Ärzte Zeitung, 02.04.2015

Unionspläne

Ohne Arztbesuch direkt zum Physiotherapeuten

Gesundheitspolitiker der Union werfen sich für Heilmittelerbringer in die Bresche. Sie sollen "direkter" in die Versorgung eingebunden werden. Den Direktzugang der Therapeuten zum Patienten ohne Arzt will die Union aber nur "prüfen".

Von Florian Staeck

Union will Arztvorbehalt aufweichen

Ohne Rezept zum Physiotherapeuten - das wird bisher nur in Modellprojekten erprobt.

© Walter Luger / fotolia.com

BERLIN. Gesundheitspolitiker in der Unionsfraktion des Bundestags wollen Modellvorhaben erleichtern, die Patienten einen direkten Zugang zu Heilmittelerbringern ermöglichen.

Das geht aus einem Positionspapier der Arbeitsgruppe Gesundheit hervor, dass Ende März verabschiedet hat.

Die Arbeitsgruppe hat erstmals ein Papier zur Heilmittelbranche erarbeitet, bei dem die Überschrift Programm ist: "Heilmittelerbringer direkter in die Versorgung einbinden."

Federführend ist dabei der Gesundheitspolitiker Dr. Roy Kühne, der selber Physiotherapeut ist und im südniedersächsischen Northeim ein Gesundheitszentrum führt.

Im Koalitionsvertrag hatten Union und SPD vereinbart, Modellvorhaben "neuer Formen der Substitution ärztlicher Leistungen sollen aufgelegt und evaluiert werden". Je nach Ergebnis würden die Modellvorhaben "in die Regelversorgung überführt".

Durch die "direkte Versorgungsverantwortung" von Heilmittelerbringern, heißt es nun im Positionspapier, ergäben sich "Einsparpotenziale besonders in der Substitution von (...) ambulanten bzw. stationären Leistungen".

Umweg der Blankoverordnung

Direktzugang zur Physiotherapie?

Soll Patienten ein direkter Zugang zu Physiotherapeuten ermöglicht werden, wie es ein Unionspapier vorsieht?

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Zwischenergebnisse aus Modellprojekten von Kassen und Heilmittelerbringern zeigten, dass der "Patient von autonom erbrachten Behandlungen zum Beispiel in der Physiotherapie in stärkerem Ausmaß profitiert, als im Vergleich zu Behandlungen, die durch eine vertragsärztliche Verordnung vorgegeben werden".

Der Direktzugang zu Therapeuten soll zunächst über den Umweg der Blankoverordnung erfolgen. Dies wird zurzeit in einem Modellvorhaben der IKK Berlin-Brandenburg und dem dortigen Verband Physikalische Therapie (VPT).

Ende dieses Jahres sollen Ergebnisse vorliegen. 2016 sollten dann Verhandlungen über eine Umsetzung der Blankoverordnung starten. Ein Direktzugang des Patienten zu Therapeuten soll lediglich "geprüft" werden, heißt es in dem Papier.

Der Bundesverband selbstständiger Physiotherapeuten zeigte sich enttäuscht, denn durch dieses Vorgehen werde "die Steuerungsfunktion des Arztes zunächst weiter zementiert".

Verknüpft werden soll die Aufwertung von Heilmittelerbringern mit einer Qualifizierungsoffensive. Ihre Ausbildungsordnungen müssten "dringend an die heutigen Berufsstandards angepasst werden".

"Zwingend" müssten Zusatzqualifikationen für Screening, Diagnosestellung, Erstellung von Therapieberichten oder die Überweisungs- und Verordnungskompetenz in die Curricula integriert werden.

Gefordert wird in dem Papier der Wegfall des Schulgelds von rund 400 Euro monatlich. Nötig sei vielmehr eine Vergütung, um sinkenden Ausbildungszahlen zu begegnen. Richtschnur soll hier offensichtlich Paragraf 15 des Notallsanitäter-Gesetzes sein.

Darin wurde vor zwei Jahren eine Ausbildungsvergütung gesetzlich vorgeschrieben.

Weitere Forderungen:

  • Vergütung: Die AG Gesundheit spricht sich für eine Entkoppelung der Vergütung von der Grundlohnsumme aus. Diese Verknüpfung habe dazu geführt, dass die Gehälter von tariflich bezahlten Physiotherapeuten rund 40 Prozent höher lägen als die Vergütungen in freien Physiotherapiepraxen. Das Papier enthält keinen Hinweis, dass dieser Schritt bereits im Versorgungsstärkungsgesetz erfolgt.
  • Arbeitsbedingungen: Die Vorgaben für die Praxiszulassung sollen modifiziert werden. Die verpflichtende Vorhaltung von Praxisräumen für angestellte Therapeuten soll abgeschafft werden.
  • Telematik-Infrastruktur: "Perspektivisch" sollen alle nicht-verkammerten Gesundheitsberufe in die geplante Infrastruktur integriert werden. Genannt wird dazu das Stichwort elektronisches Gesundheitsberuferegister. Der erste Schritt zur Integration solle bereits im aktuell geplanten E-Health-Gesetz getan werden.

Der CDU-Politiker Kühne bezeichnet das Positionspapier als "starkes Zeichen" der Union, die "Heilmittelerbringer besser in die Versorgung einzubinden und vor allem den Beruf des Therapeuten zukunftsfähig und wieder attraktiv zu machen".

Er hoffe, dass die Forderungen schnell in den laufenden Gesetzgebungsvorhaben umgesetzt werden, sagte Kühne.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Geteilte Verantwortung

[12.06.2015, 14:23:57]
Uwe Dubisch 
Wer ist der Bock und wer ist der Gärtner
Zu dem Einwand Haftungsrisiko bei Fehldiagnose könnte ich aus meiner Praxiserfahrung (Physiotherapie) Bücher schreiben. (S. Einwand o.) Viele Diagnosen lauten deshalb doch nur noch ... Syndrom nicht näher beschrieben. Will man die Physiotherapeuten als fachliche Laien abstempeln oder wird bei solchen Diskussionen das ärztliche Ego zu stark angekratzt? Bleiben dann nur noch Beleidigungen als Argument ((Und was soll das einsparen? Wenn man den Bock zum Gärtner macht?))
Schade das sachliches Nachdenken dummen Phrasen Platz macht. zum Beitrag »
[14.04.2015, 09:57:14]
Uwe Eisner 
Wo Licht ist - ist auch Schatten

Eine differenzierte Betrachtung eines Physiotherapeuten (ich) über Licht und Schatten des Direktzugangs.

http://www.bleibbeweglich.de/bleibbeweglich/direkt-zum-physiotherapeuten zum Beitrag »
[07.04.2015, 10:42:05]
Dr. Elisabeth Rowe 
Hauptsache, es kann wieder reglementiert werden.
Es wird Patienten geben, die lieber erst zum Arzt gehen und dann zum Physiotherapeuten. Andere wollen vielleicht ohne Arzt gleich zum Physiotherapeuten.
Wo ist das Problem?
Das Problem ist, dass hier vom Staat reglementiert wird.
Überall da, wo sich der Staat zwischen zwei Vertragspartner einmischt, gibt es mehr Bürokratie und andere Probleme. zum Beitrag »
[06.04.2015, 21:28:59]
Jörg Dähn 
Zusatzqualifikationen?
Und dann übernehmen die auch das Haftungsrisiko bei Fehldiagnose? Und Regresse bei falsch ausgestellten Verordnungen? Ja und warum studieren die nicht gleich Medizin? Und was soll das einsparen? Wenn man den Bock zum Gärtner macht? zum Beitrag »
[05.04.2015, 17:16:55]
Dr. Wolfgang Bensch 
"2 von 3 Therapeuten verlassen zur Zeit den Berufsstand in ersten 5 Jahren Arbeitsjahren."
Woran könnte das liegen?
Physiotherapie männer- oder frauenlastiger Beruf?
Welche Verhältnisse bestehen zur Zeit und bestanden vor 10 oder 20 Jahren? zum Beitrag »
[05.04.2015, 16:30:27]
Norbert Meyer 
Direktzugang
1.Seit 25 Jahren blieb gar nichts anderes übrig, die Versorgung mit Heilmittel wurde mittels Regress - druck auf ortsansässige Ärztinnen stimmuliert (NBL)
2. Der PKV - Patient denkt wirtschaftlich und spart dem Umweg über den Arzt ein, das ist seit Jahrzehnten üblich, letztlich kennt er seinen Therapeuten und handelt eben Mal wie auf dem Basar mit Ihm.
3.Verwunderlich ist das nicht, wenn obendrein der ausstellende Arzt den Bedürftigen dann noch in eine bestimme Physiotherapie/Krankengymnastik bestimmt, und bei Widerspruch sich weigert die Heilmittelverordnung auszustellen,
Korruption lässt grüßen!
Der Patient als Bittsteller!!!! zum Beitrag »
[04.04.2015, 13:18:50]
Christoph Diede 
Für gute Medizin braucht es ein gesundes Team!
Der Direktzugang wäre doch ein guter Weg die Hausärzte ein Stück weit zu entlasten. Ein manualtherapeutischer Physiotherapeut ist was manuelle, orthopädische Diagnosestellung betrifft i.d.R. besser ausgebildet als ein Hausarzt.
Zudem hat er auch wesentlich mehr Zeit mit einem Patienten zur Verfügung.
In der Praxis erreichen den Physiotherapeuten i.d.R.Verordnungen, mit so aussagekräftigen Diagnosen wie HWS-Syndrom, LWS-Syndrom u.ä.. Hier dann Gott und Diagnose in einen Satz zu stellen hat doch etwas von Hybris und öffnet Frustration auf beiden Seiten Tür und Tor. Deutschland ist in Europa eines der letzten Länder in denen Physiotherapie, Ergotherapie und Logotherapie nicht akademisiert sind. Meiner Meinung nach braucht das System dringend tiefgreifende Reformen, warum nicht auf funktioniernde Modelle der Nachbarn schauen und ggf. umsetzen. Die Heilhilfsberufe besitzen keine eignene Kammer und die 4 Berufsverbände haben bei Verhandlungen auf höchster Ebene nur Anhörungsrecht. Wir Physiotherapeute sind froh, dass auch Mal ein Vertreter unseres Berufsstandes in Hörweite der Entscheider sitzt. Übrigens im Artikel ist dessen Praxisverbindung, "Gesundheitspolitiker Dr. Roy Kühne, der selber Physiotherapeut ist und im südniedersächsischen Northeim ein Gesundheitszentrum führt", an einem Therapiezentrum deutlich erwähnt!
Es muss sich etwas tun, sonst ist die ausreichende Versorgung im Heilhilfsbereich ebenso in Gefahr wie die hausärztliche Versorgung. 2 von 3 Therapeuten verlassen zur Zeit den Berufsstand in ersten 5 Jahren Arbeitsjahren. Für gute Medizin braucht es ein auch gesundes Team!  zum Beitrag »
[02.04.2015, 22:44:38]
Dieter Döring 
Union will Arztvorbehalt aufweichen
Wer macht bei den Direktzugang der Therapeuten zum Patienten ohne Arzt denn die Diagnose?
Vor der Therapie haben die Götter nun mal die Diagnose gesetzt, was mal zu bedenken wäre.
Sehe, als Hausarzt, jeden Tag die falsch behandelten Rückenschmerzen. Denn gerade hinter Rückenschmerzen können sich eine ganze Menge an Krankheiten verstecken.
Mal drüber nachdenken.


 zum Beitrag »
[02.04.2015, 19:33:53]
Dr. Peter Sahlmann 
Starkes Zeichen...
Schade, daß der Autor dieses Artikels seine Recherche offensichtlich zu früh abgeschlossen hat, oder er wollte eben nicht mitteilen, daß der Lehrer und Physiotherapeut Dr. phil. Roy Kühne neben seinem CDU-Bundestagsmandat auch in das "Gesundheits-zentrum Dr. Roy Kühne GmbH und Co KG" involviert ist:
http://www.gesundheitszentrum-nom.de/
Da wird schnell sein Interesse an einer zügigen Umsetzung seiner Forderung in den laufenden Gesetzgebungsverfahren verständlich...
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