Ärzte Zeitung, 29.03.2016

Kosten sparen

Patientensteuerung ja, aber nicht durch den Facharzt?

Die Vertragsärzte sind sich einig: Es gibt zu viele unnötige Arzt-Patienten-Kontakte. Strittig ist aber, wer die Arztbesuche künftig steuern soll.

BERLIN. Die niedergelassenen Ärzte wollen die Arztbesuche von Patienten besser steuern, um Kosten und Ressourcen zu sparen. "Im Durchschnitt geht in Deutschland jeder Patient 17 Mal zum Arzt, entweder zum selben oder zu mehreren. Das sind sehr viele Kontakte - und längst nicht alle sind notwendig", sagt KBV-Chef Dr. Andreas Gassen.

Die Schweden gehen laut KBV hingegen weniger als drei Mal im Jahr zum Arzt. Für eine bessere Steuerung sei es wichtig, einen Ansprechpartner als erste Anlaufstation zu haben. Das könnte der Hausarzt sein oder ein Facharzt, bei dem der Patient - etwa wegen einer chronischen Erkrankung wie Rheuma - dauerhaft in Behandlung ist, so Gassen.

Dagegen sehen sich die Hausärzte in Deutschland als einzige und erste Anlaufstelle zur Patientensteuerung. "Die hohe Anzahl unnötiger Arzt-Patienten-Kontakte oder die vielen überflüssigen Krankenhausaufenthalte, werden nur dann nachhaltig gelöst werden, wenn wir ein frei wählbares hausärztliches Primärarztsystem flächendeckend umsetzen", sagte der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbandes, Ulrich Weigeldt.

Auch der Bayerische Hausärzteverband (BHÄV) wehrt sich gegen den Begriff des "grundversorgenden Facharztes. In einem Rundschreiben kritisiert der BHÄV-Vorsitzende Dr. Dieter Geis, mit diesem Begriff werde der Politik "eine neue Spezies Hausarzt suggeriert". Dabei handele es sich um einen "massiven Angriff der fachärztlichen Funktionäre in der KBV auf die Beschreibung unseres ureigensten hausärztlichen Aufgabenfelds". Nur Hausärzte seien ausgebildet als "ganzheitliche Langzeitbetreuer, Akutbehandler und Koordinator" der Patienten", heißt es. Ein Facharzt, dessen Facharztqualität nicht bezweifelt werde, könne dies nicht "nebenbei leisten", so Geis.

Die Techniker Krankenkasse (TK) befürchtet in einer solchen Patientensteuerung hingegen vor allem eine Bevormundung ihrer Versicherten. "Erfolgversprechender als eine Steuerung im Sinne eines Dirigierens oder Bevormundens ist es in unseren Augen, die richtigen Anreize zu setzen und die Menschen zu motivieren, sich um ihre Gesundheit zu kümmern", so TK-Chef Jens Baas. Das könnte etwa über Bonusprogramme geschehen.

Gassen unterstrich, die freie Arztwahl müsse grundsätzlich erhalten bleiben. "Wir müssen aber darüber diskutieren, wie wir unser Gesundheitswesen zukunftsfest gestalten wollen. Die Nachfrage und die Kosten nach medizinischen, pflegerischen und anderen Leistungen werden allein schon auf Grund der demografischen Entwicklung steigen.

"Entsprechend müsse über mehrere Wahltarife in der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) nachgedacht werden. Wolle ein Patient selbst entscheiden, welche medizinischen Leistungen er nutzen wolle, sollten die Mehrbelastungen des Systems über zusätzliche Beiträge aufgefangen werden.

Andererseits müssten die Krankenkassen bei guter Steuerung über Beitragsrückerstattungen nachdenken. "Wir versprechen uns hierdurch ... einen bewussteren Umgang mit der Ressource `Arzt´." Allerdings: "Einen fertigen Plan haben wir noch nicht", sagte der KBV-Chef. und kündigte das Konzept bis zum nächsten Ärztetag im Mai in Hamburg an.

Einig sind sich Haus- und Fachärzte darin, mit einer besseren Steuerung unnötig viele Krankenhausaufenthalte zu vermeiden. Gassen sagte, nach Erhebungen des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (ZI) entstehen über sieben Milliarden Euro Kosten durch unnötige Krankenhauseinweisungen - also durch Einweisungen von solchen Fällen, die eigentlich ambulant behandelt werden müssten. (dpa/fst)

[29.03.2016, 17:05:37]
Dr. Genovefa Brugger 
Missbrauch von Arztbesuchen
Die informierten Patienten gehen nicht nur wegen Beschwerden zum Arzt. Sie wissen, dass bei jedem Antrag auf Rehabilitation, Rente oder Ähnlichem, zuerst geguckt wird, ob sie die letzten Jahre mindestens einmal pro Quartal, besser öfter, bei ihren Ärzten waren. Dies auch dann, wenn aktuell gar keine ärztliche Hilfe möglich ist. zum Beitrag »
[29.03.2016, 16:33:41]
Dr. Dieter Huelsekopf 
"Richtiger Anreiz" ist richtiig
Den Vorschlag einer 10%igen Beteiligung des Patienten an den Kosten aller für Ihn erbrachten medizinischen Leistungen gibt es von meiner Seite schon lange. Damit bin ich auch nicht alleine auf der Welt, denn die sog. Monopolkommission schlug vor Jahren ebenfalls eine prozentuale Selbstbeteiligung des Patienten anstelle von Brunchgebühren ("Festbeträgen")vor.
Um die Phonzahl beim Aufjaulen der Pseudosozialisten zu begrenzen:
Wir reden - auf´s Quartal gerechnet - von einem Beitrag in der Größenordnung der monatlichen Rundfunkgebühr, und zwar beim Durchschnittsrentner.
Außerdem sollten die Überfürsorglichen unter dem Stichwort "Überforderungsklausel" recherchieren.

Dieter Huelsekopf zum Beitrag »
[29.03.2016, 16:05:13]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Besonders peinlich wenn Ärzteverbände selbst die Sparappelle der Politik übernehmen.
Deutschland ist international nach OECD-Statistik erst an 9. Stelle bei der Konsultationshäufigkeit.
Und hat, da ja so viel über Geld geredet, vergleichsweise zu wenig niedergelassene Ärzte und zu viel Krankenhausmedizin, insbesondere zu wenig niedergelassene Fachärzte mit Ausnahme der Gynäkologen.
Für Deutschland waren (2007) 7,5 Arztkonsultationen/Jahr angegeben verglichen mit 13,6 des Spitzenreiters Japan mit der höchsten Lebenserwartung und trotzdem mit weniger proKopf- Ausgaben für Gesundheit. zum Beitrag »

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