Ärzte Zeitung, 01.03.2013

Hamburg

"Fortbildungs-Protest" vergrätzt die Kassen

In der Hansestadt pflegen Ärzte ihre eigenen Protestformen. Am Mittwoch kamen rund 1600 Ärzte zur Fortbildung - und protestieren gegen das Verhalten der Kassen im Honorarkonflikt. Kassenvertreter halten den Protest für unverhältnismäßig.

Von Dirk Schnack

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Ärzte füllten am Mittwoch das Audimax in der Hamburger Universität. Anlass war eine Fortbildung zur Sprechstundenzeit.

© Schnack

HAMBURG. Mehr als 1600 Ärzte und Mitarbeiterinnen haben am Mittwoch für eine Fortbildung zur Sprechstundenzeit das Audimax der Hamburger Universität gefüllt.

Die KV sprach von einem deutlichen Signal an die Krankenkassen - und sieht sich darin bestärkt, solche Veranstaltungen wieder anzubieten. Die Kassen dagegen reagierten verschnupft.

"Normalerweise machen wir das abends und am Wochenende, aber hierfür haben wir wegen des enormen Arbeitsdrucks immer weniger Zeit und auch nicht den Kopf frei", begründete Dr. Michael Späth die ungewöhnliche Fortbildung zur Sprechstundenzeit.

Thematisch ging es um Notfallmedizin in der Praxis - was von den Ärzten mit hohem Interesse verfolgt wurde. Zugleich ging es aber auch um Protest gegen die Haltung der Krankenkassen, mit denen die KV im festgefahrenen Honorarkonflikt zu keinem Kompromiss findet.

Bei den Praxisinhabern und vielen Mitarbeitern kam die Aktion gut an. "Wir sind uns ausnahmsweise einmal einig", resümierte eine zufriedene Allgemeinmedizinerin Dr. Silke Lüder.

Die Ärzte seien nicht damit einverstanden, dass die Kassen die Beiträge der Versicherten in einem Sparstrumpf horteten und zugleich zu wenig Geld für die ambulante Versorgung bereitstellten.

73 Prozent der Leistungen bezahlt

Hausarzt Dr. Volker Lambert warnte vor einer weiteren Unterfinanzierung der hausärztlichen Tätigkeit - schon jetzt bekommt seine Fachgruppe nach Angaben Lamberts nur 73 Prozent der von Patienten angeforderten Leistungen von den Krankenkassen bezahlt.

"Wenn die Basis nicht ordentlich finanziert wird, wird es den Beruf bald nicht mehr geben", warnte Lambert.

Kinder- und Jugendarzt Dr. Stefan Renz wunderte sich über das mangelnde Bewusstsein in der Öffentlichkeit für den Wert einer qualitativ hochwertigen Versorgung.

Er appellierte an die Medien, dieses Bewusstsein zu schärfen - schließlich werde auch darüber informiert, dass preisgünstige Lebensmittel nicht die gewünschte Qualität haben können.

Die KV wird auch im März ihren Beitrag zur Information der Öffentlichkeit leisten. Für die Kampagne der KV über zu niedrige Honorare können sich Praxen neue Poster bestellen, diesmal mit einem Motiv zum Thema "Wenn aus Sprechstunden Sprechminuten werden".

Weitere Ideen für die Kampagne aus der ärztlichen Basis heraus sind nach Angaben von Dr. Stephan Hofmeister, stellvertretender Vorsitzender der KV-Vertreterversammlung, ausdrücklich erwünscht.

Die Krankenkassen kritisierten die Fortbildung zur Sprechstundenzeit scharf. Sie bezeichneten es als "absolut unangemessen", dass Vertragsärzte eine "Notlage heraufbeschwören und einen kräftigen Zuschlag aus dem Geldbeutel der Versicherten fordern."

"Deutliches Plus auch in der Krise"

Hamburgs Chefin des Ersatzkassenverbands vdek, Kathrin Herbst, seit Monaten Zielscheibe der KV-Kritik, zog in einer Mitteilung einen Vergleich zwischen der wirtschaftlichen Situation der Ärzte mit der der Gesamtbevölkerung.

"Selbst während einer der größten Wirtschaftskrisen in der Geschichte der Bundesrepublik, als viele Versicherte empfindliche Einbußen hinnehmen und um ihren Arbeitsplatz bangen mussten, konnten sich die Vertragsärzte in der Hansestadt über ein deutliches Plus bei der Vergütung und einen krisensicheren Arbeitsplatz freuen", sagte Herbst.

Sie verwies auf ein von den Kassen angebotenes Honorarplus von 25 Millionen Euro für 2013.

Auch andere Kassenvertreter zeigten sich über die KV verärgert. Matthias Mohrmann von der AOK Rheinland/Hamburg sagte: "Ins Persönliche gehende Angriffe, Forderungen im zweistelligen prozentualen Bereich und Protestaktionen zulasten der Versicherten helfen nicht weiter."

Dr. Dirk Janssen vom BKK Landesverband Nordwest verwies auf gelungene Kompromisse in anderen Bundesländern und forderte: "Dies sollte auch in Hamburg möglich sein."

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
KV in der Offensive

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