Ärzte Zeitung, 13.10.2015

Pädiatriekongress

Erstaunlich viele Kinder mit Fehlbildungen

BAD ORB. Jedes 15. Neugeborene wird in Deutschland mit einer großen Fehlbildung geboren. Fehlbildungen bei Kindern treten damit häufiger auf als weit verbreitete Krebserkrankungen wie etwa der Lungenkrebs. Auf diese - auch für viele der rund 450 Teilnehmer des Herbstkongresses der Kinder- und Jugendärzte - überraschenden Daten hat Kongressleiter Professor Klaus-Michael Keller in Bad Orb hingewiesen.

50.000 Neugeborene werden pro Jahr mit einer größeren Fehlbildung geboren. Dies führe dazu, dass ein Viertel aller Todesfälle bei Kindern und ein Drittel aller stationären Aufnahmen in Kinderkliniken auf Fehlbildungen zurückzuführen seien. Auch die Kostenaspekte sind dabei laut Keller nicht zu vernachlässigen, da die betroffenen Kinder intensivmedizinische und oft auch lebenslange Behandlungen benötigten.

Vor allem Muskel- und Skelettanomalien

Mehr als 60 Prozent der Fehlbildungen sind Anomalien des Muskel- und Skelettsystems, des inneren Urogenitaltrakts und des kardiovaskulären Systems. Das Risiko, mit einer Fehlbildung geboren zu werden, ist bei Frühgeborenen unterhalb der 32. Schwangerschaftswoche um den Faktor sechs im Vergleich zu normal geborenen Kindern erhöht. Ein um das 2,4 bis 3,3 fache Risiko wird durch einen Alkoholabusus oder eine Diabeteserkrankung der Mutter ausgelöst.

Als wirksame Präventionsmöglichkeit nannte Keller die "absolute Alkoholabstinenz" in der Schwangerschaft sowie die Folsäuresubstitution bei Frauen mit Kinderwunsch. Nach Studienergebnissen aus Rheinland-Pfalz war zwar 61 Prozent der befragten schwangeren Frauen die Bedeutung der Folsäuresubsitution bewusst.

Eine adäquate perikonzeptionelle Folsäureeinnahme wurde aber nur von 28 Prozent der Schwangeren mit hohem und gar nur von fünf Prozent mit niedrigem sozioökonomischen Status vorgenommen. Keller sieht hier präventiv dringenden Handlungsbedarf, da eine effektive Folsäureprophylaxe in Deutschland "nahezu nicht existent" ist. (ras)

[14.10.2015, 22:54:01]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
@Ephedra Detailreich, eher nicht
was im Alter der Frau deutlich ansteigt, sind die numerischen Chromosomenaberrationen, weil der (nur) letzte Teilungsschritt der Eizelle zunehmend gestört ist.
Das ist allerdings so gravierend, das sich hier die Natur selbst hilft,
selbst wenn sie befruchtet werden, und hier die Einnistung versagt. Diese Eizellen werden also entsorgt (bis gelegentlich auf die vergleichsweise rel. harmlose Trisomie21-Variante). Das ist auch der Grund dafür, dass man im fortgeschrittenen Alter mindesten ein Jahr probieren muss, bevor man von Infertilität reden darf, die bekanntlich recht gut behandelt werden kann.
Es ist wohl eher die zunehmende Aufspaltung der Gesellschaft (sozioökonomisch) wie oben angedeutet, mit einer gewissen Verwahrlosung gerade junger Menschen.  zum Beitrag »
[14.10.2015, 16:54:53]
Ephedra Detailreich 
Alter
Kann das nicht auch mit dem insgesamt gestiegenen Alter der Mütter bei der Geburt zusammen hängen?  zum Beitrag »
[14.10.2015, 15:08:54]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Kann die "absolute Alkoholabstinenz" eingehalten werden?
Im Jahr 2014 betrug die Zahl der Lebend­geborenen 714.966 Kinder. https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/Bevoelkerung/Bevoelkerung.html
Wenn davon 50.000 Neugeborene pro Jahr mit einer größeren Fehlbildung geboren werden, sind das knapp 7 Prozent: Sieben erkrankte Kinder stehen 93 gesund Geborenen gegenüber.

Leider ist der Begriff Alkoholabusus [ICD10-Code: F10.1], also der Alkohol-Missbrauch, nicht genauer definiert. Aber man versteht darunter den schädlichen Gebrauch von Alkohol, im engeren Sinn Äthylalkohol, der nicht nur in der Schwangerschaft körperliche, psychische und soziale Schäden nach sich zieht.

Wir kennen bisher keinen Schwellenwert, mit dem ein geringfügiger Alkoholgenuss in der Gravidität bewertet werden kann. Von daher ist es reines Wunschdenken, dass die "absolute Alkoholabstinenz" in der Schwangerschaft als wirksame Präventionsmöglichkeit von angeborenen größeren Fehlbildung wissenschaftlich bewiesen worden ist.

Völlig unabhängig von der Debatte um die adäquate perikonzeptionelle Folsäureeinnahme ist es m. E. ein Unding, ausnahmslos jeder Schwangeren, die zum Geburtstag einmalig ein Glas Sekt getrunken hat, für die 7-prozentige, spontane Fehlbildungsrate bei allen Neugeborenen verantwortlich zu machen. Strikte Verbote sind übrigens in allen Fällen sozialpsychologisch kontraproduktiv, denn sie reizen gesamtgesellschaftlich zur Überschreitung von Grenzen, insbesondere, wenn diese nicht schlüssig belegt werden können.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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