Ärzte Zeitung, 04.05.2015

Dr. Norbert Smetak

"Die Fachärzte werden außen vor gelassen"

Zu viele Fachärzte - aber Probleme mit Wartelisten: Im Versorgungsstärkungsgesetz sieht Dr. Norbert Smetak, Vorsitzender des Berufsverbandes Niedergelassener Kardiologen, große Widersprüche. Im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" erläutert er, welche.

Das Interview führte Helmut Laschet

Dr. Norbert Smetak

"Die Fachärzte werden außen vor gelassen"

© Regenscheit

Ausbildung: Nach dem Medizinstudium internistische Weiterbildung von 1986 bis 189 in München und Ludwigsburg, anschließend bis 1993 Innere Medizin/Kardiologie; Facharzt für Innere Medizin, Teilgebiet Kardiologie.

Seit 1993 niedergelassen in Kirchheim Teck mit der Diabetologin Dr. Birgit Smetak.

Berufspolitik: Seit 2001 BNK-Regionalvorsitzender in Nord-Württemberg, seit 2007 zunächst kommissarischer, ab 2008 Bundesvorsitzender des BNK. Kooptiert im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie und stellvertretender Vorsitzender des Sektion Kardiologie im Berufsverband Deutscher Internisten.

Ärzte Zeitung: Herr Dr. Smetak, das Versorgungsstärkungs-Gesetz befindet sich in der entscheidenden Phase der parlamentarischen Beratungen. Der Gesetzgeber reagiert damit vor allem auf die wachsenden Lücken in der hausärztlichen Versorgung. Für die fachärztliche Versorgung wird unterstellt, dass es meist Überversorgung gibt. Wie sieht es in der Fachgruppe der Kardiologen aus?

Dr. Norbert Smetak: Mit Sicherheit haben wir keine Überversorgung. Beim Versorgungsstärkungs-Gesetz stören uns besonders zwei Punkte: Zum einen wird Überversorgung proklamiert und ein sogenanntes Aufkaufs-Modell als Sollvorschrift erlassen, zum anderen sind Terminservice-Stellen vorgesehen, weil es offenbar Terminnot bei Fachärzten gibt. Das ist ein Widerspruch.

Wir Kardiologen sind in der Gruppe der Facharzt-Internisten beplant. Die Planungsbereiche gehen zurück auf Zahlen von 1990. Da herrschten eine ganz andere Morbidität, ein anderer Bedarf und eine andere Technik.

Diese Zahlen müssen dringend überarbeitet werden. Immer wieder wird angeführt, in Ballungsgebieten existiere Überversorgung, in ländlichen Regionen eher Unterversorgung. Auch das kann man so nicht sehen.

Es gibt einen Urbanisierungstrend, die Menschen streben in die Städte, sie sind flexibler und mobiler geworden. Und sie nehmen unsere Kollegen in den Ballungsräumen in Anspruch. Perspektivisch werden wir mehr Kardiologen brauchen - und das haben wir den Abgeordneten auch signalisiert.

Sie beklagen die Mängel der Bedarfsplanung. Welche Konsequenzen muss das haben, beispielsweise für eine Morbiditätsmessung?

Smetak: Berücksichtigt werden muss vor allem der deutliche Shift von Patienten aus der stationären in die ambulante Versorgung, aber auch die Verlagerung von Leistungen aus der hausärztlichen Ebene zu uns Kardiologen. Denn der Hausarztmangel wird auch von uns Fachärzten aufgefangen.

Für die nächste Novellierung der Musterweiterbildungsordnung ist geplant, dass auch Weiterbildungsabschnitte von Spezialdisziplinen in der ambulanten Medizin absolviert werden können. Völlig ungeklärt ist aber, wie diese ambulanten Weiterbildungsabschnitte finanziert werden sollen.

Smetak: Korrekt. Wir fordern ein ähnliches Modell wie bei den Hausärzten. Dort soll die Förderung der Weiterbildung noch einmal gestärkt werden. Die Fachärzte werden hingegen außen vor gelassen.

Wir brauchen genauso wie die Hausärzte eine Unterstützung unserer Weiterbildungsstrukturen. Wir leisten schon jetzt in unseren Praxen einen großen Anteil - und das muss finanziell unterlegt werden.

Wäre es eine Alternative, die Leistungen, die Ärzte in ihrer Weiterbildung erbringen, über die Vergütung zu finanzieren?

Smetak: Ich meine, man sollte das nicht mischen. Das eine ist die Weiterbildung, das andere sind die Vergütungsstrukturen. Das sind zwei verschiedene Sachen.

Wir werden es künftig mit weitaus mehr chronisch kranken und multimorbiden Patienten zu tun haben. Sie haben kürzlich in Baden-Württemberg eine Versorgungsinitiative Diabetes und KHK gestartet. Können Sie die Ziele und Instrumente skizzieren?

Smetak: Das Projekt basiert auf einer Leitlinie, in der Kardiologen und Diabetologen gemeinsam die Betreuung von Patienten definiert haben. Hier ist es wichtig, dass der Kardiologe an den Diabetes denkt wie auch der Diabetologe an kardiologische Krankheitsbilder.

 Das Ziel ist, Krankheiten in ihrem Frühstadium zu erkennen und rechtzeitig zu intervenieren. Auf diese Weise wollen wir Primär- und Sekundärprävention kombinieren. Langfristig könnte das Kosten sparen, vor allem aber würde die Patientenversorgung qualitativ verbessert werden.

Wie arbeiten Sie da mit Hausärzten zusammen?

Smetak: Eigentlich sehr gut. Die Hausärzte sind heute froh, wenn man ihnen schwierige Dinge abnimmt, vor allem auch in der Diagnostik.

Welche Rolle spielt der Ausbau der Brustschmerzambulanzen?

Smetak: Das ist sehr wichtig. Die Brustschmerzambulanzen sind ja ergänzend zu den Chest Pain Units entstanden. Hintergrund war, dass es Patienten gibt, die nicht sofort im Krankenhaus behandelt werden müssen - oder die das Krankenhaus möglichst auch meiden wollen, bei denen der Hausarzt aber den Verdacht auf ein ernsthaftes kardiales Problem hat.

Hier wollen wir Auffangeinrichtungen schaffen, die den Hausarzt entlasten und die für den Patienten eine qualifizierte Anlaufstelle sind. Das wird nicht die Chest Pain Units ersetzen.

Was aber noch fehlt, ist ein bundesweiter Ausbau dieser Struktur. Brustschmerzambulanzen gibt es nur vereinzelt in Ballungszentren, weil es bislang an der Finanzierung fehlt. Wir sind aber mit den Krankenkassen im Gespräch.

Lassen Sie uns zur Honorarpolitik kommen: Die Gruppe der Schwerpunkt-Internisten zählt zu den eher besser verdienenden Ärzten. Gleichwohl scheint es bei den Kardiologen Unzufriedenheit zu geben. Wo sehen Sie die Probleme?

Smetak: Umsatz ist nicht gleich Gewinn. Und "besser verdienen" ist immer relativ. Im Vergleich zu manchen Steuerberatern und Rechtsanwälten zählen wir eher zu den schlechter verdienenden. In der Ärzteschaft gehören wir aber fraglos zum oberen Drittel.

Wir haben allerdings hohe Kosten für unsere Ausbildung und für die Technik unserer Praxen - und eine große Verantwortung für unsere Patienten. Das darf auch ein bisschen besser honoriert sein.

Wir haben ein großes Problem mit dem extremen regionalen Gefälle unserer Honorierung. Die Fallwerte schwanken je nach KV zwischen unter 50 und über 80 Euro. Die niedrigen Fallwerte müssen dringend angepasst werden, wie beispielsweise in Hessen, wo die Vergütung weit unter Durchschnitt liegt.

Wie sieht es denn mit der Vergütung innovativer Leistungen aus?

Smetak: Das ist schwierig. Im EBM findet das so gut wie gar nicht statt. Im Bewertungsausschuss versuchen die Krankenkassen alles, um Innovationen anzuhalten. Ich habe gerade ein aktuelles Problem: Telemedizin.

Da sind wir im Clinch mit KBV und Krankenkassen, um eine innovative Struktur ans Netz zu bekommen. Schon in solchen Bereichen, die eigentlich von der Politik unterstützt werden, ist es schwierig, sinnvollen technischen Fortschritt zu realisieren.

Wie ist es um die Investitionsfähigkeit kardiologischer Praxen bestellt?

Smetak: In Teilbereichen schlecht. Das liegt auch an dem starken regionalen Vergütungsgefälle. In manchen Regionen muss man von der Masse leben. Hier muss unbedingt nachjustiert werden, sonst könnte die Versorgung tendenziell schlechter werden.

In Baden-Württemberg spielt die Kombination von Haus- und Facharztverträgen mit der AOK und Bosch BKK eine bedeutende Rolle, an der auch die Kardiologen beteiligt sind. Wie ist die Bilanz?

Smetak: Sehr positiv. Es erlaubt uns, die Patienten intensiver und individueller zu betreuen. Und wir haben einen großen Anteil innovativer Leistungen, die es in der Regelversorgung nicht gibt: Vergütungsstrukturen für ambulante Schrittmacherimplantation, Druckdrahtmessung und vieles mehr. Das bringt den Kollegen 20 bis 30 Prozent mehr Honorar.

Eine letzte Frage: Haben Sie noch Hoffnung auf eine GOÄ-Reform?

Smetak: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Ich habe noch etwa zehn Jahr in meinem Beruf vor mir. Ich wäre froh, wenn ich die GOÄ-Reform noch erleben dürfte.

[05.05.2015, 18:48:49]
Dr. Jürgen Straube 
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