Ärzte Zeitung, 11.10.2012

Gastbeitrag

Was Ärzten wirklich fehlt

Angeblich geht es bei Ärzteprotesten nur ums Geld. Das ist falsch, die Motive sind viel komplexer, meint Dr. Peter Schwoerer.

Was fehlt: Freude, Anerkennung und Geld

Dr. Peter Schwoerer, ehemals KV-Vorsitzender in Südbaden, war von 1973 bis 1997 als Hausarzt niedergelassen; dann Leitender Arzt beim MDK. Seit 2005 ist er Vorsitzender des Gemeinsamen Beschwerdeausschusses Baden-Württemberg.

© KVBW

Die Drohung hat gewirkt. Der Erweiterte Bewertungsausschuss hat sich über das Honorar geeinigt - viele Vertragsärzte bleiben weiterhin unzufrieden - zu Recht.

Zurückbleiben dürfte bei vielen Ärzten Resignation - keine Haltung, die es leicht macht, den knappen ärztlichen Nachwuchs vom Beruf zu begeistern.

Die Gründe für diese prekäre Lage der Ärzteschaft sind komplex - komplexer, als sie in den Medien meistens dargestellt wird.

Das Tun und Handeln von Menschen resultiert in der Regel aus drei Motiven: Freude am Beruf, soziale Anerkennung und Geld. Das letztgenannte Motiv steht in der öffentlichen Diskussion im Fokus - die anderen beiden werden regelmäßig vernachlässigt.

Die Freude am Beruf wird Ärzten durch viele Faktoren genommen - in der Klinik beispielsweise durch ein bürokratisches DRG-System, in der Praxis durch Überreglementierung.

Die diffuse Bedrohung durch Regresse, ständig wechselnde EBM-Bedingungen, intransparente sachlich-rechnerische Berichtigungen sind dafür nur Stichworte.

Die soziale Anerkennung von Ärzten schwindet in dem Maße, in dem die Verantwortung für das Morbiditätsrisiko, Finanzbudgets und forensische Bedrohung die Verantwortung für den Patienten aus dem Fokus des ärztlichen Handelns verdrängt - dies umso mehr, als Politiker und leider auch Wissenschaftler tatsächliche und angebliche Versorgungsdefizite des Systems den Ärzten anlasten.

Das Kampfgeschrei von Politikern, Funktionären und Verbandsvertretern lenkt allerdings von hausgemachten Versäumnissen ab - und die sind gravierend.

Politisch verordneter, von der KBV geförderter Zentralismus lähmt die Initiativen, Versorgungs- und Honorarfragen in den Bundesländern vor Ort zu lösen. Bestes Beispiel ist das sozialistische Einheitsbudget des Gesundheitsfonds.

Am Abbau von Bürokratie arbeiten

Seit über 20 Jahren befördert die Bundesärztekammer eine fortschreitende Fragmentierung der Medizin in immer neue Subspezialitäten, die zu Lasten der patientenorientierten Gesamtschau geht.

Ein Nachweis, dass diese Spezialisierung und die damit verbundenen Mehrkosten zu einer besseren Patientenversorgung führen, wurde nicht erbracht.

Dies nehmen viele haus- und fachärztliche Kollegen als fundamentalen Bedeutungsverlust wahr: als den Verlust der Kompetenz, Patientenprobleme tatsächlich zu lösen.

Besonders Hausärzten wird auch durch ihre Honorierung signalisiert, sie seien nur noch zu einer betreuenden Basismedizin befähigt.

Aber auch Fachärzte stehen in immer härterem Wettbewerb mit Klinikambulanzen oder Versorgungszentren.

Erschwerend kommt bei Fachärzten hinzu, dass der medizinische Fortschritt nur zu einem Teil in den ambulanten GKV-Leistungskatalog eingeht. Bieten Fachärzte dann sinnvolle Leistungen als IGeL an, ist ihnen herbe Kritik gewiss.

Innerärztlich, aber auch in der breiten Öffentlichkeit, fehlt der von der KBV gesteuerten Umverteilung des Honorars zu Gunsten einzelner hochspezialisierter Facharztgruppen (oder sogar nur Teilen von Facharztgruppen) immer mehr die Akzeptanz.

Fakt ist, dass Arztgruppen, die für die Basisbetreuung ihrer Patienten verantwortlich sind, nicht mehr den Zeitaufwand honoriert bekommen, den sie bräuchten, um ihre Aufgaben entsprechend ihrer Qualifikation gewissenhaft und in vollem Umfang erfüllen zu können.

Umgekehrt fokussiert sich die Kritik der Medien auf sehr gut verdienende Arztgruppen, deren Bedeutung für die Patientenversorgung aber nachrangig ist. Dies ist die offene Flanke der Ärzteschaft.

Hoffen wir, dass der angekündigten Verbesserung der Honorare auch eine bürokratische Entlastung aller Ärzte folgen wird.

[11.10.2012, 09:03:46]
Dr. Karlheinz Bayer 
Dr.Peter Schwoerer: ein Weintrinker und Wasserprediger
Das ist Peter Schwoerer, wie er leibt und lebt. +
Zuerst ein wenig Honig um die Mäuler, Freude am Beruf, fehlende Anerkennung, dann aber gleich ein kräftiges Haudrauf auf Kammer und KBV. Überreglementierung, Bedrohung durch Regresse.

Pardon, aber seine ganze derzeitige, gut honorierte Beschäftigung leitet Dr.Peter Schwoerer aus dem § 106 (1) SGB V ab, "Die Krankenkassen und die Kassenärztlichen Vereinigungen überwachen die Wirtschaftlichkeit der vertragsärztlichen Versorgung durch Beratungen und Prüfungen".

Wer lenkt hier von hausgemachten Versäumnissen ab und wer hat diese bis zum Jahr seiner Abwahl als KV-Chef in Südbaden federführend zu verantworten?

Die Motive und die tatsächlich darauf erfolgten Handlungen des Dr. Peter Schwoerer in seiner Zeit als KV-Vorsitzender und dann als Leitender MDK-Arzt und jetzt als Vorsitzender des Beschwerdeausschusses gehörten auf den Prüfstand.

Statt einer "Datei zur Berechnung des individuellen Heilmittelvolumens und Abgleich mit den durchgeführten Heilmittelverodnungen", wie sie in den Prüfvereinbarungen vorgesehen ist, sollte eine "Datei zur Berechnung des Wahrheitsgehalts von Äußerungen derer, die Wölfe im Schafspelz sind" angewandt werden. Schade, daß es dafür keinen Hebel für Regressandrohungen geben kann.

Genau diese ärztlichen Standesvertreter sind es, die uns über die Jahre nicht vertreten haben, groß getönt haben und dabei die Entwicklung in die genau falsche Richtung gedreht haben. Ich arbeite seit 30 Jahren in Südbaden. den Aufstieg und Niedergang, die Politik und die Äußerungen des Dr. Peter Schwoerer sind mir bestens vertraut. Sein keineswegs kollegial motivierter gemeinsamer Beschwerdeausschuß hat sicherlich schon mehr Ärzten das Leben schwer gemacht als erleichtert.

Und schließlich: was soll dieser Gastkommentar jetzt, wo wir zumindest den Ansatz einer Verhandlungslösung auf dem Tisch haben? Schwoerer hätte im Vorfeld die Position der Kassen, seiner langjährigen Geld- und Arbeitgeber kritisieren können - das hätte der, wie sagt er doch, sozialen Anberkennung und der Freude am beruf und dem geld womöglich mehr genutzt als diese Gastkolumne jetzt.

Dr.Karlheinz Bayer, Bad Peterstal

P.S.: ich würde mich freuen, wenn diese Erwiderung auch im gedruckten Teil der Ärztetzeitung erscheinen würde


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[11.10.2012, 08:38:07]
Dr. Elisabeth Glatz-Noll 
WISSEN und GEWISSEN
Kurz gesagt: Der Arzt kann nicht mehr nach seinem WISSEN und GEWISSEN arbeiten und sicher nicht ganzheitlich. Der Patient leidet MIT. Das soll in der Presse!!! zum Beitrag »

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