Ärzte Zeitung online, 07.12.2012

KBV-Vorstände im Interview

"Der Vorwurf ist Unsinn!"

Die Umfrage zum Sicherstellungsauftrag, stockende Honorarverhandlungen in den Regionen und die "Währungsreform" im EBM: Es gibt aktuell eine Menge Aufregerthemen für die KBV. Die "Ärzte Zeitung" hat die Vorstände Regina Feldmann und Dr. Andreas Köhler dazu befragt.

Köhler: "Das ist Unsinn!"

Die beiden hauptamtlichen KBV-Vorstände: Dr. Andreas Köhler und Regina Feldmann.

© Florian Schuh / dpa

Ärzte Zeitung: Die KBV hat alle Vertragsärzte und -psychotherapeuten dazu befragen lassen, wie sie zum Sicherheitsauftrag stehen. "Beibehalten", "zurückgeben" oder "an mittelfristig einzulösende Bedingungen knüpfen", lauteten die möglichen Antworten. Wie entscheiden sich die Ärzte, gibt es eine Tendenz?

Dr. Andreas Köhler: Die ersten Trends werden wir in der Vertreterversammlung an diesem Freitag vorstellen. Was mich freut, ist die hohe Beteiligung der niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten. Obwohl die Befragung noch nicht allzu lange läuft, haben schon weit über 50.000 Niedergelassene mitgemacht. Das ist ein tolles Ergebnis. Und die Befragung läuft ja noch einige Zeit. Wir werden also auf jeden Fall repräsentative Ergebnisse haben.

Ärzte Zeitung: Der Hausärzteverband sieht in der Umfrage ein Mittel, die Selektivverträge zu schwächen. Soll die Umfrage die Ärzte hinter dem Kollektivvertragssystem versammeln?

Regina Feldmann: Die hohe Beteiligung ist auch ein Zeichen dafür, dass Befragung und Fragebogen akzeptiert sind. Ein Meinungsforschungsinstitut hat den Bogen erarbeitet und führt die Befragung durch. Dabei geht es natürlich nicht darum, Selektivverträge zu schwächen oder den Kollektivvertrag zu stärken. Diese Befragung hat einen viel grundsätzlicheren Ansatz: Wie wollen wir mit dem Sicherstellungsauftrag, so wie er sich in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat, umgehen?

Ärzte Zeitung: In Bayern, Hamburg und Sachsen sind die regionalen Honorarverhandlungen gescheitert und an die Schiedsstellen überwiesen worden. Ist das für Sie als Vorstände der Bundesvereinigung ein Signal, dass die Verhandlungen wieder stärker zentral geführt werden sollten?

Regina Feldmann: Wenn die Krankenkassen es ernst meinen mit der Selbstverwaltung, dann müssen sie auch konstruktiv verhandeln und nicht alles auf die Schiedsämter schieben. Es kann auch nicht sein, dass Empfehlungen der Bundesebene von Krankenkassen in den Regionen schlichtweg ignoriert werden. Das geht nicht! Das hat nichts damit zu tun, ob Verhandlungen regional oder zentral stattfinden, sondern mit der Frage: Wie wichtig ist den Krankenkassen die gemeinsame Selbstverwaltung?

Dr. Andreas Köhler: Was ich nicht verstehe, ist: Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung hat sich ohne äußere Not von der Rolle eines Verhandlungspartners verabschiedet, mit dem man sich - wenn auch nicht konfliktfrei - so doch zumindest auf einer sachlichen Ebene verständigen konnte. Leider scheint das nach den neuesten Erkenntnissen auch für die Kassen in den Ländern zu gelten, die teilweise versuchen, die auf Bundesebene ausgehandelten Ergebnisse noch zu unterbieten.

Die Krankenkassen weigern sich schlichtweg, die Morbidität vor Ort und die besonderen regionalen Versorgungssituationen zur Kenntnis zu nehmen. Lassen Sie mich an dieser Stelle auch klar sagen: Das, was die KBV verhandelt hat, waren keine Obergrenzen! Diese hätten wir zu keinem Zeitpunkt akzeptiert.

Ärzte Zeitung: Dauerbaustelle EBM-Reform: Kritiker halten die auf dem Tisch liegenden KBV-Vorschläge, den Punktwert auf 5,11 Cent anzuheben, dies aber kostenneutral, für eine "Währungsreform" auf Kosten der Vertragsärzte. Was ist dieser Teil des Honorarkompromisses aus Ihrer Sicht?

Dr. Andreas Köhler: Lassen Sie mich ein paar Worte zu der sogenannten Währungsreform sagen und den Verlautbarungen, die dazu die Runde machen. Hinter dieser Maßnahme verbirgt sich die Angleichung des Orientierungswertes von bislang 3,5048 Cent auf den betriebswirtschaftlich kalkulierten Punktwert in Höhe von 5,1129 Cent. Dies soll zum 1. Juli 2013 erfolgen.

Ein Vorwurf lautete, wir hätten damit einen Schuldenschnitt der Krankenkassen zulasten der Ärzte akzeptiert. Das ist Unsinn! Hinter unserem Vorgehen steckt natürlich eine Überlegung: Das Argument der Kassen war bislang, dass trotz des aus Ärztesicht zu niedrigen Orientierungswertes ein dem kalkulatorischen Arztgehalt entsprechender Ertrag erzielt werden könne. Dies sei ein Indiz dafür, dass die Punktmenge pro Leistung zu hoch sei.

Dadurch, dass die Punktmenge nach der Angleichung reduziert wird, um die von den Kassen geforderte Kostenneutralität zu erreichen, wird diesem Argument der Boden entzogen. Der Euro-Wert pro Leistung ändert sich hingegen nicht! Das heißt, es kann nach wie vor eine Kostenunterdeckung festgestellt werden."

Ärzte Zeitung: Dauerbaustelle EBM, die zweite: Wie soll das hausärztliche Kapitel überarbeitet werden?

Regina Feldmann: Wir wollen die Ur-hausärztliche Tätigkeit stärken. Hierbei ist die Beratungs- und Koordinierungsfunktion ein wesentliches Element und muss entsprechend gewürdigt werden. Die demografische Entwicklung der Bevölkerung bringt neue Herausforderungen bei der Betreuung einer steigenden Zahl älterer und multimorbider Patienten mit sich. Daher ist es zwingend notwendig, altersgewichtete Versichertenpauschalen und stärker differenzierte Chronikerzuschläge einzuführen.

Diese neuen Gebührenordnungspositionen werden zur Entlastung der Hausärzte in großen Teilen automatisch zugesetzt. Zusätzlich sieht das Konzept vor, für die Hausarztpraxis eine Strukturpauschale für die technische Ausstattung einzuführen. Insgesamt werden die Gebührenordnungspositionen aber weitgehend erhalten bleiben.

Die Fragen stellte Anno Fricke

[07.12.2012, 16:20:12]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Pro und Kontra im KBV-Vorstandsinterview
Eine Umfrage zum Sicherstellungsauftrag durch die KBV geht m. E. völlig in Ordnung. Die ambulante ärztliche Versorgung deutschlandweit im 24-Std.-Dauerbetrieb zu gewährleisten, ist eine tägliche Herausforderung und d i e zentrale vertragsärztliche Verhandlungsposition.

Aber die KBV hat in den letzten 37 Jahren meiner ärztlichen Tätigkeiten in Klinik (ab 1975), AWO-Beratungsarbeit, Begleitforschung und Notdienstvertretungen (1982-1991) bzw. Hausarztpraxis (seit 1992) k e i n e einzige Gelegenheit ausgelassen, die eigene Position zu schwächen. Das mag zum einen daran liegen, dass die ärztliche Profession prinzipiell in der Ethikfalle festklemmt. Selbst der einzige Kollege unter den Bundesgesundheitsministern konnte an jedem Großschadenereignis in seinem Dienstwagen vorbeirauschen, weil er seine Facharztausbildung für Augenheilkunde nicht abgeschlossen hat. Die geschätzten Fachärzte für Allgemeinmedizin und Chirurgie, Kollegin Regina Feldmann und Kollege Andreas Köhler würden als ärztliche Ersthelfer eingreifen, bis professionelle Rettungskräfte eintreffen.

Zum anderen sind der ärztlichen Profession betriebswirtschaftliche und juristische Einflussgrößen ebenso wie knallharte ökonomische Fakten wesensfremd. Das erkennt man z. B. an einem früher objektiv betriebswirtschaftlich kalkulierten Punktwert von 5,1 Cent (damals 10 Pfennige; weitere Stellen hinter dem Komma lasse ich für Mediziner vereinfachend weg), der nichts anderes ist, als eine antiquierte Kalkulation v o r unserer letzten Währungsreform. De facto besteht aber ein Orientierungspunktwert von 3,5048 Cent, was de jure nach SGB V und Kartellrecht Pflichtenverletzung bzw. Absprachemissbrauch der öffentlich-rechtlichen GKV-Kassen wäre. Doch die KBV war aktuell nicht einmal in der Lage, ein hanebüchenes PROGNOS-Gutachten entschieden zurückzuweisen, obgleich ihr substanzielle Fehler und betriebswirtschaftliche Absurditäten wohl bekannt waren.

Andere, z. T. sehr vernünftige Interviewäußerungen will ich hier nicht kommentieren. Nur so viel: Wir kommen an abgestuften, primärärztlichen, morbiditätsorientierten Versorgungsstrukturen nicht vorbei. Alle vergleichbaren Gesundheitssysteme arbeiten mit "gate-keeper"-, Lotsen- und Steuerungsfunktion von präformiertem medizinischen Laienwissen, Prävention, Schulungen für betroffene Patienten, primären Haus- und Facharztkonsultationen über spezialärztliche Versorgung in Praxis, Klinik, Schwerpunkt-, Hochleistungs-, Universitäts- und Maximalmedizin.

D a f ü r, und für die jedes Jahrzehnt sich multiplizierende Morbidität, medizinisch-technisch und pharmazeutische Innovationen, Wissens- und Interventionsentwicklungen, Risiko- und Folgenabschätzungen m u s s es gerechtere und leistungsabbildende Kompensationen nicht nur für Ärztinnen und Ärzte geben.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM z. Zt. Kaprun/A
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[07.12.2012, 09:47:19]
Dr. Andreas Forster 
Was die KBV negiert:
neben allem anderen war der EBM mit den bestehenden Punktmengen auch kalkuliert um die Gewichtung der Fachgebiete zueinander abzubilden! Durch eine willkürliche und uneinheitliche Verminderung der Punktmenge gerät auch dieses Verhältnis aus den Fugen. zum Beitrag »
[07.12.2012, 08:04:39]
Dr. jens wasserberg 
Völlig absurde Argumentationslinie eines mathematischen Laien, Herr Köhler
Die Punktmenge anzusenken, um dann eine bessere Argumentation bezüglich der Unterbezahlung zu haben, ist so gänzlich unsinnig, dass man sich schon wundern kann. Der Punktwert von 5.11 Cent wurde im Hause der KBV 'kalkuliert' und bezog sich auf eine dezidierte Punktmenge. Wenn man nun diese Punktmenge drastisch reduziert, dann passt der vormals 'kalkulierte' Punktwert ja nun nicht mehr zu der verringerten Punktmenge.
Oder mal ins Deutsche übersetzt : Wenn die KBV kalkuliert hat, dass ein Hausbesuch mit 440 Punkten x 5.11 Cent = 22,48 € kostendeckend sein soll - was sicherlich schon unangemessen niedrig ist - so ist es rein mathmematisch völliger Blödsinn, dass eben dieser Hausbesuch nun mit 302 x 5.11 Cent = 15.42 € plötzlich wohl kalkiliert sein soll. Den Kassen dabei auch noch zu helfen, nun zu sagen :
Das ist ja so kalkuliert, zeigt eindeutig, dass die KBV sich wieder in die Phalanx GEGEN die Ärzteschaft eingereiht hat. Ärgerlich ist es, dass man die Ärzteschaft für so einfältig hält, dass man ihr jetzt nicht einmal die Grundrechenarten mehr zutraut ... zum Beitrag »

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