Ärzte Zeitung online, 12.02.2009

"Wie ein Kerker" - Spanien über Missstände in Kinderheimen geschockt

MADRID (dpa). "Sie werden in einen winzigen dunklen Raum ohne Fenster gesperrt, dessen Wände mit einem schwarzen, stinkenden Gummi beschichtet sind. Die Luft ist unerträglich. Eine kleine Luke in der Panzertür dient zur Beobachtung." Die Beschreibung klingt nach einem schaurigen Gefängnis - sie stammt aber aus einem Bericht über erschütternde Zustände und Misshandlungen in vielen Kinderheimen Spaniens, der kürzlich dem Parlament in Madrid übergeben wurde.

Verfasst wurde er vom Bürgerbeauftragten Enrique Múgica, der als unabhängige Instanz über das korrekte Funktionieren der Verwaltung wacht.

Der Bericht hat das Land geschockt. Zumal es um Heime geht, die zwar meistens privat verwaltet, aber vom Staat getragen werden. In ihnen leben hunderte Mädchen und Jungen zwischen 11 und 18 Jahren, die als schwer erziehbar gelten, aus zerrütteten Familien stammen oder sozial verwahrlost sind. Es handelt sich nicht um Verbrecher, keines der Kinder ist straffällig geworden. "Dennoch fühlten wir uns zuweilen an Kerker aus dem Mittelalter erinnert", schreibt einer der Autoren des fast 500 Seiten starken Dossiers. Ganz "unheimlich" sei es in manchem der Häuser gewesen.

Was die Berichterstatter Múgicas auf der Grundlage von Besuchen und Gesprächen mit Bewohnern und ehemaligen Heimbetreuern festhielten, ist erschreckend. So werden Kinder, die nicht gehorchen oder aggressiv sind, in einigen Heimen bis zu drei Tage lang in sogenannte "reizarme" oder "Auszeit-Zimmer" gesteckt. Hinter den Euphemismen verbergen sich Zellen, die eher an Isolationshaft erinnern.

Andere Kinder werden dem Bericht zufolge zur Strafe auf den Toiletten eingesperrt, ans Bett gebunden, an den Handgelenken mit einem ungeliebten Mitbewohner gefesselt oder sie müssen im Winter in Latschen durch die Kälte laufen, bekommen keine Mahlzeiten und dürfen tagelang nicht in die Schule. "Kreative Erziehungsmaßnahmen" wird dies in mancher Heimordnung genannt. Immer wieder ist auch die Rede von brutaler "Zügelung" durch die - meist schlecht bezahlten - Betreuer. "Sie werfen dich auf den Boden und verdrehen dir Arme und Beine, bis du blaue Flecken hast", schilderte ein heute 18-Jähriger, der fast fünf Jahre in einem Madrider Heim lebte, der Zeitung "El País". "Du möchtest sterben - oder dich vor einen Zug werfen."

Er bestätigte einen weiteren Punkt des Berichts: Demnach werden die Kinder oftmals - ohne ärztliche Kontrolle - mit Tabletten ruhig gestellt - etwa mit Antidepressiva oder Medikamenten gegen Schizophrenie. "Ich musste jeden Abend eine Pille schlucken, die mich völlig benebelte. Sonst wurde ich in mein Zimmer gesperrt", erzählte ein anderer Jugendlicher, der schließlich aus dem Heim floh und nun auf der Straße lebt. Andere gingen noch weiter: Im vergangenen Jahr nahmen sich Presseberichten zufolge zwei Zwölfjährige in Heimen in Madrid und Alicante das Leben - sie erhängten sich mit der Jalousie-Schnur und einem Laken.

Der Chef einer der im Bericht kritisierten Betreibergesellschaften wies die Vorwürfe zurück. Es handele sich um Erfindungen der Kinder und unzufriedener Ex-Mitarbeiter. Die Regierung in Madrid sieht das aber nicht so. Sie forderte die Generalstaatsanwaltschaft auf, Ermittlungen einzuleiten und versprach eine lückenlose Aufklärung.

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