Ärzte Zeitung App, 28.05.2014

Gastbeitrag

Am Facharzt für Schmerzmedizin führt kein Weg vorbei

Der Ärztetag rückt die Probleme von Millionen Menschen in den Fokus: Immer mehr chronische Schmerzpatienten gibt es in Deutschland - doch die Versorgungslage ist nach wie vor schlecht. Es besteht dringend Handlungsbedarf.

Von Gerhard Müller-Schwefe

Am Facharzt für Schmerzmedizin führt kein Weg vorbei

Häufiges Bild in der Schmerztherapie: Der Arzt gibt der Patientin eine Injektion.

© Klaus Rose

In Deutschland gibt es etwa 15 bis 17 Millionen Patienten, die unter chronischen Schmerzen leiden. Etwa zehn Prozent davon leiden sogar unter schweren, hochproblematischen Schmerzen. Ich freue mich, dass der Deutsche Ärztetag in Düsseldorf in diesem Jahr die Probleme dieser Patienten mit einem eigenen Tagesordnungspunkt in den Fokus rückt.

Um die Versorgung dieser Patienten sicherzustellen, wird eigentlich eine solide Bedarfsplanung benötigt. Die allerdings gibt es bisher nicht, und das hat gravierende Folgen. Die ganze Bedarfsplanung unseres Versorgungssystems orientiert sich an Fachgebieten, nicht an Zusatzbezeichnungen.

Weil Schmerzmedizin eine Zusatzbezeichnung ist, gibt es hier keine Bedarfsplanung. Und damit gibt es auch keine Sicherstellung und keine Gewährleistung, wenn es um Kontinuität in der Betreuung geht.

Um ein Beispiel zu nennen: Beendet ein niedergelassener Allgemeinarzt, der nur Schmerzmedizin angeboten hat, seine berufliche Tätigkeit als Vertragsarzt und findet keinen allgemeinmedizinischen Nachfolger mit Schmerzqualifikation, dann ist es vorbei mit der Schmerztherapie in dieser Praxis.

Von einem Tag zum anderen verlieren dann 400 oder noch mehr Patienten mit chronischen Schmerzen ihren Ansprechpartner - eine vollkommen untragbare Situation.

Bedarf leicht zu berechnen

Der Bedarf an Schmerzmedizinern ist im Grunde relativ einfach zu berechnen. Die Prävalenz chronischer Schmerzen liegt in Deutschland bei 17 bis 23 Prozent, etwa 10 Prozent entfallen auf problematische Patienten. Geht man davon aus, dass ein Schmerzmediziner maximal 300 Patienten pro Quartal versorgt, bräuchten wir einen Schmerzmediziner pro 15 000 Einwohner.

Die Zahl chronischer Schmerzpatienten steigt, und die Versorgungslage ist nach wie vor schlecht. Derzeit ist nicht einmal ein Drittel des Bedarfs gedeckt.

Die Patienten müssen oft wochen- und monatelang auf einen Termin warten, und auch dann ist völlig unklar, ob die Struktur, in der sie schließlich Kontakt mit einem Schmerztherapeuten finden, so qualifiziert ist, dass ihr Problem dort gelöst werden kann.

Der Schmerz ist traditionell ein Gebiet, auf das sich Ärzte vieler verschiedener Fachgebiete stürzen. Immer wieder sind Fachgebietsrangeleien zu beobachten, insbesondere die Anästhesisten halten den Schmerz für ihre Domäne. Eine eindimensionale, fachgebietsbezogene Schmerztherapie, selbst wenn sie multimodal aufgesetzt wird, hilft aber nicht weiter.

Multimodales Setting ist heute das Zauberwort für alles, aber selbst wenn der Patient von drei oder vier Fachdisziplinen angesehen wird, dann aber die Ärzte untereinander nicht kommunizieren, ist das alles für die Katz. Die Zusammenarbeit und der Absprachebedarf mit anderen Disziplinen ist bei diesem Modell derart zeitaufwendig, dass keine zielführende Versorgung in der Breite entstehen kann.

Ich bin mir sicher, dass es beim Deutschen Ärztetag einen Konsens geben wird: Versorgung für Schmerzpatienten muss verbessert werden, alle Anstrengungen müssen unternommen werden für eine bessere Aus- und Weiterbildung. Aber das allein wird nicht ausreichen. Es geht ganz einfach darum, die Versorgungsstrukturen an den Bedürfnissen der Patienten zu orientieren. Ich fürchte, hier sind weiter die Fachgebietsinteressen wichtiger als der tatsächliche Versorgungsbedarf.

Chronische Schmerzen sind eigenständige Erkrankung

Unsere Schmerzpatienten brauchen Kompetenz auf allen Fachgebieten. Mittelfristig muss deshalb der Facharzt für Schmerzmedizin kommen. Chronische Schmerzen müssen endlich als eigenständige Erkrankung diagnostiziert und therapiert werden.

Schmerzpatienten, die in den abgestuften Versorgungsstrukturen vom Hausarzt über den Facharzt auch mit fachgebietsbezogener spezieller Schmerztherapie nicht ausreichend behandelt werden können, sollten die Klientel des Facharztes für Schmerzmedizin sein - mit einem klaren, eindeutigen Zugangsmanagement.

Aktuell tendiert der Deutsche Ärztetag dazu, die Anzahl der Facharztbezeichnungen zu reduzieren und zusammenzulegen. Und dazu kommt die - aus meiner Sicht unbegründete - Sorge, dass einzelnen Fachgebieten Versorgungsbereiche weggenommen werden könnten.

Ich bin deshalb überzeugt, dass wir auch politische Hilfe benötigen. Als Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin habe ich in einem offenen Brief an Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) die Versorgungsprobleme klar formuliert: der Facharzt für Schmerzmedizin muss kommen - daran führt kein Weg vorbei.

Zur Person: Dr. Gerhard H.H. Müller-Schwefe ist seit 1997 Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie (DGS). Seine Anerkennung als Facharzt für Anästhesiologie erwarb er 1984, drei Jahre später erhielt er die Anerkennung für die Zusatzqualifikation „Spezielle Schmerztherapie“.2010 wurde ihm der Bundesverdienstorden verliehen. Der Bundespräsident würdigte seinen langjährigen Einsatz im Bereich der Schmerztherapie und Palliativmedizin.

[28.05.2014, 17:37:02]
Dieter Döring 
Am Facharzt für Schmerzmedizin führt kein Weg vorbei
Es geht hier lediglich darum, dass wieder eine neue Disziplin generiert wird, deren Abrechnung wieder einige teure Kurse, wo medizinisches Basiswissen in langatmiger Form wiederholt wird, erfordert.
Die Versorgung der Schmerzpatienten ist bei den Hausärzten gar nicht so schlecht, man sollte sie nur besser honorieren. zum Beitrag »

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