Ärzte Zeitung, 20.11.2015

Wie viel ist zu viel?

Zuckerlobby macht Diabetologen sauer

"Zucker macht nicht dick" - mit solchen Sätzen in einem Rundschreiben an Abgeordnete des Gesundheitsausschusses sorgt die Zuckerlobby derzeit für viel Wirbel. Das bringt Diabetologen auf die Palme.

Von Anno Fricke

Zuckerlobby macht Diabetologen sauer

Müsliriegel klingt gesund. Zucker ist trotzdem drin.

© Frofoto / fotolia.com

BERLIN. In der Zuckerindustrie herrscht Unruhe: Das Präventionsgesetz ist beschlossen, die damit aufgelegte Nationale Präventionsstrategie dürfte laut einem Beschluss des Bundestags ein Werbeverbot für Süßigkeiten und Softdrinks an Kitas und Grundschulen nach sich ziehen, und nun hat sich die große Koalition auf Drängen der SPD ganz aktuell auch noch ausdrücklich auf eine Nationale Strategie zur Verringerung von Zucker, Fett und Salz in Fertigprodukten geeinigt.

Zwei Millionen Euro soll der Bundestag in dieser Woche für die Entwicklung gesünderer Rezepturen bereit stellen.

Vielleicht waren es diese Nachrichten, die die Zuckerlobby veranlasst haben, allen Mitgliedern des Gesundheitsausschusses des Bundestags per Mail einen Infodienst zukommen zu lassen. Darin finden sich verstörende Sätze: "Zucker macht nicht dick", heißt es da zum Beispiel.

Energiebilanz ist entscheidend

Für Übergewicht und damit eine erhöhte Gefahr von Diabetes Typ 2 sei nicht eine einzelne Zutat, sondern die Energiebilanz eines Menschen entscheidend.

Zum Beleg führen die Autoren eine Leitlinie der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) an und kommen zu dem Schluss: Auf Zucker muss man nicht verzichten, um einer Diabetes-Erkrankung vorzubeugen.

Das brachte die Diabetologen auf die Palme. Die Argumentation der Zuckerverbände sei unseriös, weil sie entscheidende Zusammenhänge bewusst ausspare, schrieb DDG-Präsident Professor Baptist Gallwitz daraufhin seinerseits an die Abgeordneten.

Eine Ernährung mit hochkalorischen Produkten führe zu Übergewicht, was wiederum Diabetes und viele andere Krankheiten auslösen könne. Insoweit sei der weltweit viel zu hohe Zuckerverbrauch schädlich und müsse zurückgeführt werden, so Gallwitz.

Und DDG-Geschäftsführer Dr. Dietrich Garlichs ergänzte, dass die Zuckerlobby die Politiker auf diese Zusammenhänge hätte hinweisen müssen, wenn es ihr um seriöse Information gegangen wäre.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfehle Erwachsenen nicht mehr als 50 Gramm Zucker am Tag zu sich zu nehmen.

Dann liege man ja gar nicht so weit auseinander, reagierte darauf wiederum der Wirtschaftsverband in einer Pressemeldung. Warum die Fachgesellschaft die Argumentation der Zuckerwirtschaft als unseriös bezeichne, sei nicht nachzuvollziehen, wo man sich doch in der Sache eigentlich einig sei, schrieb der Hauptgeschäftsführer der Wirtschaftlichen Vereinigung Zucker, Günter Tissen.

Kritik aus dem Bundestag

Schließlich sehe ja auch Gallwitz das Übergewicht als Auslöser von Diabetes an und wende gegen einen "maßvollen Konsum von Zucker" nichts ein.

Bei den Adressaten im Bundestag wurde die Aktion der Zuckerlobby kritisch kommentiert. Es sei unseriös, wenn mit falschen Darstellungen versucht werde, Abgeordnete zu beeinflussen, sagte die Grünen-Politikerin Nicole Maisch der "Ärzte Zeitung".

"Man merkt deutlich, dass die Zuckerindustrie nervös wird, weil selbst multinationale Nahrungsmittelhersteller sich schon für eine Zuckerreduktion in ihren Produkten ausgesprochen haben", sagte Maisch, die für die Grünen im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft sitzt, wo das Schreiben der Lobby ebenfalls angekommen war.

Gemeint sind etwa Mars Deutschland und Nestlé, die bereits signalisiert hätten, dass sie die WHO-Vorgaben grundsätzlich für richtig hielten.

Ernährungsverbote und Sportzwang seien abzulehnen, kommentierte Birgit Wöllert, für die Linke im Gesundheitsausschuss, den Vorgang. Die Ursachen von Diabetes und erst recht von Übergewicht seien dafür zu komplex. Die Linke sei für eine verbraucherfreundliche Kennzeichnung, um informierte Entscheidungen zu ermöglichen, sagte Wöllert dieser Zeitung.

[24.11.2015, 14:21:58]
Dr. Christoph Luyken 
interessantes Zahlenspiel
Ich danke Herrn Dr.Schätzler, daß er die Zahlen zur Verfügung gestellt hat. Nur so kann man sich vor Augen führen, um was für ein gigantisches Problem es sich mit dem Zucker handelt, der die bekannten medizinischen Folgen verursacht.

Hier ein positives Szenario: Wenn man nur einmal mit den Inlandszahlen ein wenig weiter rechnet und sich vorstellt, daß mit einer moderaten Abgabe von 3€ pro kg Zucker (das wären für die von der WHO für tolerabel angesehene Menge von 50g Zucker gerade einmal 15 Cent pro Person) eine Summe von rund 9 Milliarden Euro generiert werden könnte, dann ließe sich schon einiges Sinnvolles im Gesundheitswesen und Prävention damit anfangen. Zumal für die importierten Zuckerwaren noch entsprechende Anteile hinzukämen!

Was spricht also gegen eine Zuckersteuer bzw. Gesundheitsabgabe auf Zucker? Der Landwirtschaft würde ein Rückgang des Zuckerkonsums nicht wirklich schaden, denn der Zucker kann ebenso einer industriellen Verwendung (Stichwort: Bio-Alkohol, Treibstoffproduktion) zugeführt werden. Es würde allerdings die Süßwaren- und Süßgetränkeproduzenten mittel- und langfristig treffen. Angesichts der immensen Probleme, welche die ernährungsabhängigen Erkrankungen für die Menschheit darstellen, sollte das ein nachrangiges Problem sein!  zum Beitrag »
[23.11.2015, 23:03:20]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
"Traue keiner Statistik, die Du nicht selbst manipuliert hast!"
Es ist die Zuckerindustrie selbst, die sich mit ihren eigenen Zahlenangaben ad absurdum führt:
http://www.suedzucker.de/de/Zucker/Zahlen-zum-Zucker/Deutschland/

Die Zuckererzeugung in Deutschland betrug in der Zuckerrüben-Saison 2013/2014 noch 3,43 Millionen Tonnen. 2014/2015 wurde die Zuckerproduktion um 1,06 Millionen Tonnen auf insgesamt 4,49 Millionen Tonnen gesteigert. Das entspricht einem massiven Zuwachs von 30,9 Prozent!

Die Anbauflächen in Hektar (ha) wurden im gleichen Zeitraum nur von 315.548 ha auf 339.041 ha vergrößert. Beim Inlandsabsatz von Zucker in Millionen Tonnen werden vorsichtshalber erst gar keine aktuellen Zahlen genannt: Er soll mit 2,92 Millionen Tonnen in 2012/2013 auf 2,90 Millionen Tonnen Zucker in 2013/2014 leicht zurück gegangen sein?

Das mag glauben, wer will - aber eine Produktionssteigerung um plus 30,9 Prozent müsste anders erklärt werden: Dann bräuchte man den aktuellen Inlandsabsatz von Zucker 2014/2015 nicht einfach verheimlichen.

Aber es kommt noch süßer: Ganze 12 Prozent soll der Anteil an Haushaltszucker beim Rübenanbau und Zuckermarkt in Deutschland betragen. Bei einer Steigerung der Zuckerproduktion um 30,9 Prozent nimmt aber der 12-prozentige Anteil, in absoluten Zahlen ausgedrückt, e b e n f a l l s um ca. 30 Prozent zu.

Außerdem darf nicht vergessen werden, dass ein Löwenanteil der Zuckerproduktion in
- Brotaufstriche und Obstkonserven (5%)
- Milchprodukte und Speiseeis (4,1%)
- Backwaren (14,3%)
- Süßwaren (17,3%)
- Getränke (17,9%) mündet.
Das sind neben dem Haushaltszucker mit bescheidenen 12% z u s ä t z l i c h e 58,6%, die sich Verbraucherinnen und Verbraucher in den Mund stopfen sollen.
(Quelle: Wirtschaftliche Vereinigung Zucker)

Da immer weniger im eigenen Haushalt mit Zucker gekocht, gebacken, entsaftet und "eingeweckt" wird, steigt tendenziell der Zucker-Anteil an den oben aufgelisteten Produkten im Handwerk oder in der Nahrungsmittel-/Getränke-Industrie bzw. den "Convenience"- und "Fast-Food"-Produkten. Ein massiv gesteigerter Zuckerverbrauch wird damit noch eher kaschiert und seine riskanten metabolischen und diabetogenen Auswirkungen werden verschleiert.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund zum Beitrag »

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