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Ärzte Zeitung, 15.04.2013

Dialyse-Pauschale gekappt

Nephrologen gehen auf die Barrikaden

Die Nierenärzte schlagen Alarm: Mit der vorgesehenen Absenkung der Sachkostenpauschale für Dialysen werde die Qualität der Versorgung Nierenkranker dramatisch sinken. Die Nephrologen sehen sich in einer Krisensituation und warnen vor "Discountmedizin".

Von Christoph Winnat

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Die Befürchtung: Wegen der gekürzten Pauschale werden Dialysepraxen künftig am Pflegepersonal sparen müssen.

© BVMed

WIESBADEN. Dass sich mehrere Verbände rund um die Dialyse zu einer konzertierten Aktion zusammenfinden, das gab es nach Aussage von Professor Reinhard Brunkhorst, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie (DGfN) noch nie.

Anlässlich des Internistenkongresses beschworen sie am Montag in Wiesbaden die Folgen des kürzlich getroffenen Honorarbeschlusses. Mit im Boot sind außer der DGfN der Verband Deutsche Nierenzentren (DN), die Bundesarbeitsgemeinschaft nephrologische Pflege (BANP) sowie die Selbsthilfeorganisation Bundesverband Niere.

Bisher gab es für die wöchentliche Dialysebehandlung eines Erwachsenen eine Sachkostenpauschale von durchschnittlich 520 Euro. Das soll sämtliche Kosten für Verbrauchsmaterialien, Energie und Entsorgung, anteilige Investitionen sowie das Pflegepersonal abdecken.

Gekürzt und abgestaffelt

Die Neuregelung beinhaltet eine Kürzung der Pauschale und gleichzeitig eine mengenbezogene Abstaffelung auf vier Preisstufen. In Preisstufe 1 beträgt die Absenkung rund sieben Prozent (auf 485,80 Euro).

In der niedrigsten Preisstufe 4 - ab 1951 abgerechneten Behandlungswochen pro Quartal - beträgt die Pauschale 398,00 Euro; das ist eine Kappung um 23 Prozent. Insgesamt werde die Pauschale damit um etwa 100 Millionen Euro jährlich gesenkt, rechnet der DN vor.

In einem zweiten Schritt sollen diese Pauschalen ab 2015 erneut gekürzt und auf diese Weise noch einmal 80 Millionen Euro eingespart werden.

Je nach Zentrumsgröße werden die Dialysepraxen also unterschiedlich stark zur Kasse gebeten. Durch eine gleichzeitige Verbesserung der Erstattungssätze für ärztliche Leistungen bei der Betreuung Nierenkranker wird zwar ein Teil der Einbußen - rund 20 Millionen Euro - kompensiert.

Für die Nephrologen ist das jedoch nur ein schwacher Trost: DGfN-Präsident Brunkhorst spricht von einer "Krisensituation" und drohender "Discountmedizin".

Welche wirtschaftlichen Konsequenzen genau die Kürzung der Wochenpauschale hat, kann Brunkhorst nicht abschätzen. Allerdings liege es auf der Hand, dass künftig am Pflegepersonal oder der Dialysedauer gespart werden müsse und die Risiken für die Patienten dadurch zunähmen, sagt er.

"Leistungen werden reduziert, Innovationen und Investitionen werden nicht mehr finanzierbar sein", ergänzt DN-Vorstandschef Dr. Michael Daschner.

Den Minister angeschrieben

Der KBV wirft Brunkhorst vor, "eine Neiddebatte angezettelt" zu haben. Die KBV habe sich eine kleine Facharztgruppe herausgegriffen, "die relativ teuer ist" und nehme nun auf deren Kosten "eine Umverteilung vor".

Basis der Preissenkung war eine Berechnung des Statistischen Bundesamtes von 2007, derzufolge Nephrologen, die Dialysen erbringen, je nach Praxisgröße Überschüsse zwischen 221.000 und 576.000 Euro erzielen.

Unterdessen konzediert das Bundesamt in einem Schreiben an DN-Geschäftsführer Dr. Helmut Blume die Ungenauigkeit seiner Zahlen zu den nephrologischen Praxen. Von einer Veröffentlichung dieser Zahlen würde das Amt daher absehen, heißt es. An der Kürzung der Wochenpauschale ändert das nichts.

Man habe Gesundheitsminister Bahr angeschrieben und die Lage erörtert. Große Hoffnungen, der Minister würde den Beschluss, eine Vereinbarung zwischen KBV und GKV-Spitzenverband, korrigieren, hegt Brunkhorst aber nicht.

Angesprochen auf den Protest der Nephrologen ließ die KBV verlauten, bei jährlichen Gesamtausgaben für Dialyse von zwei Milliarden Euro seien vier Prozent weniger - 80 Millionen Euro saldiert gegen die Aufwertung der ärztlichen Leistungen - nicht so dramatisch.

Auch die auf Anfang 2015 terminierte zweite Kürzung der Sachkostenpauschale sei keineswegs schon definitiv. Vielmehr werde man die Umsetzung dieses Beschlusses von einer genauen Prüfung abhängig machen, ob Dialyse-Praxen dadurch existenziell gefährdet sind.

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