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Ärzte Zeitung online, 23.03.2017

Ökonomisierung

Diabetologen fordern Recht auf Medizin ohne Renditeziele

Geraten die Diabetologen unter die Räder der Renditeorientierung der Krankenhäuser? Verbändevertreter sagen ja und fordern staatliche Garantien für Abteilungen, in denen die sprechende Medizin ganz unrentabel die Hauptrolle spielt.

Von Anno Fricke

BERLIN. Einen stärkeren Zugriff der Bundespolitik auf die Krankenhausplanung und -finanzierung fordern die Diabetologen. Die Einengung von Tätigkeitsfeldern in der Inneren Medizin auf wirtschaftlich ertragreiche Schwerpunkte sei nicht akzeptabel.

"Im Prozess der Ökonomisierung der Medizin bleibt das Arzt-Patienten-Verhältnis auf der Strecke", warnte Professor Ulrich Fölsch beim Frühjahrsempfang der Deutschen Diabetes Gesellschaft am Dienstagabend in Berlin. Die Fehlanreize des Fallpauschalensystems und die zunehmende Privatisierung des Kliniksektors, ließen die Verantwortlichen die Bedürfnisse der Patienten aus dem Blick verlieren, sagte der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM). Das Wohl der Patienten werde bedroht, weil ärztliche Therapieentscheidungen zunehmend durch betriebswirtschaftliche Erwägungen geleitet würden.

Fölsch fordert mehr Aggressivität

Die privaten Konzerne erwarteten eine Rendite von zehn bis zwölf Prozent im Jahr. Das führe zu Kürzungen bei weniger rentablen Stationen. Deutschlandweit seien bereits Abteilungen, die ertragsschwach waren, geschlossen worden, das Personal entlassen, sagte Fölsch. Mit Patientengesprächen könne man kein Geld verdienen, mit Operationen und technischen Leistungen sehr wohl, so Fölsch. Das habe die Diabetologenim Klinikbetrieb in eine defensive Position gebracht.

Fölsch forderte, dass die "Ärzte ihre Stimme wesentlich aggressiver gegen die Kommerzialisierung der Kliniken erheben" müssten. "Wir müssen lernen, dass wir keine Wirtschaftsunternehmen sind. Wir brauchen keinen Gewinn", sagte der Internist und Gastroenterologe.

Die Zahl der privaten Krankenhäuser in Deutschland hat seit dem Jahr 2000 von 486 auf 695 zugenommen. Die Zahl der Kliniken in öffentlicher Trägerschaft ist seither von 844 auf 589 gesunken, gibt die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) an.

Diabetes und Krankenhaus scheint keine gute Kombination zu sein. "In jedem Krankenhaus haben 30 Prozent der Menschen einen Diabetes. Und so gut wie kein Krankenhaus hat eine adäquate Versorgung", sagte der DDG-Vizepräsident Professor Dirk Müller-Wieland. Hier sei der Staat als Garant der Sicherstellung der Versorgung gefordert. Zudem müssten die medizinischen Fachgesellschaften formulieren, was aus medizinischer Sicht mindestens vorgehalten werden müsse. Das würde Chefärzten Rückendeckung gegenüber der kaufmännischen Leitung geben. Dafür müssten die Fachgesellschaften aber auch in die Strukturen der Selbstverwaltung eingebunden werden können.

Dass die Abschottung der Sektoren und die unterschiedliche Vergütung gleicher Leistungen im stationären und im ambulanten Sektor als Veränderungsbremsen wirken, ist allgemein akzeptiert. "Die Sektorengrenze bringt die Politik zur Verzweiflung", sagte der CDU-Bundestagsabgeordnete Michael Hennrich. Es würden zu viele Leistungen stationär erbracht. Über den Innovationsfonds und das Institut für Qualität und Transparenz im Gesundheitswesen versuche der Gesetzgeber an dieser Stelle gegenzusteuern. Ihm fehle allerdings die Phantasie, wie sich Diabetes in den Fallpauschalen abbilden ließe.

Knieps warnt vor Illusionen

Ohne Ökonomie funktioniere auch das Gesundheitswesen nicht, mahnte Franz Knieps, Vorsitzender des BKK-Dachverbands. Jede medizinische Entscheidung sei eine über den Verbrauch von Ressourcen. Knieps erinnerte zudem daran, dass das Gesundheitswesen Deutschlands größter Wirtschaftszweig sei und nicht nur von Idealismus zusammengehalten werde. Knieps zeigte grundlegende Widersprüche auf. Es gebe die betriebswirtschaftliche Optimierung der Krankenhäuser, der Einzelpraxen und der Krankenkassen. Es gebe aber nicht die volkswirtschaftliche Optimierung des Gesundheitswesens. Beispiel seien die unterschiedlichen Vergütungssysteme für Ärzte sowohl im ambulanten als auch stationären Sektor. "Das ist nicht mehr zeitgemäß", sagte Knieps. Es bedürfe wieder eines stärkeren Primats der Politik und verbindliche Entscheidungen zum Bedarf, an die sich Ärzte, Krankenhäuser und Kostenträger zu halten hätten.

Knieps warnte vor Illusionen. Eingriffe an dieser Stelle könnten zwei Legislaturperioden dauern. Gleichwohl animierte Knieps zur Zivilcourage. "Wir brauchen eine starke Ärzteschaft, die klar macht, dass sie Verletzungen der medizinischen Ethik durch den Kommerz nicht hinnehmen wird", sagte Knieps.

Organisatorische Änderungen in den Verwaltungen der Krankenhäuser mahnte Ralf Heyder, Generalsekretär des Verbands der Universtätsklinika, an. Ökonomische Anreize seien sehr stark. Deshalb müsse die medizinische Perspektive immer in der Geschäftsführung der Krankenhäuser vertreten sein.

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