Ärzte Zeitung online, 29.04.2015

Kongress für Gesundheitsnetzwerker

E-Health-Gesetz abgewatscht

Provinziell und am Patienten vorbei: Harsche Kritik am geplanten E-Health-Gesetz der Bundesregierung äußerten Experten beim Gesundheitsnetzwerkerkongress. Ohne mehr sektorenübergreifende Zusammenarbeit gehe es nicht.

Von Jonas Tauber

E-Health-Gesetz abgewatscht

Flächendeckende IT-Infrastruktur? Für das Gesundheitswesen ist sie noch nicht vorhanden.

© djama / fotolia.com

BERLIN. Vertreter aus dem Gesundheitswesen halten das geplante E-Health Gesetz schon jetzt für gescheitert. "Für mich ist das ein Reparaturgesetz", sagte der Vorstandsvorsitzende der Kaufmännischen Krankenkasse, Ingo Kailuweit, in einer Podiumsdiskussion beim zweitägigen Kongress für Gesundheitsnetzwerker, der vom Arzneiunternehmen Berlin Chemie ausgerichtet wurde.

"Ähnlich wie beim Berliner Flughafen stellt sich die Frage, ob man das nicht besser abreißt und neu aufsetzt", lautet das vernichtende Urteil.

Kailuweits Kritik: Der Patient spiele überhaupt keine Rolle im Gesetz.

Mit dem E-Health Gesetz will die Bundesregierung den Ausbau der Telematik in Deutschland voranbringen.

Es soll eine sichere Daten-Infrastruktur zum Austausch der verschiedenen Akteure im Gesundheitssystem entstehen. Kritiker bemängeln, dass konkrete Anwendungen für die geplante Daten-Autobahn fehlen.

Dezentrale Ansätze

So sieht das E-Health Gesetz die Ent

wicklung eines Medikationsplans vor - allerdings nicht elektronisch, sondern in Papierform. "Ich denke, das ist charakteristisch für das Gesetz", sagte Professor Jürgen Wasem von der Uni Duisburg-Essen. Er wünsche sich mehr zukunftsweisende Ansätze. "Das gilt etwa für die Interoperabilität der Systeme und die Einbeziehung nicht-ärztlicher Leistungserbringer", erläuterte Wasem.

Der Gesundheitsökonom sagte, dezentrale Ansätze seien zentralen Lösungen wie dem E-Health Gesetz bei der Schaffung innovativer Versorgungsmodelle überlegen.

Dr. Markus Müschenich, Vorstand des Bundesverbandes Internetmedizin, hält die derzeitige Diskussion um die IT für provinziell.

"Wir sind in Deutschland extrem langsam in der IT, die Ärzteschaft ist ein wenig aufgewacht, die Kliniken schlafen komplett", sagte er. Doch lasse sich diese Rückständigkeit angesichts eines veränderten Patientenverhaltens nicht mehr länger beibehalten.

Es gebe Patienten, die einen Arztbesuch von der Möglichkeit abhängig machten, online einen Termin beantragen zu können, verdeutlichte der Mediziner.

Dazu komme, dass die neuen Innovationstreiber nicht aus der Branche kommen. "Heute treiben Google und Apple die Entwicklung voran", sagte Müschenich.

Schwarzer Peter nicht bei Politikern

Die Hauptgeschäftsführerin des Verbandes Forschender Arzneimittelhersteller Birgit Fischer warnte davor, der Politik den Schwarzen Peter zuzuschieben. "Ich gebe zu, dass wir hinterherhinken, aber ich will das nicht der Politik zuschreiben", sagte sie.

Fischer beklagte, dass die verschiedenen Akteure oft nur innerhalb des eigenen Sektors denken. Sie forderte Ärzte und Kliniken zu einem Denken über die Sektoren hinaus auf. Voraussetzung für die Entwicklung funktionierender Kooperationen sei ein verändertes Wissensmanagement.

Dr. Dirk Heinrich, neuer Vorstandsvorsitzender des SpiFa, gab zu, dass sich die intersektorale Zusammenarbeit noch verbessern lässt. "Wir haben große Reibungsverluste an den Sektorengrenzen", so Heinrich.

Dabei zeigten gerade Ärztenetze, dass die Versorgung profitiert. "Wir sollten uns fragen, wie wir sie künftig vernünftig fördern können", sagte er.

Der Vorstandsvorsitzende des Klinikums Augsburg Alexander Schmidtke stellte fest, dass Kooperationen zwischen Kliniken oft an Budgetfragen scheitern. Nötig sei die Schaffung von Regionalbudgets, für die Kliniken in einer Region gemeinsam verantwortlich sind.

Schmidtke kündigte an, dass das Klinikum Augsburg sich in diesem Bereich spezialisieren will. Im Rahmen der Entwicklung zum Uni-Klinikum sei der Forschungsschwerpunkt IT vorgesehen.

[01.05.2015, 08:43:02]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
weder eine EDV noch "Telemedizin" kann eine Krankheit heilen
und die hier geforderte "Integration" von medizinischen und nicht-medeizinischen persönlichen Daten ist für den Arzt schlicht ein Verstoß gegen das Strafgesetzbuch § 203.

Das sollte die Politik nicht einfach ausblenden!!! § 203 StGB

Wenn ich als Patient z.B. eine Operation vor mir habe, möchte ich den Operateur vorher persönlich sehen
und ich als Operateur will das umgekehrt EBENFALLS!
Wenn er für den Op-Termin eine "online-Anmeldung" zur Bedingung macht, wie hier kolportiert wird - eher ein Märchen von IT-Firmen -
dann kann ich gerne darauf verzichten, er kann sich ja einen Op-Roboter im Internet suchen. zum Beitrag »
[30.04.2015, 22:50:54]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Medikationsplan im E-Health-Gesetz der Bundesregierung wie bei den "Flinstones"?
Wie verschlafen das geplante E-Health-Gesetz der Bundesregierung auf Laien und Profis wirkt, erkennt man unschwer daran, dass selbst die "Entwicklung eines Medikationsplans" redundant ist. Dieser soll nicht einmal elektronisch aufbereitet und damit kompatibel für "Neue Medien" wie PC's, Tablets, Smartphones, mobile App's, Web-App's oder WhatsApp sein, sondern ausschließlich in der veralteten Papierform verbleiben.

Bereits 1992, zur Zeit meiner hausärztlichen Praxisgründung in Dortmund, waren papier-gestützte Medikationspläne weit verbreitet. In allen aktuellen EDV-Praxissystemen sind üblicherweise mit der allgemeinen und Patienten-individuellen Medikamenten-Datenbank vernetzte Medikationspläne erstellbar, die auch per E-Mail auf elektronische Medien übertragen werden können.

Doch um dies zu realisieren, müssten "Gesundheit"-Politiker, -Ökonomen und -Strategen erst mal in die medizinische Versorgungsrealität eintauchen, anstatt sich ein virtuelles Stethoskop mit einem Reflexhammer an die Wand nageln zu wollen. Sie leben offensichtlich noch in der Welt der „Flinstones“ mit Fred Feuerstein, seiner Frau Wilma, geborene Schotterhaufen (Slaghoople), dem als Hauskatze dienenden Säbelzahntiger (Baby Puss), der Tochter Pebbles (engl. Kiesel), den Nachbarn Betty geborene McBackstein (McBricker) und Barney Geröllheimer (Betty & Barney Rubble) mit ihrem ungewöhnlich starken Adoptivsohn Bamm-Bamm bzw. den Schaudersteins (The Gruesomes) in der Schlafstadt Steintal/Felsental (Bedrock). Der dortige Hausarzt hatte wohl die Medikationspläne damals immer von Hopperuh aus Steintralien, genannt Hoppy, in kleine Steintäfelchen ritzen lassen?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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