Ärzte Zeitung, 11.02.2016

Portalpraxen im Norden

Konzept "nicht zu Ende gedacht"

In Schleswig-Holstein gibt es viel Unmut über das Konzept der Portalpraxen, eine Gesamtstrategie fehlt. Ein Alternativvorschlag kommt vom Chef der Imland-Krankenhäuser in Rendsburg und Eckernförde.

Von Dirk Schnack

KIEL. Krankenhäuser und KV im Norden streben eine Neuorganisation des vertragsärztlichen Notdienstes an. KV-Chefin Dr. Monika Schliffke kann sich auch eine von Kliniken und KV gemeinsam erarbeitete Lösung vorstellen, die über den Innovationsfonds gefördert werden könnte.

Beim Neujahrsgespräch des Ersatzkassenverbandes (vdek) Schleswig-Holstein bezeichnete Schliffke die von der Politik ins Spiel gebrachten Portalpraxen als "nicht zu Ende gedacht", weil es Parallelstrukturen nicht aufgreife. Modelle in anderen Ländern taugen nach ihrer Ansicht nicht als Blaupause.

Auch wenn der Fallzahlanstieg der ambulant behandelten Notfälle in den Kliniken im Norden mit vier Prozent unter dem Bundesdurchschnitt liegt, sieht Schliffke Handlungsbedarf. Die Portalpraxen - im Norden schon seit Jahren als "Anlaufpraxen" etabliert - müssten eine Filterfunktion erfüllen, die das Patientenaufkommen nach den medizinischen Bedürfnissen sortiert, so Schliffke.

Ein neues Konzept sollte nach ihrer Ansicht eingebettet sein in eine Gesamtstrategie.

Anreize dringend notwendig

"Es muss um Ideen und um Verantwortungsübernahme zu grundsätzlichen Steuerungsinstrumenten gehen, wann Hausarzt, wann Facharzt, wann Krankenhaus, wann Fachklinik. Ohne dem Bürger Anreize zu setzen, sich nach medizinischen Gesichtspunkten steuern zu lassen und darin einen Vorteil für sich zu sehen, werden wir scheitern", sagte Schliffke.

Die überfüllten Notaufnahmen in Krankenhäusern überfordern vielerorts das Personal. Die Deutsche Gesellschaft für interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin schätzt, dass 60 Prozent der rund 20 Millionen Notfallpatienten in Deutschland ambulant behandelt werden. Für jeden Notfall soll einer Klinik ein Fehlbetrag von 88 Euro entstehen.

Die Überfüllung der Notfallaufnahmen in den Kliniken ist nach Ansicht Schliffkes nicht allein mit der demografischen Entwicklung zu erklären. "Wir leben in einem Land des großen Heilsversprechens, jede politische Richtung gewährt dem Bürger im Gesundheitssystem grenzenlose Freiheit. Sie verspricht ihm die Gewährleistung einer qualitativ optimalen Versorgung zu jeder Tages- und Nachtzeit und an jedem Ort völlig kosten- und verantwortungsfrei", sagte Schliffke.

Ein solches Versprechen gebe es in keinem anderen Land. Und: "Wenn das mal nicht so reibungslos funktioniert, dann hat man in der Ärzteschaft und vor allem in ihrem KV System schnell einen Schuldigen gefunden, weil da ja der Sicherstellungsauftrag liegt."

Auch Klinikgeschäftsführer Dr. Hans-Markus Johannsen hält eine Änderung der bestehenden Strukturen für sinnvoll. Die von ihm kaufmännisch geleiteten Imland-Krankenhäuser in Rendsburg und Eckernförde leisten im Jahr rund 20.000 Notfallbehandlungen, die mit rund 370.000 Euro vergütet werden.

Beschämend preiswert

Unter dem Strich erwirtschaftet das Krankenhaus nach seinen Angaben damit rund 1,7 Millionen Euro Defizit. Damit entfällt fast das gesamte Jahresdefizit der Imland-Kliniken auf die ambulanten Notdienstbehandlungen. Die Notfallbehandlungen seien "beschämend preiswert eingekauft", sagte Johannsen in Kiel.

Nach seinen Vorstellungen sollten Kassenärzte den Notdienst bis 22 Uhr organisieren, erst danach sollten Kliniken verpflichtet werden. Von einer Reform erwartet er vor allem eine Kostendeckung auch der hohen Vorhaltekosten.

Johannsen zog hierzu einen Vergleich: "Kennen Sie eine Feuerwehr, die nach Einsätzen bezahlt wird?"

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