Ärzte Zeitung, 18.10.2012

Notdienst-Reform

Das große Rechnen im Südwesten

In Baden-Württemberg läuft die Reform des Notdienstes auf Hochtouren. Bei der VV am Mittwoch wurde klar: Das Projekt kostet Geld - auch zu Lasten der Ärzte.

Von Florian Staeck

Das große Rechnen im Südwesten

Notdienst: In Baden-Württemberg mitten in der Reform.

© theissen / imagebroker / imago

STUTTGART. In Baden-Württemberg geht es bei der Reform des Bereitschaftsdienstes jetzt ans Eingemachte - es geht ums Geld. Auf Ärzte kommen nach dem derzeitigem Planungsstand eine landesweite Umlage und Sonderabgaben ab 2014 zu.

Die Vertreter der KV Baden-Württemberg gaben dem Vorstand am Mittwoch in Stuttgart mit auf den Weg, dass die Krankenkassen zu einer "substantiellen Beteiligung" herangezogen werden müssten.

Anderenfalls werde der Leistungsumfang des jetzt geplanten Bereitschaftsdienstes reduziert, hieß es in einem mit großer Mehrheit verabschiedeten Grundsatzbeschluss.

Kaum Streit gibt es grundsätzlich darüber, dass der im Südwesten bisher sehr kleinräumig organisierte Bereitschaftsdienst reformiert werden muss. KV-Vorstandsvize Dr. Johannes Fechner nannte als Beispiel Tübingen.

In der Universitätsstadt leisteten 66 Hausärzte Notdienst, 22 davon sind älter als 60 Jahre. Absehbar sei somit, dass das bisherige System langfristig nicht mehr funktionieren wird.

Im Juli dieses Jahres hatten die Vertreter beschlossen, dass die KVBW künftig die gesamte Organisation des Bereitschaftsdienstes übernehmen soll - vom Betrieb der Notfallpraxen bis zum Fahrdienst.

So soll die Dienstbelastung gesenkt werden - ein wichtiger Punkt gerade für Vertragsärzte, die ihre Praxen verkaufen wollen.

Der Neuzuschnitt der Notdienstbereiche ist weitgehend abgeschlossen: Von den bisher 380 Bezirken in Baden-Württemberg werden etwa 70 übrig bleiben, in denen es nach derzeitigem Stand 95 Notfallpraxen geben soll.

Patienten sollen maximal 30 Minuten mit dem Auto bis zur nächstgelegenen Notfallpraxis brauchen, lautet die Vorgabe.

Jetzt aber geht es um die Finanzierung - und da tun sich Löcher auf. Ein Reformbaustein ist nämlich die Vorgabe, dass Ärzte, die Notdienst leisten, ein garantiertes Stundenhonorar von 50 Euro erhalten sollen.

Hinzu werden Infrastrukturkosten für die von der KV betriebenen Notfallpraxen kommen sowie Kosten für den geplanten Fahrdienst.

Hier ist nach Angaben von Fechner bisher kein Konsens absehbar: "Die einen Kollegen fordern den Fahrdienst vehement ein, die anderen lehnen ihn genauso entschieden ab."

Fechner stellte den Vertretern ein Tableau von Gestaltungsoptionen mit jeweils verschiedenen Folgekosten vor.

Beispiel: Ein Fahrdienst auch werktags oder nur am Wochenende? Absehbar ist, dass die bisher von der KV aufgewendeten 52 Millionen Euro pro Jahr für den Bereitschaftsdienst im neuen Modell vorne und hinten nicht reichen werden.

Am Ende der Diskussion votierten die Vertreter für eine Variante, die am Wochenende einen diensthabenden Arzt in der Notfallpraxis ("Sitzdienst") von 8 bis 22 Uhr sowie einen Arzt im Fahrdienst rund um die Uhr vorsieht.

Werktags wird in dieser abgespeckten Variante auf den Sitzdienst verzichtet, lediglich ein Arzt im Fahrdienst steht in der Zeit von 19 Uhr bis 8 Uhr morgens bereit. Dieser soll jedoch nicht die eigentlich geplante Umsatzgarantie von 50 Euro je Stunde erhalten, sondern lediglich 100 Euro pauschal je Dienst.

Durch diese Variante würden im Vergleich zum Status quo 34 Millionen Euro Mehrkosten pro Jahr entstehen, die - wenn die Kassen sich nicht beteiligen - allein von den Ärzten finanziert werden müssten.

Die Zusatzkosten für die Ärzte werden sich aufteilen auf einen fixen Monatsbeitrag und eine prozentuale Umlage am Umsatz. Wie die Aufteilung genau erfolgt, steht noch nicht fest.

Dafür sollen die bisher geltenden und je nach Bezirksdirektion unterschiedlichen Sicherstellungsumlagen entfallen.

Der große Unbekannte sind die Krankenkassen. Unklar ist ihre Bereitschaft, sich finanziell zu beteiligen. Im alten Modell tun sie dies mit einem Zuschlag von 7,50 Euro je Notdienstfall.

Doch diese Regelung läuft Ende des Jahres aus. Besonders Hausärzte fürchten, dann beim Bereitschaftsdienst rote Zahlen zu schreiben.

Einzelne Vertreter regten angesichts der zu erwartenden Kosten an, es bei der Reform der Notdienstbereiche zu belassen und keine weiteren Anpassungen vorzunehmen.

Dem erteilte KV-Chef Dr. Norbert Metke eine klare Absage: "Dann landen wir in der Steinzeit, dann verabschieden wir uns als KV als ernstzunehmender Partner aus der Sicherstellung", warnte Metke.

[19.10.2012, 14:42:09]
Dr. Karlheinz Bayer 
NFDO in Baden-Württemberg

Die KV Baden Württembergs kommt nach der überlangen Phase des Schwärmens und Experimentierens jetzt in die Phase des Rechnens und Nachdenkens, wenn man dem Bericht glauben kann.

Warum aber rechnet man nicht vor Einführung einer solchen Reform?
Weil man nicht unvoreingenommen ist?

Warum frägt man nicht die Basis, ob sie diese Reform überhaupt will?
Weil die anderer Meinung sein kann als Herr fechner?

Wieso glaubt man eigentlich, daß sich keine Nachfolger finden werden?
Die Lebenserfahrung zeigt, daß es hier insbesondere um die Höhe der Ablösung geht und nicht um die Wochenenddienste.

Wieso glaubt man, daß die Nachfolger diese Reform wollen?
Meines Wissens hat man auch dort keine Erhebeung gemacht.

Wer hat die Behauptung aufgestellt, die NFDO-Reform würde die Situation auf dem flachen Land verbessern?
Sie ist aus der Luft gegriffen und es hat A mit B nichts zu tun.

Es geht garnicht um die Belange der Ärzte auf dem Land. Würde sich die KVBaWue die Mühe machen, die Landärzte zu befragen, wäre rasch klar, daß die mit der derzeitigen Dienstregelung in den meisten Fällen zufrieden sind.

Daß diese Reform uns Geld kosten wird statt Geld zu bringen, war jedem, der in Mathematik besser als 5 stand immer schon klar. Ist doch eigentlich logisch, daß Fahrer und NF-Praxen Geld kosten, und wenn die AOK das nicht gibt, wer soll es dann zahlen außer uns selbst.,

Der große Lockvogel war immer, die Umlage sei gering, und wenn jemand die Dienste nacht machen will, gibt es jüngere Kollegen. Jetzt sieht man zum einen, daß die Umlage deftiger ausfallen wird und es ist zu erwarten, daß für 100 Euro keine jungen Kollegen wollen werden.

Bleibt noch die Steinzeit, von der Herr Metke spricht.
Diese Steinzeit herrscht in dem von ihm geschmähten Tübingen ebenso wie in vielen anderen ländluichen Kreisen.
Hier sind die Patienten zwar ebenso zufrtieden wie die Ärzte und es läuft gut, aber es ist eben Steinzeit.
Tatsache ist, daß es Städte wie Freiburg gibt, in denen das 22. Jahrhundert bereits angebrochen ist.
Freiburg ist unzufrieden.
Es wird sich dort mit an grenzenloser Wahrscheinlichkeit nicht ergeben, daß Patienten und Ärzte ähnlich zufrieden sein werden wie in den Steinzeitregionen des Landes.
Ist das die Zukunft?

Lieber Herr Fechner,
lieber Herr Metke,

man muß Fehler auch einräumen und gescheiterte rogramme noch bevor sie uns teuer zum Stehen kommen werden begraben können. Mir fällt bei der Reform der NFDO immer Werner ein. Sie kennen Werner mit dem Bölkstoff aus Flensburg?
Sein Credo heißt, hau wech den Scheiß!
Ich glaube nicht an die demographische Entwicklung in der Art, wie sie uns als Drohung präsentiert wird. Es gab bei Ärzte immer schon einen hohen Prozentsatz an Übersechzigjährigen. Es gibt nicht nur im Ortenaukreis nicht wenige noch praktizierende Übersiebzigjährige. Und die Jungen, die sich mittlerweile niedergelassen haben, haben es getan, wenn sie das Landleben gemocht haben und nicht, wenn sie verwöhnt durch die Arbeit in der Stadt eine Allergie vor Diensten hatten.

Wir haben zudem andere Probleme am Hals, daß wir uns nicht mit der NFDO auch noch neue schaffen sollen. zum Beitrag »
[18.10.2012, 16:20:19]
Dr. Eberhard Wochele 
Bereitschaft zum Verzicht
nach diesen Vorstellungen soll der diensthabende Arzt zum Beispiel in Mannheim, von 19°° bis 8°° durcharbeiten, denn die Belastung ist in dieser Region so hoch, was er bislang auch immer geleistet hat, aber dies jetzt zu einem Stundenlohn von 7.69 Euro also unter dem gesetzlich diskutierten Mindestlohn von 8.50 Euro. Das nenne ich Berietschaft zum Verzicht. zum Beitrag »

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