Ärzte Zeitung, 14.10.2016

Baden-Württemberg

Die Regresskeule bleibt

Baden-Württembergs KV-Chef Metke kann den Delegierten steigende Honorare in allen Fachgruppen vermelden. Aber der Plan, aus dem Südwesten eine regressfreie Zone zu machen, ist nicht aufgegangen.

Von Florian Staeck

Die Regresskeule bleibt

Das kann teuer werden: Im Jahr 2014 haben über 4000 Ärzte im Südwesten ihre Richtgrößen bei Heilmitteln um mehr als 25 Prozent überschritten.

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STUTTGART. In Baden-Württemberg hat der KV-Vorstand zum Ende seiner Amtsperiode nach seiner Darstellung erfreuliche Honorarentwicklungen vermeldet. Im zweiten Quartal dieses Jahres lagen demnach die Honorare der Hausärzte um 3,8 Prozent höher als im Vorjahresquartal, trotz der Bereinigung durch die im Südwesten starken Selektivverträge, berichtete KV-Chef Dr. Norbert Metke bei der Vertreterversammlung am Mittwoch.

Bei Fachärzten beträgt das Honorarplus sogar 6,9 Prozent.

Im vergangenen Jahr erzielten Hausärzte nach seinen Angaben ein GKV-Honorar von durchschnittlich 230.000 Euro (unter Berücksichtigung der Selektivverträge). Bei einem Kostensatz von 47 Prozent entspreche dies einem GKV-Überschuss von im Schnitt 122.000 Euro, rechnete Metke vor. Für Kinder- und Jugendärzte weist die Honorartabelle einen Überschuss von 135.000 Euro aus.

Damit ergebe sich seit 2011 in den meisten Fachgruppen ein Honorarzuwachs von mehr als 20 Prozent, so Metke. Bei Hausärzten würden 100 Prozent der Leistungen vergütet, bei Fachärzten fielen 14 Prozent der Leistungen der Budgetierung zum Opfer.

Gespräche erst nach dem 7. Dezember

Die Honorarverhandlungen für 2017 werden im Südwesten nur mit Verzögerungen beginnen. Denn die Kassen wollen nur mit einem neu gewählten KV-Vorstand verhandeln. Entsprechend werden die Gespräche erst nach dessen Neuwahl am 7. Dezember starten können.

Dennoch konnten bereits für das kommende Jahr wichtige Pflöcke eingeschlagen werden, berichtete Metke, der mit großer Wahrscheinlich auch der künftige KV-Chef sein wird. Denn am Dienstag habe der Vorstand mit den Kassen eine Prüfvereinbarung für 2017 aushandeln können. Diese regelt, nach welcher Systematik ärztlich erbrachte und veranlasste Leistungen geprüft werden. Hier brannten insbesondere den Pädiatern in den vergangenen Jahren die Heilmittelverordnungen auf den Nägeln.

Im Jahr 2014 haben über 4000 Ärzte im Südwesten ihre Richtgrößen bei Heilmitteln um mehr als 25 Prozent überschritten. Vereinbart wurde mit den Kassen nun, dass die tatsächliche Versorgung des Jahres 2014 als Durchschnittswert festgelegt wird. Die Richtgrößen sollen rückwirkend entsprechend angepasst werden.

Dadurch könne die Zahl der Ärzte, die mit einem Prüfbescheid rechnen müssten, von 4000 auf rund 400 gesenkt werden. Mehr sei in den Verhandlungen mit den Kassen nicht zu erreichen gewesen, bedauerte Metke.

KV-Chef konnte Ziel nicht erreichen

Der KV-Chef musste zugeben, er habe sein Ziel, Baden-Württemberg zu einer "regressfreien Zone" zu machen, nicht erreichen können. Im Jahr 2013 wurde gegen 2,48 Prozent der Ärzte ein Prüfverfahren wegen Überschreitung der Arzneimittel-Richtgrößen eingeleitet. 60 Ärzte erhielten schlussendlich einen Regress. Die Spannweite der ausgesprochenen Regresse reichte 2013 von 430 bis 143.000 Euro, berichtete Metke.

Die neue Prüfvereinbarung, die von den Kassen noch nicht unterschrieben sei, bringe für niedergelassene Ärzte Fortschritte, betonte der KV-Chef. So werde die Quote der zu prüfenden Ärzte auf fünf Prozent einer Fachgruppe begrenzt. Ein „Welpenschutz“ sorge dafür, dass Ärzte zwei Jahre nach ihrer Neuniederlassung von Regressen verschont werden.

Zudem wird eine „Amnestie“-Regelung eingeführt. Sie soll nach einem „straffreien“ Zeitraum von fünf Jahren gelten. Danach soll erneut der Grundsatz „Beratung vor Regress“ greifen. Mit großem Beifall nahmen die Vertreter die Ankündigung auf, alle Bereiche der ambulanten Versorgung, auch Hochschulambulanzen oder Psychiatrische Institutsambulanzen, würden nach den selben Prüfmaßstäben kontrolliert.

"Angstpotenzial" reduzieren

Erstmals sei es gelungen, mit den Kassen eine Begrenzung der Haftungssumme bei einem Regress zu erreichen. Zeige ein Arzt trotz Beratung auch im nächsten Jahr ein nicht begründbares „auffälliges“ Verordnungsverhalten, dann wird die Regresssumme auf maximal zehn Prozent seines GKV-Umsatzes begrenzt. Setzt sich die Überschreitung weiter fort, soll der Regress auf maximal 25 Prozent des Umsatzes limitiert sein.

Für die künftige Regelung, mit der Richtgrößen abgelöst werden sollen, hat der KV-Vorstand bereits ein Konzept entwickelt. Das Modell nennt sich „Praxisindividueller Richtwert“. Dabei handelt es sich um einen rezeptfallbezogenen Wert je Patient, der die spezifische Morbidität der Patienten in einer Praxis abbilden soll, berichtete Metke.

Dieses Modell, so seine Ankündigung, werde „mit wenigen Ausnahmen zu weniger Auffälligkeiten führen“. Das „Angstpotenzial“ der bisherigen Richtgrößenprüfungen könne so reduziert werden.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Südwesten: Der Regress-Prügel bleibt

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