Ärzte Zeitung online, 18.08.2016

Psychische Gesundheit

Von den Schienen nicht wegzudenken

Suizide auf den Schienen, Schichtdienste, Stress: Der Arbeitsalltag als Lokführer kann belastend sein. Die Deutsche Bahn nimmt das in ihrem Gesundheitsmanagement auf. Ein Besuch von Gesundheitsminister Gröhe.

Von Jana Kötter

Von den Schienen nicht wegzudenken

Dr. Christian Gravert von der Deutschen Bahn (l.) erläutert Gesundheitsminister Hermann Gröhe das Gesundheitsmanagement des Unternehmens.

© Jana Kötter

LEIPZIG. Der ICE rollt mit 220 Stundenkilometern über die Strecke, als der Lokführer eine Person auf den Gleisen sieht. Doch es ist bereits zu spät, um zu bremsen.

Eine solche Situation gibt es Tag für Tag auf deutschen Gleisen. Etwa 800 Menschen begehen jedes Jahr auf Schienen Suizid.

Jeder der 20.000 Lokführer der Deutschen Bahn erlebt das im Laufe seines Berufslebens durchschnittlich zwei bis drei Mal, berichtet Dr. Christian Gravert.

Der Allgemeinmediziner ist bei der Deutschen Bahn für das Gesundheitsmanagement zuständig. "Jeder Lokführer muss sich gedanklich darauf vorbereiten, dass so etwas passieren kann."

Minister Gröhe informiert sich im Zug

Gesundheit für Reisende

Nicht nur für ihre Mitarbeiter, auch für Reisende hält die Bahn Gesundheits-Angebote vor:

- Jeder Zugbegleiter ist als Ersthelfer geschult.

- Rund 600 Mal im Jahr kommen die Arztkoffer zum Einsatz, die in jedem Zug an Bord sind.

- Die Zahl der Notfall-Einsätze bewegt sich laut Dr. Christian Gravert im zweistelligen Bereich, konkrete Zahlen zu kardiovaskulären Notfällen liegen nicht vor. Die im Vergleich zum Flugverkehr niedrige Zahl erklärt er unter anderen damit, dass Reisende im Zug weniger Stress und Ängsten ausgesetzt seien.

- Defibrillatoren sind aufgrund der geringen Einsatzzahlen nicht vorhanden.

Als Gravert über die psychischen Herausforderungen im Zugverkehr spricht, hört Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) aufmerksam zu. Seine Sommerreise führt den Minister an diesem Morgen von Leipzig nach Frankfurt und dabei nutzt er die Zeit, um sich über "Gesundheit bei der Bahn" zu informieren.

Nicht nur weil es vergleichsweise viele Suizide auf der Bahnstrecke gibt, seien psychische Erkrankungen bei der Deutschen Bahn ein wichtiges Thema, erklärt der leitende DB-Arzt. "Auch den Schichtdienst empfinden viele Mitarbeiter als große Belastung", so Gravert.

Und auch neuere Phänomene wie Pöbeleien gegen Zugbegleiter oder die Zunahme von Bombendrohungen - auch wenn bisher noch nichts passiert sei - würden viele Bahnmitarbeiter belasten, berichtet Gravert. "Tatsächlich müssen auch wir uns aber auf den Gedanken der Terrorgefahr vorbereiten", glaubt der Arzt. Dabei sei es jedoch wichtig zu wissen, dass für den Notfall verlässliche Netze bestehen.

In ihrem betrieblichen Gesundheitsmanagement greift die Deutsche Bahn diese Themen rund um die psychische Gesundheit auf. So besteht unter anderem die Möglichkeit, telefonisch an einem Gesundheitscoaching teilzunehmen. Dort erhalten Mitarbeiter anonym Tipps rund um Stressbewältigung.

Gröhe weiß, wie wichtig Vertrauen dabei ist: "Sich einem Betriebsarzt gegenüber zu öffnen, erfordert schon bei Rückenschmerzen großes Vertrauen." Arbeitnehmer sollten weder Nachteile im Berufsleben befürchten müssen noch eine Stigmatisierung durch die Gesellschaft.

45 Psychologen bei der Deutschen Bahn

"Ärzte Zeitung" #unterwegsmitGröhe

Am dritten Tag seiner Sommerreise besucht Gesundheitsminister Hermann Gröhe am 19. August das Unternehmen SAP und den Frankfurter Flughafen. Die "Ärzte Zeitung" ist mit ihm on Tour und twittert unter #unterwegsmitGröhe.

Gegen Stigmatisierung, für eine frühe Sensibilisierung: Das ist der von der Deutschen Bahn eingeschlagene Weg. Insgesamt seien bei der Deutschen Bahn 45 Psychologen tätig, so Gravert.

"Gerade bei traumatischen Erlebnissen ist eine emotionale Verarbeitung in den ersten Tagen wichtig", betont er. Geschieht das nicht, kann es Spätschäden kommen - bei 20 bis 30 Prozent ist das der Fall, schätzt der Allgemeinmediziner und beruft sich auf Studienergebnisse.

Die Erfolge der Sensibilisierung für psychische Gesundheit zeigen sich laut Gravert bereits: Zumeist könnten Mitarbeiter mit psychischen Leiden ambulant behandelt werden, nur etwa drei Prozent müssten in eine Klinik.

Noch geringer sind die Zahlen derjenigen, die nie mehr in die Führerkabine zurückkehren: "Es sind heute nur noch Einzelfälle, die nach einer traumatischen Erfahrung berufsunfähig werden." Viele könnten umgeschult und dann in anderen Bereichen des Unternehmens eingesetzt werden.

Bis man erkennt und sich eingesteht, dass man selbst möglicherweise eine Depression entwickelt hat, dauert es oft. Der Prozess trete im eigenen Betrieb langsam ein, beobachtet Gravert.

Am Gesundheitssystem übt er Kritik: "Angesichts der Tatsache, dass rund 90 Prozent der jährlich 10.000 Suizide in Deutschland durch psychische Erkrankungen bedingt sind, wird zu wenig für deren Prävention und Therapie getan", wird Gravert auf der gemeinsamen Zugfahrt mit Gröhe deutlich. "Wenn man das damit vergleicht, wie viel etwa in Verkehrssicherheit investiert wird..."

Dass die psychische Gesundheit tatsächlich noch nicht so stark im Fokus steht, wie sie es verdient hätte, sieht auch der Minister. "Suizidprävention", pflichtet er bei, "hat mehr Aufmerksamkeit verdient."

Die Deutsche Bahn will ihren Beitrag dazu leisten. Man sei aktuell am Entwickeln einer App, die helfen könnte, niedrigschwellig Depressionen zu entdecken, berichtet Gravert.

[19.08.2016, 21:30:57]
Wolfgang P. Bayerl 
Der sollte mal eine Arztpraxis oder Intensivstation besuchen.
... jeder 20.000ste erlebt. zum Beitrag »
[19.08.2016, 09:03:32]
Ludwig A. Minelli 
Fehlende wichtige Information
Der Artikel weist folgenden in sich widersprüchlichen Absatz auf:

"Noch geringer sind die Zahlen derjenigen, die nie mehr in die Führerkabine zurückkehren: "Es sind heute nur noch Einzelfälle, die nach einer traumatischen Erfahrung berufsunfähig werden." Viele könnten umgeschult und dann in anderen Bereichen des Unternehmens eingesetzt werden."

Man würde gerne wissen, wie viele traumatisierte Lokführer genau nicht mehr in die Führerkabine zurückkehren, und wie viele umgeschult werden müssen, damit sie wenigstens erwerbsfähig bleiben. Das ist bei einem "Traumberuf", wie dies der Lokführerberuf einer ist, besonders wichtig. Nur wenn man die genauen Zahlen kennt, kann das Problem in seiner wirklichen Grössenordnung erkannt werden, und erst dann nimmt man es auch ernst.

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