Ärzte Zeitung, 19.04.2015

Hallek

"Es liegt an Ärzten, die richtigen Konzepte zu entwickeln"

In seiner Präsidentenrede am Sonntag betont Professor Michael Hallek: "Nur wenn es gelingt, eine echte Innovationskultur zu schaffen (...), wird Deutschland in der praktischen Umsetzung der molekularen Medizin eine international führende Rolle spielen." Wir dokumentieren Auszüge seiner Rede, deren Manuskript uns vorab vorlag.

Von Michael Hallek

"Es liegt an uns, den Ärzten, die richtigen Konzepte zu entwickeln"

Professor Michael Hallek - hier bei der Eröffnung von "Chances".

© Andreas Henn

Das Motto der diesjährigen Jahrestagung steht unter dem Zeichen des Aufbruchs in eine neue Ära der Inneren Medizin. Diese wird geprägt werden durch eine immer stärkere Nutzung der Molekularbiologie (...).

Im Rahmen dieser Entwicklung wird sich die Innere Medizin selbst verändern. Grenzen zwischen den internistischen Schwerpunkten werden neu bewertet werden oder vielleicht verschwinden. Signalwege, die bei der Entstehung des Diabetes eine Rolle spielen, haben gleichzeitig Bedeutung in der Entstehung von Krebs.

Spezialisierung schreitet voran

Diese Erkenntnisse werden eine neue Interdisziplinarität begründen, wie es sie in der Geschichte der Medizin noch nie gegeben hat. Gerade weil die Spezialisierung in der Medizin immer weiter voranschreitet, wird es einen hohen Bedarf geben an Ärzten, die eine molekulare Ausbildung ebenso absolviert haben wie eine gute und breite medizinische Ausbildung; wir würden sagen: eine internistische Ausbildung.

Es kann daher sein, dass die Ära der molekularbiologischen Medizin zu einer neuen Begründung der Inneren Medizin führt, als dem zentralen, integrierenden Fachgebiet, das Organgrenzen überschreitet. (...)

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Für diese Entwicklung müssen wir gerüstet sein. Es wird darum gehen, (...) Patienten die (...) maßgeschneiderte Medikation nach sorgfältiger klinischer, aber eben auch molekularbiologischer Untersuchung zu verabreichen. Es wird auch notwendig werden, die teilweise atemberaubenden Innovationen zu vertretbaren Kosten in unser Gesundheitswesen einzuführen.

Daher werden wir Ärzte aufgefordert sein, an Lösungen mitzuwirken, die eine möglichst genaue Zuteilung des medizinisch Notwendigen für jeden Patienten erlauben. Gleichzeitig werden wir überlegen müssen, welche diagnostischen Verfahren oder welche Therapie man unterlassen werden kann: evidenzbasiert, ohne Verlust an Qualität, ohne Rationierung, sondern allein orientiert am ethischen Anspruch unseres Berufes. (...)

Für die Bewältigung dieser Aufgaben ist es entscheidend, dass wir uns in Deutschland klarer positiv zur Gesundheitswirtschaft positionieren und sie als wirtschaftliche Chance begreifen. Ein wichtiger Bereich, der hierfür eine große Bedeutung hat, ist dabei stark unterentwickelt, die unabhängige klinische Forschung. Warum ist diese so wichtig?

Wenn wir Innovationen (also neue Verfahren und Medikamente) richtig bewerten wollen bezüglich ihres Nutzens im Therapiealltag (z. B. bei älteren Patienten), dann müssen wir diese auch nach der Zulassung kritisch prüfen in unabhängigen klinischen Studien. Dadurch wird eine Wissensbasis erarbeitet, die sowohl von industriellem Profitstreben als auch von politischen Sparvorgaben unabhängig ist. (...)

Gerade wir als Ärzte sollten den klassischen Fehlschluss der sogenannten "Fortschrittsfalle" vermeiden. Dieser interpretiert medizinischen Fortschritt nicht als Glücksfall für den Patienten, sondern als bedrohliche Kostensteigerung der Gesellschaft. Also Fortschritt, den wir uns nicht leisten dürfen.

Dieser Sicht müssen wir uns entgegenstemmen. Patienten in Deutschland müssen sich auch in Zukunft darauf verlassen können, dass wir Ärzte ihnen unabhängig vom Einkommen und vom gesellschaftlichen Status die optimale Therapie anbieten. (...)

Die soeben beschriebenen Aufgaben wird unsere Gesellschaft allerdings nur dann meistern können, wenn es uns gelingt, ausreichenden und vor allem ausreichend qualifizierten ärztlichen Nachwuchs auszubilden und an Deutschland zu binden. Es ist bedrückend, dass nur noch ca. 5-10 Prozent aller Ärzte eine wissenschaftliche Ausbildung oder Tätigkeit anstreben. Die medizinische Forschung ist dadurch ernsthaft bedroht.

Bedarf an motivierten Ärzten

Die unabhängige Ermittlung und Beurteilung medizinischen Wissens erfordert kritisch urteilende, wissenschaftlich gut ausgebildete und motivierte Ärzte in unserer Gesellschaft. Daher müssen wir alles daran setzen, diese wertvolle Ressource des Gesundheitswesens besser zu pflegen und entsprechende Zukunftschancen für junge, forschende Ärzte anzubieten.

Es darf nicht sein, dass wir in bestimmten Bereichen klare Einkommensnachteile für forschende Ärzte im Vergleich zu klinisch tätigen Ärzten zulassen.

Es darf nicht sein, dass die Arbeitsabläufe an großen Universitätsklinika unter dem Diktat der ökonomischen Optimierung so stark zusammengepresst werden, dass eine Forschungstätigkeit und geschützte Zeit zum Nachdenken für Ärzte kaum mehr möglich ist.

Nur wenn es gelingt, eine echte Innovationskultur zu schaffen und eine ausreichende Zahl forschender Ärzten auszubilden, wird Deutschland in der praktischen Umsetzung der molekularen Medizin eine international führende Rolle spielen. (...) Ich bin zuversichtlich, dass wir diese Aufgabe meistern können, wenn wir die richtigen politischen Weichen stellen.

Dazu muss auch das Versorgungsstärkungsgesetz in die richtige Richtung gesteuert werden, indem es die Belange der Hochschulmedizin adäquat berücksichtigt.

(...) Das Gesundheitswesen ist ein wesentlicher Baustein des Sozialsystems. (...) Demzufolge haben wir Ärzte also eine medizinische, politische und wissenschaftliche Verantwortung, unser Gesundheitswesen gerade in einer Zeit starker Innovationen und sozialer Ungleichheiten in der Welt klug weiterzuentwickeln. Es liegt an uns, die richtigen Konzepte zu entwickeln. Dieser Aufgabe sollten wir uns verstärkt annehmen.

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