Ärzte Zeitung, 09.03.2015

Gesundheitsweiser Gerlach

Konsequente Hilfe für die Allgemeinmedizin gefordert

Die von der Koalition geplante Förderung der Allgemeinmedizin ist nicht konsequent genug, findet der Gesundheitsweise Ferdinand Gerlach. Er rät zu Reformen in der Honorarverteilung und in der Aus- und Weiterbildung.

Von Helmut Laschet

Konsequente Hilfe für die Allgemeinmedizin gefordert

Allgemeinmedizin muss attraktiver sein als andere Fächer - dann wird sie aufholen, glaubt Professor Ferdinand Gerlach.

© Uni Frankfurt

STUTTGART. Zur Sicherung der ärztlichen Versorgung in ländlichen Regionen und Stadtteilen in prekären Verhältnissen hat der Vorsitzende des Sachverständigenrates, Professor Ferdinand Gerlach, erneut für starke ökonomische Anreize plädiert: einen 50-prozentigen Vergütungszuschlag unter einem 90-prozentigen Versorgungsgrad bei Hausärzten und unter 75 Prozent bei Fachärzten.

Finanziert werden müsse dies durch die in überversorgten Regionen niedergelassenen Ärzte, sagte Gerlach beim baden-württembergischen Hausärztetag am Wochenende in Stuttgart.

Den Einwand mancher Ärzteorganisationen, dies sei "sozialistische" Umverteilung, hielt Gerlach entgegen, mit den Zu- und Abschlägen werde in Wirklichkeit eine Honorierung nach Dringlichkeit geschaffen; die "Gleichmacherei im Kollektivvertrag", die keine Knappheit berücksichtige, werde beendet.

Organisation der Weiterbildung

Für prinzipiell richtig hält Gerlach auch den Plan der Koalition, dass KVen Praxen bei Aufgabe von Alterswegen aufkaufen sollen.

Allerdings hatte der Sachverständigenrat eine Grenze von 200 Prozent Überversorgung vorgeschlagen: Dann seien über einen längeren Zeitraum 1739 Fachärzte (1,6 Prozent aller Ärzte), aber gar keine Hausärzte betroffen.

Das Problem sei allerdings, dass es für die Bedarfsplanung keinerlei Evidenz gebe, sondern auf der Anfang der 1990er Jahre vorgefundenen ärztlichen Versorgung basiere. Ausnahmen von der Aufkaufs-Verpflichtung müssten deshalb zulässig sein.

Zur zukünftigen Sicherung der hausärztlichen Versorgung empfiehlt Gerlach dringend, prioritär bei der Aus- und Weiterbildung anzusetzen.

Er plädiert deshalb nachdrücklich, bei der Reform des Medizinstudiums ein Pflichtquartal Allgemeinmedizin im PJ einzuführen, um die Chance zu erhöhen, dass sich mehr Berufsanfänger für diese Disziplin entscheiden. Gegenwärtig sind es weniger als zehn Prozent der Studienabsolventen.

"Rund-um-Sorglos-Paket" benötigt

Dies gelinge nur, wenn die Weiterbildung tatsächlich attraktiv für den Nachwuchs sei: nahtloser Übergang vom Studium in die Weiterbildung, verlässliche Rotation ohne Zeitverluste, Anbindung an die Universität, Mentoring-Programme.

"Wir brauchen zur Entängstigung ein Rund-um-Sorglos-Paket", so Gerlach. Baden-Württemberg mit inzwischen über 500 Ärzten in Weiterbildungsverbünden habe dabei eine Vorreiterfunktion.

Als Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin sieht Gerlach den Ausbau der Förderung von 7500 Weiterbildungsstellen als Schritt in die richtige Richtung. Es bleibt aber unklar, ob der Gesetzgeber damit 7500 Vollzeitstellen meint. Nach geltender Rechtslage müssen 5000 Stellen gefördert werden, umgerechnet in Vollzeitäquivalente sind es weniger als die Hälfte.

Dringend notwendig sei auch die Anbindung der Weiterbildung an universitäre Kompetenzzentren, um die Attraktivität und Qualität der Weiterbildung zu fördern.

Diese Kompetenzzentren sollten in Höhe von vier bis fünf Prozent der für die Allgemeinmedizin vorgesehenen Fördermittel finanziert werden.

Eine entsprechende Beschlussvorlage des Gesundheitsausschusses des Bundesrates - die auch von der KBV und der Deutschen Krankenhausgesellschaft begrüßt worden war - fand im Plenum des Bundesrates am 6. Februar jedoch keine Mehrheit.

Intervention der BÄK

Vorangegangen war eine Intervention der Bundesärztekammer, die darin einen inakzeptablen Eingriff in die Zuständigkeit der Landesärztekammern für die Weiterbildung sah. Es bestehe die Gefahr, dass knappe Fördermittel für die Allgemeinmedizin zur Querfinanzierung universitärer Einrichtungen verwendet würden.

Diese Einwände hält Gerlach für nicht stichhaltig: Schon jetzt würden gesetzlich vorgeschriebene Fördermittel nicht ausgeschöpft. Die Kompetenzzentren ließen sich auch rechtlich eigenständig und abgetrennt von Universitäten organisieren.

Im weiteren Gesetzgebungsverfahren müsse argumentiert werden, dass die Allgemeinmedizin attraktiver gemacht werden müsse als andere Fächer.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Dogmatismus hilft nicht

[10.03.2015, 22:18:36]
Dr. Jürgen Schmidt 
Ein ewiges Dilemma und seine Ursachen
Die Häufigkeit, mit der die Allgemeinmedizin für mitleidserregenden Zündstoff in der gesundheits- und berufspolitischen Debatte sorgt, hat Ursachen, die zum Teil Jahrzehnte zurück liegen.

Als in den gesundheitspolitischen Denkzentren im BMG, der Gesundheitsministerkonferenz und ihren Vordenkern, der AGLMB
( Arbeitsgemeinschaft der leitenden Medizinalbeamten der Länder ) vor 50 Jahren die Idee aufkam, den „Hausarzt“ zu normieren und zwar - aus heutiger Sicht - auf niedrigstem Niveau, hoben unsere Altvorderen, zur Abwehr barfußärztlicher Unterwanderung, den Allgemeinarzt und wenig später den Facharzt für Allgemeinmedizin aus der Taufe. Sie bürdeten ihm zunehmende Aufgaben auf, die ihren Niederschlag in einer zunehmend differenzierten Weiterbildungsordnung und einer verlängerten Weiterbildungszeit fanden.

Damit nicht genug: Versierte Fachvertreter mit wohlgefälligem Beziehungsnetzwerk in den politischen Raum, wie der Prof. Gerlach, entwickelten in Ihren Instituten Leitlinien, die sich beispielweise wie Kompendien der Inneren Medizin lesen.

Nun lernt der Student aus Vorlesungen schon früh, welche Fehler in „auswärtigen Häusern„ und von „bedauernswerten Kollegen“ gemacht werden und welche beruflichen Folgen dies haben kann. Vorausblickende Überforderung bei der Überlegung Allgemeinarzt zu werden, ist die verständliche Folge.

Dies ist jedoch nicht der einzige Grund, weshalb junge Kollegen auf der sicheren Seite bleiben möchten, mit einer Weiterbildung, deren Inhalte sich auch erfüllen und aufrecht erhalten lassen und einer Niederlassung in der Nähe eines Spektrums von Fachkollegen für weitergehende Expertise, besser noch in einem Team für den fachlichen Rückhalt der eigenen Arbeit, wie man es aus der Klinik gewohnt ist.

Hinzu kommt der Wunsch nach überschaubaren und begrenzten Arbeitszeiten, und zwar nicht nur bei den Frauen, die noch andere Aufgaben im Leben wahrnehmen wollen.

Eine wenig diskutierte Frage, betrifft den Einfluss gesellschaftlicher Veränderungen und einer gewissen gesellschaftlichen Schichtung nach städtischen Wohngebieten. Kaum ein Kollege, der aus Erfahrung vergleichen kann, der öffentlich laut sagen möchte, was er darüber denkt, aber den Hausarztmangel in bestimmten Gebieten durchaus erklären kann.

Angesichts der Lage kann man natürlich versuchen, die Niederlassung durch Verteilungsregeln zwangsweise zu steuern. Was man damit erreichen wird, ist absehbar.

Vernünftiger ist vielleicht, über den Allgemeinarzt im Rahmen der Strukturen, in die er eingebunden werden kann und muss, neu nachzudenken.

Ist es nicht vernünftiger, den Aufgabenbereich zu begrenzen und eine feste Teambindung an die anderen Fachärzte zu etablieren, eingebunden in überörtliche Vernetzungen der ambulanten und Verzahnungen mit der stationären Medizin?
Ist es nur der berufspolitischen Separierungswunsch und die Sorge, bei gedeckelter Gesamtvergütung mittelbar Opfer einer Facharztschwemme zu werden, der dagegen spricht ?

Am Ende stehen also wieder Strukturfragen. Ob wir zu deren Diskussion noch das innerärztliche Klima haben, das ist - und bleibt wohl - hier die Frage.

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