Ärzte Zeitung online, 14.08.2008

Kämpfe in Georgien erschweren die Hilfe für Flüchtlinge

DARMSTADT (ine). Russische Luftangriffe, plündernde ossetische Milizen: Was derzeit in Georgien passiert, darüber gibt es viele widersprüchlichen Angaben. Fakt ist: Vor den militärischen Auseinandersetzungen im Kaukasus fliehen viele Menschen. Vertreter des Internationalen Komitee des Roten Kreuzes (IKRK) warnen vor einer sich dramatisch verschlechternden Lage im Krisengebiet.

Kämpfe in Georgien erschweren die Hilfe für Flüchtlinge.

Foto: dpa

Das Auswärtige Amt hat eine Million Euro für humanitäre Hilfsaktionen zur Verfügung gestellt. Mit dem Geld sollen Notunterkünfte, die medizinische Notversorgung der Flüchtlinge sowie Hilfsgüter finanziert werden, teilt das Auswärtige Amt in Berlin mit.

Viele Hilfsorganisationen sind in der Krisenregion bereits aktiv. Das Rote Kreuz hat fünf Millionen Euro Soforthilfe bereitgestellt, um Verletzte und Flüchtlinge mit Hilfsgütern und Nahrungsmitteln versorgen zu können. Ein Transportflugzeug mit 15 Tonnen Hilfsgütern ist bereits in Georgien angekommen. "Die Fracht besteht aus Medikamenten und einer Trinkwasseraufbereitungsanlage, die 20 000 Menschen mit sauberem Wasser versorgen kann", so Dominique Liengme, Leiterin der IKRK-Delegation in Tiflis in einer Mitteilung. "Wir brauchen jetzt sichere Flucht- und Versorgungswege für die Hilfskräfte." Nur in Nord-Ossetien könnten sich die Helfer einigermaßen frei bewegen. Ein Chirurgenteam sei in der Stadt Gori in Südossetien im Einsatz, um die Ärzte dort zu unterstützen.

Auch die Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" ist mit zwei Hilfsteams in Nordossetien. Dort wird der größte Ansturm von Flüchtlingen aus dem Süden erwartet. Die Teams sind darauf vorbereitet, Personal, medizinische Materialien und Medikamente bereitzustellen. "Derzeit scheinen die Bedürfnisse der Flüchtlinge allerdings durch die russischen Gesundheitsbehörden und die Nothilfeorganisation Emercom abgedeckt zu werden", so die Einschätzung der Ärzte. "Unsere Mitarbeiter versuchen zudem, nach Südossetien zu gelangen - das ist bislang allerdings unmöglich", sagt "Ärzte ohne Grenzen"-Pressesprecherin Christiane Löll zur "Ärzte Zeitung".

In der georgischen Hauptstadt Tiflis arbeiten die Teams von "Ärzte ohne Grenzen" mit den Gesundheitsbehörden zusammen, um Patienten, die Verletzungen und Verbrennungen erlitten haben, mit Medikamenten versorgen zu können. Bislang, so die Ärzte-Organisation, seien in ganz Georgien über 1200 verletzte Patienten in Kliniken aufgenommen worden. Sie würden überwiegend von einheimischen Ärzten versorgt.

Sorgen machen sich die Verantwortlichen von "Ärzte ohne Grenzen" um ihre Programme zur Behandlung von Patienten mit multiresistenter Tuberkulose (TBC). In Georgien ist das Risiko, an TBC zu erkranken, etwa zehn Mal höher als in Deutschland. In Abchasien werden über 80 Patienten von Mitarbeitern mit Medikamenten versorgt - und die Vorräte gehen zur Neige. "Das ist ein Riesenproblem", sagt Löll. Eine Unterbrechung der Programme könne schwerwiegende gesundheitliche Folgen für die Patienten haben.

Alle Hilfsorganisationen haben das Problem, dass ihre Arbeit vor Ort durch große Mängel im Gesundheitswesen erschwert wird. Die Ausstattung der georgischen Kliniken ist veraltet und unzureichend. Seit Jahren versucht die georgische Regierung, das Gesundheitssystem aus der Krise zu bringen. Unter anderem hatte der Georgische Minister für Arbeit, Soziales und Gesundheit, Lado Tschipaschwili, viele Krankenhäuser privatisiert.

Die Folge: "Viele medizinischen Leistungen sind für die arme Bevölkerung nicht mehr bezahlbar", heißt es beim Bundesministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit in Berlin. Es fehlt an Geräten, Verbrauchsgütern und Medikamenten.

Stichwort Georgien-Konflikt

In Georgien leben über 4,5 Millionen Menschen. Das Land liegt südlich des Kaukasus am Schwarzen Meer. Hauptstadt ist Tiflis mit 1,3 Millionen Einwohnern. 1991, nach der Auflösung der Sowjetunion, wurde Georgien eine unabhängige demokratische Republik. Abchasien im Nordwesten und Südossetien erkannte die neue Regierung in Tiflis den Status autonomer Regionen ab. Daraufhin kam es zu gewaltsamen Konflikten. Bis heute gelten Abchasien und Südossetien völkerrechtlich als Teile Georgiens.

Derzeit versuchen die Abchasen, die Georgier aus dem Kodori-Tal zu vertreiben. Es ist der einzige Teil von Abchasien, der noch unter georgischer Kontrolle steht. 2006 hatte die georgische Polizei das Tal erobert und die dort lebenden Abchasen vertrieben.

In Südossetien hat sich der Konflikt mit Georgien 2005 zugespitzt. Damals hatte die georgische Regierung Südossetien weitgehende Autonomie angeboten. Die Südosseten hatten dies abgelehnt. Russland eilte daraufhin den Südosseten zu Hilfe und verstärkte die Truppen. 2006 kam es zu ersten militärischen Zwischenfällen, die jetzt im August eskalierten.

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