Ärzte Zeitung, 10.06.2013

Streit im Weserland

Notärzte für die Leichenschau

Schon wieder gibt es Ärger im Weserland mit dem Notdienst. Statt Ärzte aus dem Bereitschaftsdienst zur Leichenschau zu schicken, beschäftigt der Landkreis Verden damit seine Rettungsdienste - unhaltbar, wie viele finden.

Von christian beneker

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Wartet dieses Mal wirklich ein Notfall?

© Mathias Ernert

VERDEN. Hausärzte der Region Verden südlich von Bremen reiben sich verwundert die Augen: Immer seltener müssen die Kolleginnen und Kollegen im Bereitschaftsdienst nachts ausrücken, um Totenscheine auszustellen. Stirbt niemand mehr?

Tatsächlich stellen im Bereich des Notdienstringes immer häufiger die Notärzte den Totenschein aus, vor allem in Pflegeheimen, so der Eindruck vieler Niedergelassener.

Die Notärzte werden von der Leitstelle Verden alarmiert, weil Pflegeheim-Nachtschwestern ihr "Patienten ohne Vitalzeichen" melden. Zwar rufen die Pflegeheime den KV-Dienst an, haben aber nachts und am Wochenende im Landkreis Verden die Leitstelle am Telefon, die dann weitervermittelt.

In einem Schreiben des Landkreises Verden an die Leitstelle vom 25. April heißt es zu vermutlichen Todesfällen, also "Patienten ohne Vitalfunktionen": "Zu Patienten, denen die Vitalfunktionen fehlen, ist unverzüglich ein Arzt, im Zweifelsfalle der Notarzt (ggf. ohne Rettungswagen) zu entsenden, sofern nicht ohnehin ein Arzt vor Ort ist." Dabei sind Notärzte für Notfälle zuständig und nicht für Totenscheine.

"Normalerweise weiß man ja bei Patienten ohne Vitalzeichen: Der Patient ist tot", so eine Hausärztin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. "Die Nachtschwester spricht ja nur deshalb von fehlenden Vitalzeichen, weil sie selbst den Tod des Pflegepatienten nicht feststellen darf. Das darf nur ein Arzt oder eine Ärztin."

Dies wissend, alarmiert die Leitstelle bei "ohne Vitalfunktionen" trotzdem nicht den diensthabenden Kollegen im Bereitschaftsdienst, sondern oft den Rettungswagen plus Notarzt.

Absurde Situation

"Wir sind schon mit Blaulicht und Martinshorn zu Pflegeheimen gejagt, um dann mit dem Rettungskoffer in der Hand direkt in die Gedenkfeier für den Verstorbenen zu platzen", empört sich ein Rettungssanitäter, "das geht doch so nicht!"

Außerdem werde der palliativmedizinische Ansatz der Hausärzte durch das Erscheinen des Notarztes "ad absurdum geführt". "Wir sind ja nicht der Hausarzt und kennen den Patienten nicht und müssen die Polizei rufen, wenn die Todesursache unklar ist. Dann haben die Heime und die Angehörigen auch noch die Tatortgruppe der Polizei im Sterbezimmer!"

Beim Landkreis Verden hieß es, die schriftliche Anweisung sei "zur rechtlichen Klarstellung" ergangen, so Gerd Depke vom Fachdienst Ordnung und Verkehr, "die Leichenschau muss laut Bestattungsgesetz unverzüglich geschehen."

Ob Notärzte seither mehr Totenscheine ausgefüllt haben, weiß Depke nicht. Die entsprechenden Zahlen "würden sich nur unter erheblichem Aufwand ermitteln lassen".

Bei der KV-Bezirksstelle Verden ist der Ärger bekannt. "Wir sind da dran", sagt Stefan Grefe, zuständig für den Bereitschaftsdienst. "Wir haben ja nichts gegen eine ruhige Nacht", erklärt ein Hausarzt der Region, "aber hier wird wirklich Geld verschwendet.

Außerdem könnte ein Rettungswagen gerade dann für einen Notfall gebraucht werden, wenn er zu einem Toten unterwegs ist." Im Übrigen legen die Kassen pro Rettungs- und Notarzt-Einsatz bis zu 1000 Euro auf den Tisch. Ein Arzt im Bereitschaftsdienst tut das Gleiche für 100 Euro.

"Die Situation ist absurd", sagt Dr. Reinhold Merbs vom Bundesverband der Ärztlichen Leiter Rettungsdienst Deutschland (ÄLRD), "In Altenheimen sterben die Menschen nicht überraschend. Die Schwestern der Heime müssen am Telefon klar rüberbringen dürfen, was geschehen ist."

[19.06.2013, 17:50:50]
Jürgen Wolf 
Notärzte / Leichenschau
Herr Beneker, Theologe und Coach im Gesundheitswesen, beschreibt eine seit langem alltägliche Situation. Dies ist lobenswert, muss sie doch immer wieder reflektiert werden. Aber der Tenor, den ich u.a. erkenne, ist doch der, dass die Notärzte einerseits den niedergelassenen Kollegen das Brot wegschnappen und andererseits für andere Notfälle nicht zur Verfügung stehen. Ich erlaube mir die Empfehlung, doch mal ein Wochenende am Rettungsdienst teilzunehmen, gerade jetzt in der trocken- oder schwülwarmen Jahreszeit. Erstens sind in vielen Alteneinrichtungen die Bewohner unterversorgt und zweitens sind die allerwenigsten Notdienstkollegen willig, die zum Teil langen Strecken von der Notfallpraxis zum Patienten auf sich zu nehmen. Die medizinische, oft auch menschliche Kompetenz von Pflegeheimmitarbeitern läßt zu wünschen übrig. In solch "leblosen" Fällen ist meine erste Maßnahme rasch eine Infusion anzulegen und zügig zu infundieren. Die Folge? Der leblose, nicht anprechbare Patient mit zusammenklebenden Schleimhäuten ist bereits beim Einladen in den RTW wieder ansprechbar und meist auch symptomlos orientiert. Dies geschieht nicht nur lokal in nur einem oder zwei Einrichtungen, dies erlebe ich in vielen Einrichtungen in drei verschiedenen Landkreisen.
Und de jure: Woher nimmt die zitierte, ungenannt bleibenden Hausärztin die Gewissheit, woran die auch langjährig betreuten Patienten letztlich gestorben sind? Alles nur sicher naheliegende Mutmaßungen, aber nicht umsonst hat der Gesetzgeber den aufwändigen Papierkrieg vorgesehn. Welcher Kollege kennt die meisten Indizien, die auf eine unnatürliche Todesart hinweisen? Welcher Kollege entkleidet denn wirklich einen Verstorbenen und betrachtet ihn von allen Seiten?
Auch sollten doch Kollegen überlegen, ob sie den kachektischen Tumorpatienten im Finalstadium nicht eher zu Hause zum Tod betreuen anstatt ihn mit Notarzt zum x-ten Mal in die Klinik einzuweisen. Letzteres erwähne ich, da das tatsächliche Retten zahlenmäßig stark in den Hintergrund getreten ist, sondern ich empfinde meine Rettungseinsätze zu einem Großteil als Sozialpsychiatrischen Dienst oder Vertretungsdienst für den kassenärztlichen Notdienst. Das könnte ich auch mit Zahlen belegen, falls ein großes Aufheulen zu hören ist...

Wenn ich hier mit dem Finger zu zeigen scheine, so vor allem auf Entscheidungsträger und Politiker. Die übrigen Genannten können sich oft arbeitsbedingt nur wenig den vielen alltäglichen Absurditäten entziehen. zum Beitrag »
[11.06.2013, 09:08:04]
Camel Hunter 
Das Zubrot in Zahlen
Ziffer 100 GOÄ (Leichenschau) 250 Punkte bei 3,5 fachem Satz = 51,00 €. Mehr ist nicht berechenbar, auch kein Hausbesuch, der setzt nämlich eine Beratung voraus und einen Toten kann man nicht beraten! Evtl. erst beraten und dann den Tod feststellen, das wäre gebührenrechtlich legitim! Pauschale Gebühren sind, wie immer, grundsätzlich unzulässig (§10 GOÄ (1),4) und stellen ggf. sogar den Tatbestand des Abrechnungsbetruges dar! Das war's, mehr ist auf legalem Wege nicht drin!  zum Beitrag »
[11.06.2013, 01:32:42]
Dr. Gregor Heitlage 
Totenscheine
Ist doch ein Zubrot zum sonstigen Geld.... Wieviel das wohl sein mag? zum Beitrag »
[10.06.2013, 16:23:03]
Jörg Dähn 
Da ist die Lösung doch klar:
DIe Rettungsdienste rufen immer schön konsequent die Polizei und dann wird sich nach ein bis zwei Monaten der Spuk erledigt haben. Die Polizei wird sch schon bei den zuständigen Stellen beschweren . . .  zum Beitrag »
[10.06.2013, 15:49:31]
Camel Hunter 
Absurde Situation oder einfach nur absurde Vorgaben?
Bis heute gilt bei nichtärztlichem Personal, egal ob Rettungsdienstpersonal oder Pflegepersonal in Pflegeinstitutionen, in jedem Fall beim Antreffen eines leblosen Körpers, entsprechende Reanimationsmaßnahmen einzuleiten! Nur bei sicheren Todeszeichen darf eine Reanimation unterbleiben. Ebenso bei vorliegenden Verletzungen, die mit dem Leben nicht mehr vereinbar sind. Was jedoch sind sichere Todeszeichen? Und liegen solche bei verstorbenen, bspw. im Altenheim, immer vor? Üblicherweise werden die Verstorbenen gerade dort durch das Personal während der „Runden“ relativ schnell entdeckt. Oftmals sind die Körper sogar noch warm, da sie z. B. im Bett gestorben sind und zugedeckt waren. Auch ein Rigor ist meist noch nicht ausgebildet. Wie dem auch sei, bereits beim geringsten Zweifel am unwiderruflichen Tod des Patienten, muss immer mit der Reanimation begonnen werden. Darauf wurde und wird jeder „Rettungsdienstler“ von Anfang an „gebürstet“! Streng genommen macht sich bereits die Pflegekraft nach § 323c StGB strafbar, wenn sie eine leblose Person der RLS meldet, ohne aber selber entsprechende Maßnahmen einzuleiten! Diese, von der Pflegefachkraft eingeleiteten und vom Rettungsdienst fortgesetzten Maßnahmen, dürfen dann auch nur von einem (Not-) Arzt abgebrochen werden!
? siehe auch Todesfeststellung im Rettungsdienst: „...hierunter ist der irreversible Ausfall sämtlicher Hirnfunktionen zu verstehen. Dieser darf grundsätzlich nur von einem Arzt festgestellt werden...“.
Quelle: Nüßen, Recht im RD
Obwohl die Leichenschau in Deutschland laut Gesetz eine nicht delegierbare, rein ärztliche Tätigkeit ist, sind Kenntnisse auf dem Gebiet der Todesfeststellung auch für nichtärztliches Personal im Rettungswesen unerlässlich. Dieser Auffassung schließe auch ich mich an. Es ist i.d.R. absurd, zu einer „Reanimation“ in ein Altenheim alarmiert zu werden. Sicher mag es auch hier Ausnahmen geben, aber üblicherweise ist das nun einmal der Lauf der Dinge, dass Leben eben "endlich" ist, dem wir Menschen uns halt nicht verschließen können! Auch für den Rettungsdienst ist es frustran, Wiederbelebungsmaßnahmen bei hochbetagten Menschen einzuleiten, die bereits den „Spätherbst des Lebens“ deutlich überschritten haben. Ein „menschenwürdiges Ende“ sollte immer selbstverständlich sein. Eine erfolglose Reanimation, soz. als letztes "Geschenk" des deutschen Gesundheitswesens, macht aber gerade dem Ende in Würde oft einen Strich durch die Rechnung!
Umso verwunderlicher ist allerdings, dass es seitens der ÄLRD hierzu, meines Wissens nach nirgendwo in Deutschland, ich lasse mich aber gerne eines Besseren belehren, überhaupt keine klaren Stellungnahmen bzw. Anweisungen gibt, sondern die bestehende, sicherlich unsägliche Situation, von dieser Seite (ÄLRD) sogar selber noch als „absurd“ bezeichnet wird, ohne hier Lösungen herbeizuführen, die im Praxisalltag auch praktikabel wären! Wer sonst, wenn nicht die ÄLRD, hätten denn die Möglichkeit, hier einmal die Stimme zu erheben? Abschließend sei noch gesagt, dass ich jeden Leitstellendisponenten absolut verstehe, der bei der Meldung „leblose Person“, ganz gleich ob in einer Eckkneipe oder einem Seniorenheim, die komplette „Kavallerie“ alarmiert. Denn schließlich wird ihm genau das von seinem Einsatzleitrechner vorgeschlagen, wenn das Programm die Alarmindikation eingetippt bekommt. Das alles aber geschieht ja mit Kenntnis und Billigung der ÄLRD! Kein Disponent möchte sich im Zweifel vor genau diesen Damen & Herren rechtfertigen müssen, wenn er fallbezogen einmal eine andere (einsame) Entscheidung trifft! Das gleiche gilt auch für die ersteintreffenden Rettungsassistenten. Und bei Stundenlöhnen von z. T gerade mal 8,00 € im RD, tut sich diesen Ärger im Zweifelsfall sowieso keiner an! Bloß keinen Stress, dafür wird man nun wirklich nicht bezahlt...! Und auch die Schwester wird, zumindest bei fortbestehender rechtlicher Lage, „den Teufel tun“ und über den (grundsätzlich immer aufgezeichneten!) Notruf eigenmächtig den Tod des Patienten übermitteln! Hier wird mal wieder versucht, ohne wasserdichte juristische Grundlage, Entscheidungen, die u. U. eines „breiten Kreuzes“ bedürfen, auf die schmalsten Schultern und die buckligsten Rücken im System „abzuladen“! Primär sind aber erst einmal andere (z. B. die ÄLRD) „in der Pflicht“, für nachhaltige Verbesserung und somit auch für Rechtssicherheit zu sorgen.
Anm. des Verfassers: Das sich unter solchen Umständen allerdings der notärztliche Kollege die Ziffer 100 GOÄ (verständlicherweise!) nicht entgehen lässt, wenn er denn schon mal da ist, liegt ja wohl auch in der Natur der Sache....!
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