppe von einer Patientin, die seit dem Tod ihres Sohnes an Leukämie, vor etwa zwei Jahren, wie gelähmt sei. Auch ihr Mann könne kein ordentliches Ge¬spräch mehr mit ihr führen. Er säße oft nur stumm neben ihr. Sie sei inzwischen in einer psycho¬somatischen Klinik gewesen und habe anschließend Psy¬chotherapie gehabt. Es habe je¬doch nichts geholfen.

In einem Rollenspiel übernimmt der Arzt die Rolle der Patientin und wird interviewt von einer Internistin. Die Kollegin schildert bereits am Beginn ihres Gesprächs verblüfft, ihre Phantasie von einer großen roten Fahne auf einem Berggipfel. Für alle überraschend, berichtet jetzt der behandelnde Arzt, tief bewegt, von einer weißen Fahne mit einer Fledermaus, die der kranke Sohn hergestellt habe und sie, jeweils nach stationärer Entlassung, auf dem Hof gehisst habe, mit einem hoffnungsvollen Blick auf dem nahen Berg gerichtet. Die Fahne habe man über seinen Sarg gelegt und mit ihm begraben. Die Tageszeitung habe davon ein Bild gebracht.

Alle sind verblüfft über die intuitiv wahrgenommene Fahne am Beginn des Interviews. Sie sind tief bewegt und diskutieren, inwieweit die Trauer mit der vergrabenen Fahne des toten Sohnes verbunden sei, ob durch die fantasierte Fahne das Assoziationsfeld erweitert würde und ob dadurch eine Lösung der Trauerfixierung ermöglicht werde.

Die Interview führende Internistin schildert, dass sie das Gespräch abbrechen musste, nachdem die anwachsende Traurigkeit sie hilflos und sprachlos gemacht habe. Der betroffene Arzt schildert die gleichen Gefühle. Er kann dabei seine Tränen nur mühsam zu¬rückhalten. Er habe seit Monaten, wenn die Patientin vor ihm sitzen würde, eine Trauerlähmung. Er berichtet, dass er den an Leukämie erkrankten Sohn 7 Jahre betreut habe, bis zu dessen Tod mit 11 Jahren. Er habe noch an seinem Sterbebett gesessen.

In dem nachfolgenden Gruppengespräch vermag eine Gruppenteilnehmerin aus ihrer Trauer und ihrer dabei entstehenden Körperverspannung ein Bild von einem wild zu Tal herabstürzendem Wasserfall zu berichten und dabei kraftvoll eine bizarre Berglandschaft zu beschreiben. Der betroffene Arzt berichtet jetzt in veränderter Stimmung über dem bis zum Tod sich aktiver und kreativ gebender Patienten, der auch bis zuletzt die Mutter getröstet habe. Nach weiteren Bil-dern in der Gruppe, von unendlicher Weite, von wärmenden Kaminfeuer, von tröstenden und von sexuellen und humorvollen Szenen, von Herbststimmungen und huldvoll gespendeten Früchten berichtet der Arzt, dass er jetzt wohl mit seiner Patientin freier sprechen könne. Er habe ein breiteres Gesprächsniveau gewonnen. In der nächsten Gruppenstunde berichtet der Hausarzt, dass die Patientin in der folgenden Behandlungsstunde keine Trauerverspannung mehr gezeigt habe und entlastet von ihrer neuen Arbeitsstelle berichtet habe. Auch hier hatte die metaphorische Vielfalt die Lösung gebracht. Die veränderte Einstellung des Hausarztes ermög-lichte die Aufarbeitung der Trauerblockade.

Zusammenfassung
Das prismatische Zeitalter ermöglicht, sich körperlich-sinnlich mit metaphorischen Phantasien auf seinen Gesprächspartner einzustellen, um rationales Denken sowie Beziehungs- und Übertragungsgefühle kurzfristig zurücklassen zu können. Hierbei können politische, religiöse und historische Vorstellungen ausgetauscht werden. Es ist häufig verblüffend zu erleben, wie sich über die anfangs ungewohnte sinnliche Einstellung emotionale Spannungen, Konflikte und Beziehungsfixierungen sowie auch Schmerzzustände auflösen lassen. Intuitiv öffnen wir die Vielfalt unserer Identitätsbereiche. Wir gewinnen damit die Fähigkeit unsere kreativen Identitätsbereiche und unsere mitmenschlichen Einstellungen zu entfalten und damit unsere Ich-Kompetenz zu erweitern. Das ermöglicht eine Humanisierung unserer Gesellschaft.

Das Ich
es wandelt sich
einst ein Beziehungsknoten
getragen von tam-tam-Geboten
in rationalen Regeln eingebunden
hat sich das Ich noch nicht gefunden
in seinem unbewussten Speicher
fand sich das Ich dann reicher

Meine Bücher:
Drees, A. (1995): Freie Phantasien. Verlag Vandenhoeck und Ruprecht. Göttingen
(1996): Folter: Opfer, Täter, Therapeuten. Psychosozial Verlag, Gießen
(1997): Innovative Wege in der Psychiatrie. Psychosozial Verlag Gießen
(2001): Intuition in der Sterbebegleitung in Klinik, Hospiz und Familie. Pabst Science Publishers
(2002): Prismatische Balintgruppen. Pabst Science Publishers Lengerich
(2004): Prismatisch-defokussierende Gespräche in der Psychiatrie. Pabst Science Publishers
(2004): Prismatische Poesie. Pro Business Berlin (Poesie)
(2006): Prismatisieren. Im Selbstverlag
(2008): Du kannst Deine Türen öffnen. Pro Business Berlin
(2010): Prismatische Ich-Erweiterung. Weimarer Schiller-Verlag
(2010): Poetische Ich-Erweiterung. Books on demand (Poesie)
(2011): Prismatische Psychologie. Pro Business Berlin
(2011): Ich-Geschichten. Pro Business Berlin (Poesie)
(2012): Das befreite Ich. Pro Business Berlin

Prof. Dr. med. Alfred Drees - Friedrich Ebert Str.26 - 47799 Krefeld - Tel.: 02151/503922
Email: info@alfred-drees.de homepage: www.alfred-drees.de


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