Samstag, 25. Oktober 2014
Ärzte Zeitung, 10.01.2013

Evaluation vorgelegt

Physiotherapeuten machen's besser

Weniger Schmerzen, mehr Lebensqualität, weniger Therapien. Die Auswertung eines Modellprojektes wird nicht jedem Arzt schmecken: Patienten geht es besser, wenn Physiotherapeuten sich von der Verordnung des Arztes lösen.

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Manuelle Medizin: In einem Modellprojekt für die Physiotherapie in Westfalen-Lippe darf substituiert werden.

© Mathias Ernert

KÖLN. Patienten profitieren, wenn Physiotherapeuten sich bei der Auswahl der adäquaten Therapie von der ärztlichen Verordnung lösen.

Dieses Fazit zieht der Bundesverband selbstständiger Physiotherapeuten - IFK aus der Zwischenauswertung zu einem Modellvorhaben des Verbands und der Kasse BIG direkt gesund.

Seit Juni 2011 können Physiotherapeuten in 40 Praxen in Westfalen-Lippe und Berlin bei Versicherten der BIG auf Basis der Anamnese und der Befunderhebung von der ärztlichen Verordnung abweichen und selbst Auswahl, Dauer und Frequenz der Behandlung bestimmen.

Das Projekt wird von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaft begleitet. Dabei werden die Behandlungsergebnisse der Modellgruppe mit einer Kontrollgruppe verglichen. Die Hochschule hat einen ersten Zwischenbericht vorgelegt.

In ihm haben die Wissenschaftler 59 Endbefunde ausgewertet - 32 aus der Modell- und 27 aus der Kontrollgruppe. Insgesamt sind in das Modellprojekt rund 200 Patienten eingeschlossen. Nach der ersten Trendanalyse gibt es bei beiden Gruppen eine hohe Behandlungszufriedenheit.

Bei den Teilnehmern der Modellgruppe ist die Schmerzreduktion aber größer und ihre gesundheitsbezogene Lebensqualität, ihr aktueller Gesundheitszustand und die Funktionen im Alltag haben sich stärker gebessert.

Verstetigung gewünscht

Bei fast allen Patienten sind die Therapeuten von der ärztlichen Verordnung abgewichen. In der Modellgruppe wurden mehr Patienten mit Allgemeiner Krankengymnastik und Manueller Therapie behandelt, die Zahl der Behandlungseinheiten war dabei deutlich geringer.

"Diese Unterschiede lassen auf ein zielgerichtetes Behandlungsregime der behandelnden Physiotherapeuten schließen", sagt IFK-Vorstandschefin Ute Repschläger.

Da dies Erfahrungen aus anderen Ländern entspricht, zeigt sie sich zuversichtlich, dass sich die Ergebnisse verstetigen. Die Begleitforschung umfasst auch die Untersuchung der Kosten in den beiden Behandlungsgruppen.

Hierfür liegen aber noch keine Zwischenergebnisse vor. Das Modellvorhaben soll 2014 abgeschlossen sein. Dann will sich der Verband für eine größere Autonomie der Berufsgruppe stark machen.

"Unser Ziel ist der Direktzugang der Patienten zum Physiotherapeuten", so Repschläger. Der Physiotherapeut sei der Bewegungsexperte. "Er weiß, welcher Patient mit welcher Methode am besten behandelt wird." (iss)

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Kein Kompetenzgerangel

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[11.01.2013, 22:28:33]
Dr. Elisabeth Schnell-Rath 
200 Patienten, 59 Endbefunde, Kontrollgruppe 27 Patienten?
der Aussage allgemein möchte ich nicht wiedersprechen,
aber ist eien Untersuchung an 200 Patienten, mit 50 Endbefunden, einer Kontrollgruppe von 27 Patienten wirklich eine Aussage ? zum Beitrag »
[11.01.2013, 09:23:54]
Dr. Jörg Albertus 
budget für physiotherapeuten allein
diese idee halte ich für gut. wir als verordner hätten eine sorge weniger... zum Beitrag »
[11.01.2013, 08:48:02]
Dr. Karlheinz Bayer 
über Kompetenz, Kompetenzüberschreitung und die Dummheiten des Heilmittelkatalogs

Die Therapeuten an der Basis - das bin ich als ärztlicher Manualtherapeut ebenso wie die Physiotherapeuten - stehen meist nicht in einem Kompetenzstreit. Über die Auswahl der kann man sich sehr ruhig auslassen, zum Gewinn auf beiden seiten, und zum Vorteil des Patienten.

Es gibt Probleme auf ganz anderen Themenfeldern. Um es deutlich zu machen, möchte ich ganz bewußt nicht am Beispiel der Physio-Therapiefreiheit festmachen. Das Ausufern und Abweichen ist doch leider auch bei den ärztlichen Kollegen Gang und Gäbe.

Wie oft kommt es denn vor, daß Patienten zu einem Facharzt geschickt werden mit einer gezielten Fragestellung, und das die dann diagnostisch ins Ausufern gebracht wird. Klassisches Beispiel ist die Überweisung zu einem Neurologen, um die Ursache eines Schwindels neurologisch abzuklären. Eigentlöich eine einfache Sache. Aber wie oft sieht sich der Neurologe dann gemüßigt, noch ein MRT anzufordern und hierzu eine Überweisung zum Radiologen auszustellen, oder gleich eine zweite zum Augenarzt, denn man kann ja nie wissen?

Für den Allgemeinarzt ist diese Ausweitung des Auftrags letztlich zwar egal, aber von einer geordneten und geführten Diagnostik kann dann nicht mehr die Rede sein. Und diese wilde Ausuferung müssen wir alle bezahlen mit rund 16 % Sozialabgaben und der höchsten Rate an pathologisch unbedeuteten MRTs in ganz Europa.

Kompetenz ist etwas feines.
Kompetenzüberschreitungen nicht.

Bei den physiotherapeutischen Behandlungen auf Rezept geht es doch garnicht darum, ob Moor statt Fango angewandt wird oder man welche Form der manuellen oider klassischen Therapie angesetzt wird. Im Grunde genommen kehren wir hier wieder zurück zu der alten Verordnungsweise auf ein simples Rezept, auf dem stand "10x KG wegen Abduktionsschwäche der rechten Schulter" (oder etwas ähnliches, aber immer " x-mal KG wegen...).

Der Heilmittelkatalog zwingt uns jetzt dazu, irgendwelche teils grotesk falsch formulierten Krankheitsbilder (z.B.WS2 - warum müssen Skoliosen und Kyphosen "korsettversorgt" sein) mit teils abstrusen Therapien verknüpfen zu müssen, bei denen sinnvolle Therapie-Kombinationen oft vollkommen ausgeschlossen sind, z.B. Massagen plus KG. Warum diese idiotische (sic!) Beschränkung auf 6 Anwendungen, begrenzte Folgerezepte und dann "Ausnahmen von der Regel", wo doch die Ausnahmen eigentlich die Regel sind.

Also, die Kompetenz soll man weder den verordnenden Ärzten noch den ausführenden Physiotherapeuten zuschreiben, sondern denn in absolut unkompetenten Verfassern des Heilmittelkatalogs.

Wie gesagt, im Routinefall sollten keine Probleme zwischen Arzt und Physiotherapeut auftreten, eher schon ein gemeinsames Kopfschütteln und die Bitte, daß sich hier etwas ändern möge. Allerdings bleibt trotzdem noch ein restproblem, bei dem ich stets sehr sauer reagiere. Das ist dann gegeben, wenn Rezepte komplett ignoriert werden und zu gänzlich anderen Therapien mißbraucht werden. Ich habe keinerlei Verständnis dafür, daß ein KG-Rezept z.B. mißbraucht wird, um dem Patienten Osteopathie einzureden. Ich reagiere sauer (und quittiere das mit eibnem Abbruch der Praxiverbundungh), wenn Rezepte über Physiotherapie in Saunagänge oder die Benutzung von Fitneßstudios umgemünzt werden.

Allerdings, auch hier geht die Kritik nicht allein an die Physiotherapeuten. Manche Fachärzte benutzen Überweisungen (zu Lasten der Krankenkasse!) leider in unverschämtem Ausmaß, um Patientzen mit IGeL-Leistungen zu überziehen, die nur noch das Abzocken im Auge haben. Aber ehrlich, ist das noch eine Frage der Kompetenz?

Dr.Karlheinz Bayer, Bad Peterstal

 zum Beitrag »
[11.01.2013, 06:26:14]
R. Mortag 
Direktzugang des Patienten zum Physiotherapeuten
... dann plädiere ich auch für den Direktzugang der Physiotherapeuten zum Budget. Spätestens dann, wenn von den durchgeführten 24 Behandlungen nur noch 16 bezahlt werden, wird sich die Zufriedenheit der Therapeuten und der Patienten schlagartig ändern zum Beitrag »

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