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Ärzte Zeitung, 02.11.2015

Kooperationen und Netze

Das ist die Zukunft der Hausarzt-Versorgung

Landarztnetze, Arztzentren und Ärzteteams, Gesundheitshäuser und Gemeindeschwestern: Möglichkeiten, Synergerien zu nutzen, gibt es viele. Und die werden in Zukunft immer wichtiger werden. Das war der Tenor bei einer Veranstaltung in Mainz.

Von Anne Zegelman

Das ist die Zukunft der Hausarzt-Versorgung

Vier Allgemeinärzte, eine Praxis: Sich mit Kollegen zusammenzuschließen, kann dem Einzelnen viele Vorteile bringen..

© GiZGRAPHICS/Fotolia

MAINZ. "Kooperative Modelle werden künftig eine große Rolle spielen", sagte Landesgesundheitsministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler (SPD) bei der Zentralen Zukunftswerkstatt in Mainz, zu der das Ministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Demografie eingeladen hatte.

Sich mit anderen zusammenzutun bringe für junge Ärzte greifbare Vorteile: "Weniger Risiko, gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Arbeiten im Team."

Das konnte Dr. Harald Böhme, Mitbegründer eines Gesundheitszentrums in Büchenbeuren, nur bestätigen: "Junge Leute wollen heute nicht mehr in alte Strukturen hinein gehen", berichtete der Mediziner von seinen Beobachtungen.

Die Allgemeinärzte selbst seien am Zug, dafür zu sorgen, neuen Strukturen Raum zu geben, um ihre Position für einen möglichen Nachfolger attraktiv zu machen.

Aus Erfahrung lernen

Detailliert vorgestellt wurden zehn Projekte, die das Ministerium für sein Programm "Lokale Zukunftswerkstätten" bereits im Vorfeld für eine moderierte Förderung ausgewählt hatte - zehn weitere kommen in einem zweiten Schritt hinzu. Sowohl kommunale Vertreter als auch Allgemeinmediziner, die Perspektiven für die eigene berufliche Zukunft ausloten, zeigten großes Interesse an den Erfahrungswerten derer, die bereits in Verbünden arbeiten.

In Kleingruppen war viel Raum für Fragen und persönliche Gespräche. So wollte einer der Teilnehmer denn auch von Böhme wissen, was er heute anders machen würde.

"Ich würde von Anfang an eine externe Moderation zur Ausarbeitung des Vertrags hinzunehmen", lautete die Antwort des Allgemeinmediziners. "Dadurch wird die ganze Struktur viel klarer, Entscheidungsprozesse werden beschleunigt, Diskussionen abgekürzt."

Aus der Not geboren

Böhme gründete im April 2011 mit drei allgemeinmedizinischen Kollegen das Gesundheitszentrum "Ärzteteam Büchenbeuren". Ein Projekt mit Vorreiterfunktion: "Wir waren eine der ersten in Rheinland-Pfalz", berichtet Böhme.

Der Zusammenschluss sei aus der Not geboren worden, da die anderen Ärzte im Ort älter gewesen seien als er - und Böhme befürchten musste, von Patienten "überrannt" zu werden, wenn die Kollegen keine Nachfolger fänden.

Der Sohn eines der Ärzte habe schließlich vorgeschlagen, eine Kooperation einzugehen. Die beteiligten Ärzte begriffen das als Chance, sich zukunftsfähig aufzustellen, ein attraktives Arbeitsumfeld für junge Ärzte zu schaffen - und die Versorgung im 1600-Einwohner-Ort im Rhein-Hunsrück-Kreis zu sichern.

Die Fusion von drei Praxen zu einer neuen, großen Gemeinschaftspraxis war allerdings nicht unproblematisch. "Wir hatten bis zur Praxiseröffnung fast drei Jahre Vorlauf", berichtet Böhmer.

Zu klären war unter anderem, nach welchen Kriterien die Einnahmen aufgeteilt werden, welche medizinischen Geräte die neue Praxis aus den Einzelpraxen übernehmen würde und wie mit möglichen Regressansprüchen umzugehen ist.

Mit der Hilfe einer externen Moderatorin erarbeiteten die neuen Partner einen detaillierten Vertrag. Das Büchenbeurer Ärzteteam rechnet nun alles gemeinsam ab, intern werden die Finanzen nach den Kriterien Arbeitszeit, Anzahl der Patientenkontakte und Sonderdiensten wie Fachleistungen aufgeteilt. Für Regressansprüche haftet die Praxis; intern der, der den Schaden verursacht hat.

Darüber hinaus mussten die Ärzte auch als Team zusammenwachsen. "Jeder von uns hatte vorher eine alteingesessene Praxis, da muss man sich auch beim Workflow erst einmal auf einen gemeinsamen Nenner einigen", berichtet Böhme.

Projektmanagerin Dr. Barbara Müller, die die Vertragsausgestaltung begleitet hat, empfahl, Abläufe regelmäßig auf den Prüfstand zu stellen. Das nahmen die Ärzte sich zu Herzen, Böhme gibt aber auch zu: "Am Anfang war ich meiner Routine völlig beraubt."

Man müsse bereit sein, sich auf Neues einzulassen, sich von alten Strukturen lösen und gemeinsam mit den Kollegen an einem Strang ziehen.

Zum Gesundheitszentrum Ärzteteam Büchenbeuren gehören neben mittlerweile fünf ärztlichen Gesellschaftern weitere Ärzte, teilweise in allgemeinmedizinischer Weiterbildung. Die Praxis beschäftigt 16 medizinische Fachangestellte, zum Teil in Teilzeit.

Die Praxis ist eine akademische Lehrpraxis der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz, die in Zusammenarbeit mit dem Krankenhaus in Simmern Medizinstudenten in Famulatur, Blockpraktikum und Praktischem Jahr betreut und ausbildet.

Proaktiv handeln statt abzuwarten

An das Konzept Ärzteteam hat sich Böhme Stück für Stück herangetastet: Zehn Jahre führte der Allgemeinmediziner seine eigene Praxis, zwölf Jahre arbeitete er in einer Doppelpraxis mit einem Kollegen, bevor er den Schritt wagte und in eine große Kooperation ging.

Heute sagt er: "Um freiwerdende Stellen besetzt zu kriegen, sollten Praxen und Kommunen potenziellen Bewerbern Vorteile einer Kooperation wie flexible Arbeitszeiten und mehr Urlaub schmackhaft machen." Man könne es den jungen Ärzten nicht übel nehmen, dass sie dorthin gingen, wo moderne Strukturen vorhanden seien.

Kommunen, die ihre Versorgung mit einem Kooperationsmodell zukunftsfähig aufstellen wollten, empfahl Böhme, Ärzte an einen Tisch zu bringen und Informationen zur Verfügung zu stellen, ohne Druck auszuüben.

Sein Rat an Mediziner, die ein ähnliches Konzept in Betracht ziehen, lautet: "Es dauert alles sehr viel länger, als man denkt - man darf nicht den Fehler machen, zu glauben, dass ein Jahr zur Vorbereitung langt."

Proaktiv zu handeln, könne Allgemeinärzte von der Zukunftsangst erlösen, "dass es über mich kommt, wenn die älteren Kollegen in den Ruhestand gehen". Gleichzeitig könnte eine Kooperation eine Chance für mehr persönliche Zufriedenheit sein.

[21.05.2016, 20:02:47]
Nader Kayali 
Kooperation?
".....und die Versorgung im 1600-Einwohner-Ort im Rhein-Hunsrück-Kreis zu sichern."
Tja, für mich völlig unverständlich wozu für gerade mal ein Handvoll Patienten 3( drei) Hausärzte nötig sind??
Von den 1600 Einwohnern sind ja nicht alle behandlungbedürftig, max 60% und schon gar nicht jedes Quartal.
Im Bundesschnitt bekommt man pro Patient und pro Quartal,egal wieviel Kontakte entstehen , so um die 50+- Euro.Da kann sich jeder ausrechnen was nach Abzug von Praxiskosten und privater Absicherung( Rentenbeiträge,Krankenversicherubg .....usw) übrigbleibt.Solange die Bezahlung nach diesem Modus so bleibt wird es niemals Nachfolger in ländlichen Regionen geben.Der Zusammenschluss der 3!!! Kollegen bedeuter eine komplette Überversorgung .
LG Malocherdok zum Beitrag »
[02.11.2015, 14:10:12]
Anne C. Leber 
Leserzuschrift von Dr. Wolfgang Muche
Auf das Land locken ist heute die Devise, also dümmer kann man die Allgemeinärzte nicht behandeln, liegt es doch an der mangelnden Wertschätzung seitens der Ärztegremien selbst und somit der entsprechenden Bezahlung. Eine einfache Abrechnung ist überfällig.
86 Ziffern für Impfungen bei Kassenpatienten in Niedersachsen ist Verhöhnung meiner Person, bei Privatpatienten brauche ich nur zwei Ziffern. Eine unsägliche Vertragsvielfalt mit den unterschiedlichsten Regelungen sollte sofort abgeschafft werden. Ein Hausarztvertrag für alle Krankenkassen, das würde ich mir wünschen. Leider bewegt sich die Gesundheitspolitik seit Jahrzehnten konsequent in die falsche, bürokratische Richtung. Eine Verschlechterung der Versorgung auf dem Lande ist bereits eingetreten.

Dr. Wolfgang Muche


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