Ärzte Zeitung, 04.03.2015

"Ärzte Zeitungs"-Leser

Offen für eine Krankmeldungs-Reform

Soll das System der Krankmeldung in Deutschland reformiert werden? Ja, sagt Hartmannbund-Chef Reinhardt und nein der BVNF-Vorsitzende Bärtl in unserem Pro und Contra. Auch die "Ärzte Zeitungs"-Leser sind sich uneins, wie ein Voting ergab.

Von Jana Kötter

Offen für eine Krankmeldungs-Reform

NEU-ISENBURG. Die Grippewelle rollt über das Land, vielerorts sind die Wartezimmer der hausärztlichen Praxen seit Wochen überfüllt. Ein häufig geäußerter Wunsch des Patienten: die Krankmeldung.

Der Vorstoß von Forschern der Universität Magdeburg, die Frist für die eigenständige Krankmeldung von Beschäftigten nach norwegischem Beispiel auszudehnen fiel daher auf fruchtbaren Boden - und entfachte sogleich eine Debatte zur Krankschreibung hierzulande.

Doch wie stehen die Leser der "Ärzte Zeitung" zu der Problematik? Könnte eine Reform der AU-Regelung tatsächlich helfen, die im europäischen Vergleich überdurchschnittlich hohe Zahl von fast 18 Arzt-Patienten-Kontakten pro Jahr zu senken?

Tatsächlich sprachen sich mehr als 50 Prozent der 507 Teilnehmer einer Online-Umfrage der "Ärzte Zeitung" für eine Ausweitung der gesetzlichen Fristen für eine Krankmeldung aus.

25,25 Prozent würden die Möglichkeit einer eigenmächtigen Krankmeldung über maximal fünf Tage befürworten, 25,44 Prozent stimmten sogar für eine AU-Regelung nach dem Vorbild Norwegens. Hier dürfen Arbeitnehmer in der Regel bis zu sieben Tage ohne Attest fernbleiben.

"Das würde auch bedeuten, dass Patienten öfter rechtzeitig zu Hause bleiben", sagt Dr. Udo Saueressig. Der Mediziner aus Lobbach (Baden-Württemberg) befürwortet eine Ausdehnung der Frist auf fünf Tage.

"Die Ärzte hätten auch mehr Zeit, sich besser um die Patienten zu bemühen, wenn sie nicht zu Bürogehilfen degradiert würden fürs ewige Krankschreiben", sagte er der "Ärzte Zeitung".

"Um Missbrauch zu verhindern", schlägt Dr. Wolfgang Schuck, Allgemeinmediziner und Psychotherapeut, vor, "sollten in Tarifverträgen Spielregeln aufgestellt werden. Wer die Tage nicht oder nur teilweise nutzt, sollte einen Bonus - beispielsweise Urlaubstage oder Geld - bekommen. Der Ehrliche wird so belohnt, und wer wirklich krank ist, kann es verkraften, wenn er keinen Bonus bekommt. Diese Eigenverantwortung ist zumutbar und gerecht".

Reformgegner verweisen auf medizinische Bedenken

Ob eine solche Reform jedoch tatsächlich helfen könnte, die Zahl der Arzt-Patient-Kontakte zu senken, daran meldeten viele Leser Zweifel an: 19,92 Prozent der Befragten antworteten, dass solch eine Reform eben nicht helfen könnte, das eigentliche Problem zu lösen.

Ebenso viele, also 101 Teilnehmer, meinten, dass sich das System bewährt habe und daher nicht geändert werden sollte.

9,47 Prozent der Befragten sprachen sich sogar dafür aus, dass eine Krankmeldung ab dem ersten Fehltag, wie sie Arbeitgeber ja bereits einfordern können, Pflicht sein sollte.

Die Bundesregierung hatte eine Ausdehnung der aktuell geltenden Fristen im Zuge der Debatte schnell ausgeschlossen. Die Berufsverbände und Politiker des Landes sind sich jedoch keinesfalls einig.

Der Vorsitzende des Hartmannbundes, Dr. Klaus Reinhardt, hat die Diskussion gelobt: "Ich würde die Ausweitung der Frist aus ärztlicher Sicht ausdrücklich begrüßen."

Gegner der Reform verweisen aber vor allem auf medizinische Bedenken. "Die Patienten sind so mündig, dass es in der Regel nicht zu einer diagnostischen Verzögerung von gravierenden Erkrankungen kommt", beruhigt zwar "Ärzte Zeitung"-Leser Dr. Wolfgang Schuck, Allgemeinmediziner und Psychotherapeut im bayerischen Laufach.

Dr. Wolfgang Bärtl, Vorstand des Bundesverbands niedergelassener Fachärzte (BVNF), will die Bedenken jedoch nicht vom Tisch fegen. Das Risiko der Krankheitsverschleppung, so Bärtl, würde erheblich steigen.

Darüber hinaus, und hier stimmt er mit jedem fünften Umfragen-Teilnehmer überein, wäre die Reform nicht geeignet, das Grundproblem der zu vielen Arzt-Patienten-Kontakte zu lösen.

Von Dr. Klaus Reinhardt

Offen für eine Krankmeldungs-Reform

Dr. Klaus Reinhardt, Vorsitzender des Hartmannbundes.

© Ärztekammer Westfalen-Lippe

Um eines vorweg klarzustellen: Ganz sicher löst eine Lockerung der Regelung zur Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung nach dem norwegischen Modell allein nicht das Problem überlasteter Arztpraxen durch überflüssige Arzt-Patienten-Kontakte. Dazu bedürfte es selbstverständlich sehr viel weitreichenderer systemverändernder Lösungen. Aber ganz sicher wäre eine Verlängerung der Frist, binnen derer sich ein Arbeitnehmer ohne ärztliches Attest krankmelden kann, einer von vielen möglichen Bausteinen, um Kolleginnen und Kollegen zu entlasten und Bürokratie abzubauen.

Das bloße Feststellen von Bagatellinfekten beziehungsweise das Erläutern von allgemein bekannten Verhaltensregeln im Rahmen harmloser Erkrankungen und die anschließende Legitimierung der Arbeitsunfähigkeit ist - jedenfalls nach meinem Verständnis - keine ärztliche Kerntätigkeit. Ich kann auch nicht erkennen, dass eine solche Regelung die Gefahr nicht früh genug erkannter schwerer Krankheitsverläufe ernsthaft steigern würde. Da ist etwas mehr Vertrauen in die Fähigkeit der Menschen, die Ernsthaftigkeit einer Erkrankung vernünftig und realistisch einzuschätzen, sicher angebracht.

Ich würde die Ausweitung der Frist für eine eigenständige Krankmeldung aus ärztlicher Sicht daher ausdrücklich begrüßen. Denn eine entsprechende Neuregelung käme angesichts überlasteter Praxen Ärzten und Patienten gleichermaßen zugute. Eine mögliche missbräuchliche Ausnutzung der größeren Arbeitnehmerautonomie müsste im Binnenverhältnis zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern geregelt werden. Das kann ein ohnehin überlastetes Gesundheitssystem nicht ersatzweise leisten.

Wenn man in Deutschland angesichts von jährlich durchschnittlich 18 Arztkontakten pro Patient also über die Notwendigkeit der Reduzierung überflüssiger Arztbesuche spricht, ist das Thema Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung meines Erachtens ganz sicher zuvorderst geeignet. Insbesondere angesichts der Morbiditätsverdichtung der älter werdenden Bevölkerung ist es dringend erforderlich, ärztliche Praxen von unnötigen Belastungen zu befreien.

In diesem Zusammenhang sind alle vernünftigen Vorschläge, die dazu beitragen könnten, hochwillkommen und sollten vorurteilsfrei diskutiert werden können.

Von Dr. Wolfgang Bärtl

Offen für eine Krankmeldungs-Reform

Dr. Wolfgang Bärtl, Bundesverband niedergelassener Fachärzte (BVNF).

© BVNF

Würde man die Fristen für die Krankschreibung durch einen Mediziner auf fünf Werktage - und damit, die Wochenenden einbeziehend, letztlich bis auf neun Tage - erhöhen, so steigt das Risiko einer Krankheitverschleppung damit erheblich. Das Einsparungspotenzial steht dazu in keinem Verhältnis.

Die Frage ist jedoch, ob das wirklich unser Hauptproblem darstellt. Patienten haben durch die systemimmanente Vollversorgungsmentalität weitgehend verlernt, schwere von leichten Symptomen zu unterscheiden, weshalb sehr oft auch wegen Bagatellerkrankungen eine dringende Behandlung eingefordert wird. Solange hier nicht schon in der Schule beginnende Gesundheitserziehung erfolgt, kann tatsächlich nur der Arzt entscheiden, was dringend ist und was nicht - und das ist auch durchaus unsere Aufgabe.

Darüber hinaus sind die von Gesundheitspolitikern eingebrachten Vorschläge abzulehnen , über die Entkoppelung der Rezepte und der Verlaufskontrollen der ärztlichen Tätigkeit Termine einsparen zu wollen. Die ärztliche Verordnung und auch die Verlaufskontrolle sind integrale Bestandteile der ärztlichen Tätigkeit, der Arzt übernimmt hier für den Patienten die Garantenstellung für die Diagnostik, Therapie und Patientenführung. Wer diese Bedeutung in der Therapiehoheit und Verantwortung für die Diagnostik und Patientenführung negiert, gefährdet eine sachgerechte medizinische Versorgung der Bevölkerung.

Die Diskussion um die Krankmeldungs-Regelung lenkt leider vom Grundproblem ab. Dieses liegt im System des unbegrenzten Leistungsversprechens bei begrenzten Mitteln, das nach der All-Inclusive-Mentalität den Patienten jede Leistung zu jeder Tages- und Nachtzeit verspricht.

Effektive Arbeitsentlastung gelingt aber nur über einen ressourcenschonenderen Umgang mit ärztlichen Leistungen. Der demografische Wandel, der medizinische Fortschritt, aber insbesondere auch die Erwartungshaltung unserer Patienten werden ohne wirksames Regulativ den Leistungswunsch immer weiter steigern und zum Systemversagen führen. Das einzig wirksame Regulativ, sofern man von einer Priorisierungsdebatte absehen möchte, ist meines Erachtens eine sozial verträgliche, aber spürbare Eigenbeteiligung an den verursachten Gesundheitskosten im Sinne der Kostenerstattung.

[09.03.2015, 19:18:01]
Dr. Robert Betz 
Selbstkrankschreibung
Vorschlag: Diagnosestellung durch den betreuenden Arzt, arbeitsbezogene Krankschreibung durch den Vertrauensarzt ab initio. Entlastet die Praxen, beseitigt die Versuchung zu Gefälligkeitsbescheinigungen zum Patientenerhalt und befriedet die Arbeitswelt. zum Beitrag »
[05.03.2015, 18:11:19]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Das wäre nur realistisch in Kombination mit einer Lohnkürzung vom ersten Tag an.
[04.03.2015, 23:05:14]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
„Nørge“, das Land des unbegrenzten „Krankfeierns“?
Das mit der „eigenständigen Krankmeldung“ hat Kollege Dr. med. Klaus Reinhardt als Vorsitzender des Hartmannbundes (HB) mal wieder nicht verstanden. „Ich würde die Ausweitung der Frist für eine eigenständige Krankschreibung ausdrücklich begrüßen", erklärte er etwas einfältig. Hintergrund ist jedoch, dass Wissenschaftler der Otto-von Guericke-Universität Magdeburg (OVGUM) nur deshalb dafür plädieren, weil sie das in einer Vergleichsstudie Deutschland-Norwegen vom dortigen staatlichen Einheitsversicherungs-System abgekupfert haben. Forschungs-Gegenstand ihrer "empirischen" Vergleichsstudie war das jedoch n i c h t.

Parallelen zwischen Norwegen und Deutschland bestehen zwar dahingehend, dass beide Länder mit Erna Solberg und Dr. Angela Merkel Frauen an der Spitze der Politik haben. Aber das deutsche System der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) mit Arbeitsunfähigkeits-Bescheinigungen (AU) und Lohnfortzahlung kann man in der Gesundheits-System-Forschung nicht ausgerechnet mit Norwegen vergleichen wollen.

Ein Blick auf die Landkarte genügt: „Nørge“ hat eine Fläche von 385.199 km² bei einer Einwohnerzahl von gut f ü n f Millionen Menschen (5.156.451 Einw. - Stand 1.10.2014). Deutschland dagegen beherbergt auf einer etwa zehn Prozent k l e i n e r e n Fläche von 357.340 km² eine Einwohnerzahl von gut a c h t z i g Millionen Menschen (80.767.000 Einw. - Stand 31.12.2013). Das ist knapp sechzehn Mal so viel!

Sozialmedizinisch ist die Bevölkerungsdichte für die Versorgungsforschung essenziell: In Deutschland leben 226 Einwohner auf einem Quadratkilometer. Die norwegische Bevölkerungsdichte liegt um den Faktor 17,4 n i e d r i g e r bei nur 13 Einwohnern pro km². Dadurch entstehen wesentlich l ä n g e r e Wege, Versorgungsdisparitäten und klimatisch bedingte Anfahrt-Hindernisse dies- und jenseits des Polarkreises besonders während der Wintermonate. Medizinische Krankheits- und Versorgungs-Probleme müssen in Norwegen in der Basisversorgung oft mittels n i c h t ä r z t l i c h e r Intervention, in Nachbarschaftshilfe, telemedizinisch oder in der nächsten Sanitätsstation bewältigt werden. Deshalb wesentlich seltenere, direkte Arzt-Konsultationen als in Deutschland.

Wie gesagt, AU’s waren gar nicht die Fragestellung der OVGUM-Forschungsgruppe, sondern: "Warum gehen wir in Deutschland so häufig zum Arzt? - Magdeburger Wissenschaftler präsentieren ihre Ergebnisse einer deutsch-norwegischen Vergleichsstudie zur Inanspruchnahme hausärztlicher Leistungen ... der Öffentlichkeit und ... vor Fachkollegen ... Die Inanspruchnahme ambulanter ärztlicher Versorgung ist in Deutschland im internationalen Vergleich ungewöhnlich hoch. Deutsche gehen durchschnittlich 17 Mal im Jahr zum Arzt, die Norweger dagegen nur fünf Mal."
http://www.med.uni-magdeburg.de/Presse/Pressemitteilungen/17_18_02_2015+h%C3%A4ufige+Arztbesuche-p-12990.html

Vergessen wird dabei, dass im norwegischen Krankenversorgungs-System der gläserne Patient Wirklichkeit ist. Ausnahmslos alle personenbezogenen Daten werden dort erfasst, evaluiert, zertifiziert und kontrolliert. Eine eigenmächtige Krankschreibung ohne triftige Gründe wird durch eine engmaschige Sozialversicherungs-Kontrolle überprüfbar. Allein deshalb ist eine Vergleichbarkeit mit Deutschland gar nicht gegeben.

Die deutsche Lebens- und Tarifvertrags-Wirklichkeit sieht so aus: Alle Flächentarifverträge sehen a b dem dritten Tag des "Krankfeierns" eine ärztliche Nachweispflicht vor. Und diese gilt zur Überraschung vieler Patienten für die ersten drei K a l e n d e r t a g e und n i c h t nur Arbeitstage. Wer nach freiem Wochenende sich beim Arbeitgeber krank meldet, muss eine AU für den Montag als 3. Tag vorlegen. Dies gilt beim freitäglichen "Blaumachen" entsprechend. Nach SBG V dürfen Ärztinnen und Ärzte in A u s n a h m e f ä l l e n rückwirkend krankschreiben.

Übrigens, die 17 Arztbesuche pro Jahr für jede/n GKV-Versicherte/n in Deutschland verursachen mehrheitlich unsere Rentnerinnen und Rentner als multimorbide Patienten, weil sie sonst niemand mehr zum Reden haben. Aktive Arbeitnehmer und eingespannte Familienmitglieder haben für so etwas i. d. R. keine Zeit.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfA Dortmund (z. Zt. Mauterndorf/A)
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[04.03.2015, 17:00:40]
Dr. Hans-W. Wozny 
Krankmeldungs-Reform
Eine Woche "krankmachen" ohne ärztliches Attest!Das wäre wie im Schlaraffenland!Das gibt es in keinem anderen Staat.Die Krankmeldungen
würden rapide zunehmen,der "blaue Montag" würde sich bis zum "blauen
Freitag" ausdehnen.Der Deutsche "feiert" nun einmal gerne krank.Die
einzige Möglichkeit eine Woche ohne ärztliches Attest "krank" zuhause
zu bleiben wäre,dass der Arbeitgeber die ersten drei Tage nicht bezahlen
muss,also der "Kranke" auch kein Krankengeld erhält.Das haben wir aller-
dings bereits vor Jahrzehnten praktiziert und das hatte sich seinerzeit
auch bewährt.Die Krankmeldungen würden rapide sinken,denn die Faulenzer
würden nicht auf's Geld verzichten! zum Beitrag »

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