Ärzte Zeitung, 28.02.2014

Leitartikel zur KBV-VV

Die Baustellen für den Neuen

Ohne Gegenkandidat geht Dr. Andreas Gassen am heutigen Freitag in die Wahl für den neuen KBV-Chef. Seine erste Aufgabe: Er muss eine produktive Arbeitsatmosphäre im Vorstand herstellen.

Von Helmut Laschet

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In der Berliner KBV-Zentrale wird am Freitag über die Nachfolge von Dr. Andreas Köhler entschieden.

© vdb

Am heutigen Freitag wird die Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung einen neuen Vorstandsvorsitzenden wählen. Einziger Kandidat ist der bisherige stellvertretende Vorsitzende der Vertreterversammlung, der Orthopäde und Unfallchirurg Dr. Andreas Gassen aus Düsseldorf.

Nominiert ist er von den fachärztlichen Vertretern der VV. Da es Usus ist, dass die hausärztlichen Vertreter diesen Vorschlag respektieren, kann davon ausgegangen werden, dass die Wahl Gassens sicher ist.

Der neuen Mann an der Spitze der KBV tritt ein schwieriges Amt an, und zwar unter verschiedenen Aspekten. Er muss ein Arrangement für die Zusammenarbeit mit seiner Vorstandskollegin Regina Feldmann finden. Eben dieses Arrangement ist in den vergangenen zwei Jahren in der Kombination Köhler/Feldmann nicht gelungen.

Die Demission von Andreas Köhler hat sicherlich einen triftigen persönlichen Grund: seine schwere Erkrankung, aufgrund derer er zu der Überzeugung gelangt ist, die Pflichten seines Amtes nicht mehr voll ausüben zu können.

Zur Belastung eines Amtes zählt aber auch die psychische Komponente - und so mag das Zerwürfnis zwischen Köhler und Feldmann, das von Mitgliedern der KBV-Vertreterversammlung als unheilbar vergiftetes Klima im Vorstand beschrieben wurde, letztlich den Ausschlag gegeben haben, den KBV-Chefposten aufzugeben.

Die sachlichen und persönlichen Differenzen kennt Andreas Gassen in seiner bisherigen Eigenschaft als stellvertretender Vorsitzender der Vertreterversammlung aus eigener Anschauung.

Er selbst wird am besten beurteilen können, ob er mit Regina Feldmann zu einer gedeihlichen Zusammenarbeit wird kommen können. Eine Perpetuierung der Hahnenkämpfe kann sich die KBV-Spitze nicht leisten.

Sektionierung: ein Konzept von gestern

Eines hat Gassen bereits deutlich gemacht, und dafür weiß er die Mehrheit der Vertreterversammlung hinter sich: Er sieht die KBV als Einheit, die die Gesamtinteressen aller Ärzte vertritt.

Das ist eine klare Absage an Sektionierungsbestrebungen aus dem hausärztlichen Lager. Ein entsprechender Antrag Feldmanns zur Satzungsänderung der KBV war Anfang November mit Pauken und Trompeten durchgefallen.

Einen sachlichen Grund, die wichtigsten Gremien der KBV und der KVen zu sektionieren, gibt es ohnehin nicht. Seit der Trennung der Gesamtvergütungen von Haus- und Fachärzten sind die "geldpolitischen Claims" abgesteckt und befriedet.

Und im Vergleich zu anderen Arztgruppen haben Hausärzte inzwischen keinen Grund mehr, über die Höhe ihres Honorars zu klagen. Haus- und Fachärzte liegen hier auf Augenhöhe. Es sind eher einige Facharztgruppen wie etwa Neurologen und Psychiater, die ernsten Grund zur Klage hätten, weil sie ökonomisch von Auszehrung bedroht sind.

Noch ein anderer Grund kommt hinzu: Ärzte müssen, anders als früher, keine Furcht mehr vor Arbeitsteilung haben. Das Feindflug-Argument sticht nicht mehr. Notwendig ist hingegen der Ausbau kooperativer und interdisziplinärer Versorgungsstrukturen. Altes Ständedenken ist dabei ein Hemmnis. Dies könnte auch der eine oder andere Hausarzt-Funktionär lernen.

Andreas Gassen wird hier Überzeugungsarbeit leisten und dabei diplomatisches Geschick zeigen müssen. Schon dies wird eine große Herausforderung sein.

Kein Störfeuer aus der Politik

Eine gewisse Erleichterung stellen die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen dar. Krankenkassen und Gesundheitsfonds verfügen über beachtlichen Finanzreserven. Erstmals starten eine Bundesregierung und ein neuer Bundesgesundheitsminister, ohne zu Notoperationen gezwungen zu sein.

Die KBV muss keine Abwehrschlachten schlagen. Kurzfristig stehen auch keine komplexen, für die Vertragsärzte relevanten Gesundheitsreformen an, bei denen - wie dies beim Wettbewerbsstärkungsgesetz notwendig war - der Gestaltungswille und das Verhandlungsgeschick der KBV-Führung entscheidend für den Erfolg ist.

Insofern hat Andreas Gassen etwas Luft, sich in sein Amt einzuarbeiten. Anders als sein Vorgänger Köhler, der mit seiner betriebswirtschaftlichen Vorbildung und seiner beruflichen Sozialisation im KV-System ein geborener Profi war, wird Gassen sich weit mehr auf die Kompetenz seiner Mitarbeiter abstützen müssen.

Andreas Köhler, von dem man meinen darf, dass er selbst alles am besten könne, war gerade wegen seiner Kompetenz und Brillanz ein schwieriger Chef. Das dürfte bei Gassen anders sein: Er bedarf der kompetenten Assistenz.

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