Die Therapeuten an der Basis - das bin ich als ärztlicher Manualtherapeut ebenso wie die Physiotherapeuten - stehen meist nicht in einem Kompetenzstreit. Über die Auswahl der kann man sich sehr ruhig auslassen, zum Gewinn auf beiden seiten, und zum Vorteil des Patienten.
Es gibt Probleme auf ganz anderen Themenfeldern. Um es deutlich zu machen, möchte ich ganz bewußt nicht am Beispiel der Physio-Therapiefreiheit festmachen. Das Ausufern und Abweichen ist doch leider auch bei den ärztlichen Kollegen Gang und Gäbe.
Wie oft kommt es denn vor, daß Patienten zu einem Facharzt geschickt werden mit einer gezielten Fragestellung, und das die dann diagnostisch ins Ausufern gebracht wird. Klassisches Beispiel ist die Überweisung zu einem Neurologen, um die Ursache eines Schwindels neurologisch abzuklären. Eigentlöich eine einfache Sache. Aber wie oft sieht sich der Neurologe dann gemüßigt, noch ein MRT anzufordern und hierzu eine Überweisung zum Radiologen auszustellen, oder gleich eine zweite zum Augenarzt, denn man kann ja nie wissen?
Für den Allgemeinarzt ist diese Ausweitung des Auftrags letztlich zwar egal, aber von einer geordneten und geführten Diagnostik kann dann nicht mehr die Rede sein. Und diese wilde Ausuferung müssen wir alle bezahlen mit rund 16 % Sozialabgaben und der höchsten Rate an pathologisch unbedeuteten MRTs in ganz Europa.
Kompetenz ist etwas feines.
Kompetenzüberschreitungen nicht.
Bei den physiotherapeutischen Behandlungen auf Rezept geht es doch garnicht darum, ob Moor statt Fango angewandt wird oder man welche Form der manuellen oider klassischen Therapie angesetzt wird. Im Grunde genommen kehren wir hier wieder zurück zu der alten Verordnungsweise auf ein simples Rezept, auf dem stand "10x KG wegen Abduktionsschwäche der rechten Schulter" (oder etwas ähnliches, aber immer " x-mal KG wegen...).
Der Heilmittelkatalog zwingt uns jetzt dazu, irgendwelche teils grotesk falsch formulierten Krankheitsbilder (z.B.WS2 - warum müssen Skoliosen und Kyphosen "korsettversorgt" sein) mit teils abstrusen Therapien verknüpfen zu müssen, bei denen sinnvolle Therapie-Kombinationen oft vollkommen ausgeschlossen sind, z.B. Massagen plus KG. Warum diese idiotische (sic!) Beschränkung auf 6 Anwendungen, begrenzte Folgerezepte und dann "Ausnahmen von der Regel", wo doch die Ausnahmen eigentlich die Regel sind.
Also, die Kompetenz soll man weder den verordnenden Ärzten noch den ausführenden Physiotherapeuten zuschreiben, sondern denn in absolut unkompetenten Verfassern des Heilmittelkatalogs.
Wie gesagt, im Routinefall sollten keine Probleme zwischen Arzt und Physiotherapeut auftreten, eher schon ein gemeinsames Kopfschütteln und die Bitte, daß sich hier etwas ändern möge. Allerdings bleibt trotzdem noch ein restproblem, bei dem ich stets sehr sauer reagiere. Das ist dann gegeben, wenn Rezepte komplett ignoriert werden und zu gänzlich anderen Therapien mißbraucht werden. Ich habe keinerlei Verständnis dafür, daß ein KG-Rezept z.B. mißbraucht wird, um dem Patienten Osteopathie einzureden. Ich reagiere sauer (und quittiere das mit eibnem Abbruch der Praxiverbundungh), wenn Rezepte über Physiotherapie in Saunagänge oder die Benutzung von Fitneßstudios umgemünzt werden.
Allerdings, auch hier geht die Kritik nicht allein an die Physiotherapeuten. Manche Fachärzte benutzen Überweisungen (zu Lasten der Krankenkasse!) leider in unverschämtem Ausmaß, um Patientzen mit IGeL-Leistungen zu überziehen, die nur noch das Abzocken im Auge haben. Aber ehrlich, ist das noch eine Frage der Kompetenz?
Dr.Karlheinz Bayer, Bad Peterstal
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