Ärzte Zeitung, 24.07.2008

Den Letten laufen die Ärzte weg

Viele Mediziner suchen der besseren Bezahlung wegen ihr Glück in Skandinavien, Traumziel ist aber die USA

RIGA. Das kleine Lettland hat mit einem Problem zu kämpfen, das eher ungewöhnlich anmutet: Es gibt zu viele Krankenhäuser und zu viele Arztpraxen.

Von Sebastian Becker

Das lettische Parlamentsgebäude in Riga. Hier werden auch Entscheidungen getroffen, die das staatliche Gesundheitssystem betreffen.

Foto: imago

"Ja, wir haben eine Überversorgung", sagt ein einheimischer Experte im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". Die ehemalige Sowjet-Republik mit etwa 2,3 Millionen Einwohnern, die zwischen Estland und Litauen liegt, ist für viele noch ein weitgehend unbekanntes Terrain. Wenn West-Europäer Lettland besuchen, dann sind es meistens Touristen im Rentenalter, die dort geboren wurden und die nach Spuren ihrer Herkunft suchen. Und die Schwierigkeiten, die dort den Ärzten zu schaffen machen, kennt man in westlichen Ländern auch nicht unbedingt.

"Die Spitäler liegen manchmal 60 oder 70 Kilometer auseinander", führt der Fachmann weiter aus. Die Gynäkologie habe 24 Stunden am Tag geöffnet, obwohl nur eine Frau gebäre. "Trotzdem müssen immer eine Geburtshilfe und eine Fachkraft vor Ort sein." Das stehe doch in keinem Verhältnis, kritisiert er.

Das kleine Lettland macht derzeit tiefgreifende Veränderungen durch, und die alten Strukturen aus der Sowjet-Zeit prägen das Land derzeit immer noch. Bislang gibt es keinen starken privaten Sektor. So ist die stationäre Versorgung nach wie vor in staatlicher Hand - nur die ambulanten Praxen werden manchmal von Ärzten geleitet, die auf eigene Rechnung ihre Dienstleistungen anbieten. Dort gibt es auch ein privates Versicherungssystem. Ansonsten muss jeder Patient, der im staatlichen System versichert ist, zwischen 20 und 30 Prozent an Zuzahlungen leisten.

"Der lettische Staat gibt insgesamt zu wenig Geld für die medizinische Versorgung aus", erklärt der Experte. Im laufenden Jahr betragen die Ausgaben 750 Millionen Lat (etwa 1,067 Milliarden Euro). Das sind etwa 300 Lat (etwa 426 Euro) je Einwohner und Jahr. Das Gesundheitssystem sei nur unzureichend finanziert, so die Kritik einheimischer Fachleute. Es gibt zu wenig Geld für die Ausstattung der medizinischen Einrichtungen und Krankenhäuser und für die Bezahlung des Personals.

Das System gilt Experten als ineffizient.

Im Durchschnitt verdient ein lettischer Arzt umgerechnet 1500 Euro. Eine Krankenschwester oder eine Arzthelferin kommt auf 600 bis 700 Euro. Das ist im Vergleich zu westeuropäischen Staaten wenig, auch wenn man berücksichtigt, dass die Lebenshaltungskosten in Lettland wesentlich geringer sind. Das Lohnniveau bewegt sich auf der Höhe dessen, was im Nachbarland Litauen gezahlt wird - und es liegt höher als die Einkommen in Bulgarien. In Lettland ist das Durchschnittsgehalt nur etwa ein Drittel so hoch wie in Deutschland. Das führt dazu, dass immer mehr lettische Ärzte ins westliche Ausland abwandern, und zwar hauptsächlich nach Skandinavien.

"Wir haben massive Schwierigkeiten, weil diese Länder bei uns Arbeitskräfte abwerben", erklärt der Experte, der namentlich nicht genannt werden möchte. Manche der Ärzte gingen aber auch nur als Aushilfe während der Sommerzeit nach Schweden oder Norwegen. "Von 300 Medizinern, die wir im Jahr ausbilden, geht ein Drittel ins Ausland", so der Experte. Das Hauptziel bleibe für viele aber die USA.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Luftschadstoffe beeinträchtigen viele Organsysteme

Die Lunge gilt zwar als Eintrittspforte für Schadstoffe aus der Luft, kurz- und langfristige Gesundheitsschäden scheinen jedoch vor allem im Herzkreislaufsystem aufzutreten. mehr »

Kompromiss im Tauschhandel?

18:31 Kaum verkündet, war der Kompromiss zur Pflegeausbildung auch schon wieder vom Tisch. Doch jetzt soll der Koalitionsausschuss eine Einigung bringen. Offenbar bahnt sich ein Handel zwischen CDU und SPD an. mehr »

Für die Union ist Substitution von Ärzten kein Tabu

Nichtärztliche Gesundheitsberufe sollen stärker in die Versorgung eingebunden werden, fordert die Union. Ärztepräsident Montgomery benennt die Fallstricke für solche Pläne. mehr »